01. Juni 2006 Der deutsche Ökonom und Notenbanker Jürgen Stark wird neuer Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank und im Direktorium für den Bereich Volkswirtschaft zuständig sein. Darauf hat das oberste Leitungsgremium der Zentralbank sich am Donnerstag geeinigt. Der Vizepräsident der EZB, Lucas Papademos, übernimmt den Bereich Forschung. Damit hat das Direktorium unter der Leitung von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet die wichtigen Aufgabenbereiche geteilt, die der frühere Chefvolkswirt, Otmar Issing, bis Ende Mai gemeinsam verantwortete.
Stark, der frühere Vizepräsident der Deutschen Bundesbank, wird in seiner neuen Funktion künftig bei den geldpolitischen Sitzungen des EZB-Rats die wirtschaftliche und monetäre Lage darstellen und damit die Linie der Bank mit prägen. Erstmals wird dies am kommenden Donnerstag der Fall sein, wenn der EZB-Rat zu einer auswärtigen Sitzung in Madrid zusammenkommt. Nach Umfragen erwarten Volkswirte mehrheitlich eine Zinserhöhung von 2,5 auf 2,75 Prozent. Mit dem inoffiziellen Titel Chefvolkswirt wird das Direktoriumsmitglied bezeichnet, das für den Bereich Volkswirtschaft zuständig ist.
EZB-Beobachter überrascht
EZB-Beobachter an den Finanzmärkten zeigten sich von der Umverteilung der Portfolios weitgehend überrascht. "An den Märkten hatte man nicht damit gerechnet, daß Stark den Bereich Volkswirtschaft übernimmt", sagte Julian Callow, Chefvolkswirt der Investmentbank Barclays Capital. Allgemein wurde gelobt, daß die EZB mit der Aufgabenumverteilung Kontinuität ausstrahle. Callow und viele andere Beobachter sagten, sie erwarteten keine Änderungen in der geldpolitischen Strategie der Zentralbank. Holger Schmieding von der Bank of America sagte, der für die direkte Geldpolitik wichtige Bereich Volkswirtschaft bleibe "fest in Bundesbankhänden".
Stark, der am Mittwoch seinen 58. Geburtstag feierte, war seit 1998 Vizepräsident der Deutschen Bundesbank und gilt als Verfechter einer strikten stabilitätsorientierten geldpolitischen Linie. Die Beachtung der Geldmengenentwicklung, auf die die EZB in ihrer Strategie besonderen Wert legt, gilt ihm wie seinem Vorgänger Issing als Ausweis einer guten Geldpolitik. Als früherer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium handelte Stark den Stabilitäts- und Wachstumspakt aus und hat dessen Reform wie die laxe Finanzpolitik vieler Euro-Staaten scharf kritisiert.
Trichets Einfluß gewachsen
Der Bonner Ökonom Manfred J.M. Neumann sagte: "Stark ist Ökonom von Haus aus, aber er muß noch zeigen, daß er so ein geschickter Ökonom ist, wie man das in dieser Position sein muß. Ich wäre da positiv gestimmt." Nach Neumanns Einschätzung hat Trichet mit der Trennung der Zuständigkeiten für Volkswirtschaft und Forschung seinen Einfluß im sechs Mitglieder umfassenden EZB-Direktorium gestärkt. Auf längere Sicht seien Rivalitäten zwischen den Bereichen Volkswirtschaft und Forschung nicht ausgeschlossen. Callow von Barclays Capital sieht die Teilung des Issing-Portfolios dagegen eher als Signal, daß Trichet die Kollegialität im Direktorium der Bank befördern wolle.
Dem 58 Jahre alten Papademos, der aus Issings Portfolio den Bereich Forschung übernimmt, wird häufig nachgesagt, daß er nicht so stark wie Bundesbanker an der monetären Analyse hänge. Doch ist er sich sehr bewußt, daß die monetäre Analyse auch hinsichtlich der Stabilität an den Finanzmärkten wichtig ist. Angesichts des derzeit schnellen Wachstums von Geldmenge und Krediten sieht er die Notwendigkeit weiterer Zinserhöhungen. Papademos hatte eine erfolgreiche Laufbahn als Ökonomen an amerikanischen und griechischen Universitäten hinter sich, bevor er als Chefökonom in die griechische Nationalbank wechselte und dort zum Gouverneur aufstieg. 2001 wechselte er als Vizepräsident in die EZB. Bei den anderen Aufgaben im sechs Mitglieder umfassenden EZB-Direktorium gab es nur geringfügige Umverteilungen. Papademos, der auch für Finanzstabilität und Aufsichtsfragen zuständig ist, gab einige organisatorische Aufgabenfelder ab. Stark ist neben der Volkswirtschaft auch für Informationssysteme zuständig.
Text: pwe., F.A.Z., 2. Juni 2006
Bildmaterial: AP
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