China

Hinter der glänzenden Fassade wachsen Chinas Probleme

Jenseits der Schlagzeilen ringt China auch mit Strukturproblemen

Jenseits der Schlagzeilen ringt China auch mit Strukturproblemen

13. September 2004 Die Bank of China (BoC) hat schon 15.000 ihrer Mitarbeiter abgemahnt oder aufgrund von Fehlern und Betrugsversuchen entlassen. Das sagt Zhu Min, der Vizepräsident der führenden Bank des Landes. "Es könnten weitere 25.000 folgen", fügt er hinzu, immerhin ein Fünftel der gesamten Belegschaft. Ein Vierteljahrhundert nach Beginn der wirtschaftlichen Öffnung sieht die Realität des Geschäftslebens in China anders aus, als die glänzende gesamtwirtschaftliche Fassade es vermuten läßt.

Im Durchschnitt 7 Prozent jährlich werde die Wirtschaft der Volksrepublik bis 2020 wachsen, kündigte Chinas Stellvertretender Ministerpräsident Zeng Peiyan jetzt auf dem Weltwirtschaftsforum in Peking an. Ausländische Investoren werden in diesem Jahr abermals mehr als 50 Milliarden Dollar nach China pumpen. Und doch erinnert China in einigen Aspekten "an Indonesien vor dem Ausbruch der Finanzkrise", sagt Andy Xie Guozhong, Geschäftsführer von Morgan Stanley Dean Witter in Hongkong. "Chinas Struktur ist durchsiebt von Ineffizienz, die seine Wettbewerbsfähigkeit aufzehrt und aus tiefen und möglicherweise nicht zu behebenden sozialen und systemischen Fehlern herrührt."

Drängende Probleme

Eines der drängenden Probleme ist die Qualifikation der Mitarbeiter. "Die Anpassung der Personalführung ist sehr weit hinter den Strukturverbesserungen in China zurückgeblieben", räumt Zhu ein, der bei der BoC etwa 230.000 Mitarbeiter führen muß. "Sobald man die Großstädte verläßt, nimmt die Management-Qualität rapide ab", berichtet Babak Nikzad, Partner der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in Hongkong.

"Es fehlt überall an den Fähigkeiten, von Peking erlassene neue Regeln umzusetzen." Die für eine selbst deklarierte Marktwirtschaft unpassende politische Struktur wird besonders in den Staatskonzernen augenfällig: "Wenn etwas schiefläuft, ist vollkommen unklar, wer die Verantwortung trägt: das Management, der Vorstand oder die Parteiführung", moniert Zhou Yucheng, der mit der Worldbest Gruppe selber einen der großen Staatskonzerne leitet.

Unlösbare Strukturprobleme

Wie aber läßt sich das Bild vom unaufhörlich wachsenden China und dem nicht abreißenden Investitionsstrom der Ausländer mit der Realität der Geschäftswelt vereinen? "Entscheidungen über Auslandsinvestitionen werden vor allem auf Grund der Größe des Marktes und seines erwarteten Wachstums gefällt", sagt Augusto Lopez-Claros, der Chefvolkswirt des Weltwirtschaftsforums. Insofern sei die beeindruckende Investitionshöhe kein Widerspruch zum Urteil der Unternehmensführer über China. Das fällt vernichtend aus: Im vergangenen Jahr lag das Land auf dem letzten Platz unter 102 Staaten, gewertet nach Hürden für die Geschäftsaufnahme ("red tape"). "Auch in diesem Jahr werden sich die Zahlen kaum verbessern", gibt Lopez-Claros einen Ausblick auf die Rangliste, die Mitte Oktober veröffentlicht wird.

China ringt nicht nur mit den drängenden Problemen der Blasenbildung in einigen Wirtschaftssektoren, mit sozialen Verwerfungen, einer Bankenkrise und den Altlasten der Staatskonzerne - und das alles auf Basis von weiterhin mangelnden Daten und einer schwindenden Legitimation der kommunistischen Staatsführung. Jenseits der Schlagzeilen ringt das Land auch mit Strukturproblemen, die keine Partei wird beheben können: "2020 wird fast die Hälfte unserer Menschen über 65 Jahre alt sein", fürchtet Zhu.

Weil China aber über kein breites Sozialsystem verfügt, werden die Sparquote sinken und die Zinsen steigen. "Aufgrund der niedrigeren Zahl von Arbeitskräften werden dann die Löhne steigen", entwirft Zhu das Szenario "eines ganz anderen China". Der zweite Trend sei der Zuzug der Landbevölkerung in die Städte: "Heute leben 450 Millionen Menschen in den Städten und 900 Millionen auf dem Land - das Verhältnis aber wird sich in den kommenden Jahren umkehren." Es sei extrem wichtig, die Einkommen gerechter zu verteilen und die Wertschöpfung zu erhöhen.

Zinsspekulation

Im August ist die Inflationsrate in China mit 5,3 Prozent auf den höchsten Stand seit sieben Jahren und deutlich schneller als von der Regierung angestrebt gestiegen. Sie übertrifft damit weiterhin die Spar- und Kreditzinsen, was die Chinesen zur Aufnahme billigen Geldes verleitet. Die Investitionstätigkeit soll zugleich nach vorläufigen Zahlen um starke 26 Prozent gestiegen sein; im Juli betrug der Anstieg 31 Prozent. Weil die Bemühungen der Regierung, die Kreditvergaben einzuschränken (F.A.Z. vom 13. September), nicht im erhofften Maße greifen, rechnen Beobachter nun mit einer baldigen Zinserhöhung - der ersten seit einem Jahrzehnt. Ma Jun von der Deutschen Bank erwartet, daß der Zins für einjährige Unternehmenskredite in drei Schritten von derzeit 5,31 Prozent um insgesamt 75 Basispunkte erhöht werde. Der Aktienmarkt in Schanghai reagierte auf die Zinsspekulationen mit einem Minus von 2,1 Prozent und schloß am Montag auf dem tiefsten Stand seit Anfang Juni 1999.

Text: che., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.09.2004, Nr. 214 / Seite 12
Bildmaterial: AP

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