Von Sven Astheimer
01. April 2008 Trotz eingetrübter Konjunkturerwartungen und der Unruhe an den Finanzmärkten - der Arbeitsmarkt präsentiert sich in diesem Frühjahr in der besten Verfassung seit langem. Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist im März um 110.000 auf 3.507.000 gesunken. Die Fachleute gehen davon aus, dass der Jahresdurchschnitt um 300 000 sinken wird - auch wenn sich der Abbau in der zweiten Jahreshälfte deutlich verlangsamen dürfte. Dennoch hat der Aufschwung am Arbeitsmarkt - immerhin waren zwei Jahre zuvor noch mehr als 5 Millionen Arbeitslose registriert - den Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) zu der Aussage bewogen, Deutschland befinde sich auf dem besten Weg in die Vollbeschäftigung. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt äußerte sich ähnlich.
Glos beruft sich auf 1400 neue Arbeitsplätze, die jeden Tag geschaffen würden. Da irrt der Minister sogar leicht, denn nimmt man die neuste Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von 27,22 Millionen (Dezember 2007), dann ergibt dies gegenüber dem Vorjahr eine Differenz von fast 590 000. Geteilt durch die Zahl der Tage eines Jahres, kommt man sogar auf rund 1600 zusätzliche Stellen je Tag. Ob dies allerdings reicht, um in Deutschland flächendeckend die Vollbeschäftigung auszurufen, daran darf gezweifelt werden. "Es gibt starke regionale Vorbehalte", sagt Uwe Blien, Leiter des Forschungsbereiches Regionale Arbeitsmärkte am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Vor allem für Ostdeutschland sieht der Wissenschaftler auch mittelfristig kaum Chancen, angesichts von Arbeitslosenquoten, die häufig die Marke von 20 Prozent übertreffen.
Speckgürtel um München und Stuttgart
Eine allgemeingültige Prozent-Marke für Vollbeschäftigung existiert nicht. Das Konzept beschreibt als eines der wirtschaftspolitischen Ziele des Staates einen Zustand, in dem für jede Erwerbsperson ein Arbeitsplatz existiert. Das heißt, die strukturell verfestigte Arbeitslosigkeit ist weitestgehend eliminiert. Dagegen gibt es auch in dieser Situation Menschen, die etwa wegen eines Wohnortwechsels oder aus sonstigen persönlichen Gründen den Beruf wechseln und deshalb arbeitslos sind. Von dem Ausmaß dieser "friktionellen" oder "Sucharbeitslosigkeit" hängt es ab, ab wann von Vollbeschäftigung gesprochen wird. In Deutschland herrschte während des Wirtschaftswunders Anfang der sechziger Jahre Vollbeschäftigung mit Arbeitslosenquoten von einem Prozent und weniger. Mittlerweile gelten in der Wissenschaft etwa 4 Prozent als Obergrenze.
Derzeit herrscht zum Beispiel in Norwegen Vollbeschäftigung, wo die Quote im Februar bei 1,7 Prozent lag und im Durchschnitt des vergangenen Jahres 1,9 Prozent betrug. Für Deutschland kann davon aber noch keine Rede sein angesichts von mehr als 8 Prozent. Anders stellt sich die Lage bei einer regionalen Betrachtung dar: Die Landkarte weist für einen Großteil der Kreise in Baden-Württemberg sowie in Mittel- und Südbayern eine Arbeitslosenquote zwischen 1,8 und 4,8 Prozent aus. "Die ländlichen Gebiete schneiden am besten ab", sagt Uwe Blien. Vor allem, wenn sie im Speckgürtel einer Metropole wie München oder Stuttgart liegen und viele Einwohner als Pendler dort ihren Arbeitsplatz antreten. Zudem spielen oft lokale Sondereffekte eine große Rolle: So sei die sehr niedrige Arbeitslosigkeit im Landkreis Erding vor allem auf den hohen Arbeitskräftebedarf des dort angesiedelten und stark expandierenden Münchner Flughafens Franz Josef Strauß zurückzuführen. Außer im Süden gibt es ähnlich niedrige Werte nur noch in einigen Regionen von Rheinland-Pfalz, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu Luxemburg liegen, sowie im Umfeld von Hamburg.
Gute Entwicklung im Bayerischen Wald
Ein gutes Beispiel für die Chancen, die sich Arbeitsmärkten in Grenzregionen bieten, stellen Blien zufolge auch einige Kommunen im Bayerischen Wald dar. Seien diese vor zwanzig Jahren aus beschäftigungspolitischer Sicht noch Krisengebiete gewesen, profitierten die Einwohner heute von den wirtschaftlichen Beziehungen zum nahen Tschechien.
Dagegen bleibe in Ostdeutschland nach wie vor viel Potential ungenutzt. Denn eigentlich könnten die neuen Bundesländer vom Aufschwung in den mittel- und osteuropäischen Ländern profitieren und "sich wie Japan von China aus der Krise ziehen lassen", findet Blien. Doch davon sei bislang nicht viel zu spüren. Die Attraktivität von Frankfurt an der Oder und auch Berlin als strategische Unternehmensstandorte sei relativ gering. Die Orientierung an den expandierenden Wirtschaftsräumen im Osten fehle bislang, ein Umlenken und -denken sei nicht erkennbar. Blien bemüht das beliebte Bild vom großen Tanker: "Einmal angestoßen, ist er von seinem Kurs nur schwer wieder abzubringen."
Text: F.A.Z., 01.04.2008, Nr. 76 / Seite 12
Bildmaterial: Bundesagentur für Arbeit
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Steuerleid eines Mittelständlers
Rentner geraten ins Visier des Fiskus
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