24. Mai 2005 Die deutsche Wirtschaft hat in den ersten drei Monaten dieses Jahres nur vom Außenhandel gelebt. Die Binnenwirtschaft lag dagegen darnieder. Dies geht aus den Detailangaben des Statistischen Bundesamts zur wirtschaftlichen Entwicklung hervor.
Die Statistiker bestätigten am Dienstag ihre Schnellschätzung, nach der das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Quartal um ein Prozent gegenüber dem Vorquartal kräftig wuchs (Die deutsche Wirtschaft wächst so stark wie zuletzt vor vier Jahren). In dieser Rechnung sind saisonale Effekte und die unterschiedliche Zahl der Arbeitstage berücksichtigt. Volkswirte erwarten, daß das Wachstum im zweiten Quartal auch wegen einer schwächeren Weltwirtschaft spürbar nachlassen wird. Der Indikator der ZEW-Konjunkturerwartungen, der die Stimmung unter Finanzanalysten und institutionellen Investoren angibt, fiel im Mai zum zweiten Mal nacheinander. Mit 13,9 Punkten liegt er deutlich unter dem langfristigen Mittelwert.
Export wächst, Import schrumpft
Nach den Angaben der Statistiker führten die deutschen Unternehmen im ersten Quartal 2,9 Prozent mehr Waren und Dienstleistungen aus als im Jahresschlußquartal 2004. Der Export hat sich offenbar nach einem schwachen zweiten Halbjahr 2004 wieder gefangen. Als Folge der schwachen Binnennachfrage schrumpfte zugleich der Import um 1,4 Prozent. Im Saldo von Export und Import trug der Außenhandel 1,6 Prozentpunkte zum Wachstum bei. Einen solch starken Schub durch die Außenwirtschaft gab es zuletzt im dritten Quartal 2003.
Der Präsident des Statistischen Bundesamts, Johann Hahlen, sagte auf einer Pressekonferenz in Frankfurt, die Wirtschaft habe seit 2003 die Aufwertung des Euro und die höheren Ölpreise in einer erstaunlichen Entwicklung abgeschmettert und sei außerordentlich konkurrenzfähig. Zugleich aber sei die Wirtschaft ausgesprochen exportabhängig; die inländische Verwendung sei nicht befriedigend.
Bauinvestitionen verhageln Ergebnis
Diese Grundtendenz spiegelt sich auch im ersten Quartal wider. Die inländische Verwendung fiel 0,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Der private Konsum und der Staatskonsum schrumpften in der realen und um saisonale Effekte bereinigten Rechnung um je 0,2 Prozent. Die Bruttoanlageinvestitionen schrumpften, zum ersten Mal seit Anfang 2004, um 1,7 Prozent. "Der drastische Rückgang der Bauinvestitionen hat das Ergebnis verhagelt", sagte Hahlen. Diese schrumpften um 3,9 Prozent gegenüber dem Vorquartal; sie lagen fast 11 Prozent niedriger als im Vorjahresquartal. Dagegen investierten die Unternehmen 0,9 Prozent mehr als im Vorquartal in Ausrüstungen und in sonstige Anlagen wie Computersoftware.
Statistiker streiten mit Bundesbank
Ökonomen und auch die Deutsche Bundesbank vermuten, daß das überraschend starke Wachstum im ersten Quartal wegen einer unzureichenden Bereinigung um die Zahl der Arbeitstage überzeichnet sei. Zugleich sei die schlechte Entwicklung im vierten Quartal 2004, in der das reale BIP um 0,1 Prozent schrumpfte, unterzeichnet. Hahlen wies diese Kritik zurück: "Wir stehen zu unseren Zahlen." Die Kalenderbereinigung sei nach den Regeln der Kunst mit der Bundesbank geschehen.
Die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal wurde von rund 38,6 Millionen Erwerbstätigen oder 0,5 Prozent mehr als vor einem Jahr erbracht. Die Zahl der Erwerbslosen stieg in internationaler Abgrenzung um 3,9 Prozent auf 4,3 Millionen. Die Erwerbslosenquote erhöhte sich um 0,3 Prozentpunkte auf 9,9 Prozent.
Lohnstückkosten steigen wieder
Die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen ging im ersten Quartal um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Die Lohnstückkosten je Stunde stiegen zum ersten Mal seit fünf Quartalen um 0,4 Prozent.
Das gesamte Arbeitnehmerentgelt sank um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal, während die Unternehmens- und Vermögenseinkommen dank guter Gewinne um 4,8 Prozent zulegten. Das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte stieg - schwächer als im Jahresdurchschnitt 2004 - um 0,8 Prozent; die Sparquote lag wie immer im ersten Quartal hoch, bei 14,3 Prozent.
Text: pwe. / F.A.Z., 25.05.2005, Nr. 119 / Seite 10
Bildmaterial: dpa, F.A.Z., FAZ.NET
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