28. März 2006 Exportweltmeister - das klingt nach einem schönen Titel für Deutschland und wird von der Regierung regelmäßig gefeiert. Die Deutsche Bundesbank betrachtet die Außenhandelskrone allerdings mit weniger Enthusiasmus. Im Monatsbericht für März gibt sie zu bedenken, daß der Titel, den Deutschland 2005 zum dritten Mal in Folge trug, nicht überbewertet werden solle.
Zum einen beziehe sich der Titel nur auf den Warenhandel, schreiben die Bundesbankökonomen. Würden die Dienstleistungen mit ins Bild genommen, ginge der erste Platz an die Vereinigten Staaten. Zum anderen habe der Anstieg des Exports zwar die Konjunkturerholung gestützt. Daß deutsche Unternehmen auf ausländischen Märkten so erfolgreich sind, sei aber angesichts der Arbeitslosigkeit hierzulande und der schwachen Entwicklung des Produktivkapitals nur ein eingeschränktes Qualitätsmerkmal für den Standort.
Rekordüberschuß in der Leistungsbilanz
Die Bundesbank verdeutlicht dies in einer Analyse der Zahlungsbilanz. Danach exportiert Deutschland seit dem Jahr 2001 mehr Güter und Dienstleistungen, als es importiert. 2005 belief sich der Leistungsbilanzüberschuß auf 92,2 Milliarden Euro (Vorjahr: 81,9 Milliarden Euro) oder rund 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist ein neuer Höchststand.
Dem Überschuß in der Leistungsbilanz steht indes ein Defizit in der Kapitalbilanz gegenüber: Der Nettokapitalexport betrug im vergangenen Jahr rund 100 Milliarden Euro. Unter anderem standen den im Saldo 36,7 Milliarden Euro zusätzlichen Direktinvestitionen im Ausland nur 26,3 Milliarden Euro neue ausländische Direktinvestitionen in Deutschland gegenüber.
Mehr Direktinvestitionen
Insgesamt hätten die Direktinvestitionsströme von und nach Deutschland im vergangenen Jahr "spürbar an Fahrt aufgenommen", schreibt die Bundesbank. Vor allem gegen Jahresende hätten sich Akquisitionen und Umstrukturierungen in multinationalen Konzernen mit deutscher Beteiligung gehäuft. Deutsche Unternehmen waren mit ihren 36,7 Milliarden Euro Direktinvestitionen im Ausland wesentlich engagierter als 2004 mit nur 1,5 Milliarden. Und während ausländische Unternehmen 2004 noch 12 Milliarden Euro aus Deutschland abgezogen haben, investierten sie im vergangenen Jahr 26,3 Milliarden. Insgesamt deutet das Defizit in der Kapitalbilanz nach Analyse der Bundesbank aber darauf hin, daß Kapitalanleger im Ausland höhere Renditen erwarten und die Investitionsbedingungen dort besser sind.
Aus zwei Gründen sei Deutschland im internationalen Standortwettbewerb zurückgefallen, schreibt die Bundesbank: Die Länder Mittel- und Osteuropas, vor allem die Neulinge in der Europäischen Union, seien für ausländische Direktinvestitionen deutlich attraktiver geworden. Auch in vielen Schwellenländern außerhalb Europas hätten sich die Investitionsbedingungen stark verbessert, vor allem in China. Die Tatsache, daß Deutschland Exportweltmeister sei, habe der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des hiesigen Standorts also wenig genützt, analysiert die Bundesbank. Sie läßt aber gelten, daß das kräftige Ausfuhrwachstum ein Beleg für die hohe Leistungsfähigkeit der deutschen Exportwirtschaft sei.
Text: rike. / F.A.Z., 28.03.2006, Nr. 74 / Seite 15
Bildmaterial: F.A.Z.
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Kommentar: Die Rückkehr des Plus
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