Konjunktur

Ifo: Risiken für den Aufschwung wachsen

26. März 2004 Die Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland hat einen Dämpfer erhalten. Der Geschäftsklimaindex des Münchener Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung ist im März deutlich und zum zweiten Mal in Folge gefallen: Der Index rutschte von 96,4 auf 95,4 Punkte und liegt damit so niedrig wie zuletzt im Oktober. Analysten hatten ein geringeres Minus erwartet. Nach einer Faustregel zeigt ein dreimaliger Rückgang des Ifo-Indikators das Ende einer Konjunkturerholung an.

"Der Aufschwung ist noch nicht kaputt, aber er ist deutlich gefährdet", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn dieser Zeitung. "Es ist zu befürchten, daß das bißchen Aufschwung, was wir seit dem vergangenen Sommer hatten, schon wieder alles war." Sinn forderte die Europäische Zentralbank (EZB) auf, sofort den Leitzins von 2 Prozent um mindestens einen Viertelprozentpunkt zu senken, um den Aufschwung zu retten. Der Ökonom kündigte ferner an, daß das Ifo-Institut seine Wachstumsprognose von 1,8 Prozent für Deutschland senken werde. "Diese Zahlen sind nicht mehr zu halten."

In den vergangenen Wochen hatten mehrere Forschungsinstitute und Analysten aus Banken mit zuvor ähnlich hohen Erwartungen ihre Wachstumseinschätzungen zurückgenommen. Der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Wolfgang Wiegard, sagte am Freitag in Frankfurt, die Abwärtsrisiken seien gewachsen. Den zweiten Rückgang des Ifo-Geschäftsklimaindex in Folge solle man aber noch nicht zum Anlaß nehmen, die Wachstumsprognosen zu senken. Der Rat erwartet ein Wachstum für 2004 von 1,6 Prozent. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW), Klaus Zimmermann, sagte zu dem Rückgang des Ifo-Index: "Ich würde das noch nicht als bedenklich einschätzen." Das DIW rechnet mit einem Wachstum von 1,4 Prozent.

Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) nannte die gesunkenen Geschäftserwartungen ein "Warnsignal". Die Bundesregierung hält an ihrer Wachstumsprognose von 1,5 bis 2,0 Prozent fest. Ifo-Präsident Sinn sagte, die Anschläge von Madrid hätten keine negativen Auswirkungen auf die Stimmung der Unternehmen gehabt. Verantwortlich für den Rückgang des Geschäftsklimaindex sei die lahmende Binnennachfrage. Dagegen schätzten die Unternehmen die Exporterwartungen besser ein. Die Deutschen würden langsam erkennen, daß es mit dem Sozialstaat so wie bisher nicht weitergehen könne, und hielten sich deshalb mit dem Konsum zurück, sagte Sinn. Die höhere Ersparnis in Investitionen umzusetzen sei indes mit Schwierigkeiten verbunden.

Die vom Ifo-Institut befragten 7000 Unternehmen schätzten im Saldo sowohl die künftige Geschäftsentwicklung als auch - erstmals seit August 2003 - die aktuelle Geschäftslage schlechter ein. Negativ entwickelte sich das Geschäftsklima im Einzelhandel und im Verarbeitenden Gewerbe. Dagegen besserte sich die Stimmung im Bauhauptgewerbe und im Großhandel ein wenig.

Volkswirte werteten die insgesamt sinkenden Zukunftserwartungen als Korrektur eines zu großen Optimismus und betrachteten die zurückgehende Lageeinschätzung als ernsthaftes Warnsignal. Eine Zinssenkung der EZB sei nun wahrscheinlicher geworden, hieß es vielfach. Die Zinssätze auf Terminkontrakte an den Geldmärkten zeigten keine gestiegenen Erwartungen einer Zinssenkung an. Der Euro stieg nach Veröffentlichung des Ifo-Indikators um rund einen amerikanischen Cent auf knapp 1,22 Dollar je Euro. Der Deutsche Aktienindex gab am Freitag nach.

Text: pwe. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.03.2004, Nr. 74 / Seite 11
Bildmaterial: F.A.Z.

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