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Wirtschaftsweiser Bert Rürup

„Spielräume nicht genutzt“

Eine skeptische Stimme zur deutschen Wachstumskraft: Der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirstchaftlichen Entwicklung, Bert Rürup, warnt vor übertriebener Euphorie.

Der Skeptiker: Bert RürupDer Skeptiker: Bert Rürup

14. Mai 2007 

Bert Rürup, der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirstchaftlichen Entwicklung, ist im Aufschwung skeptisch. Die drastischen Anhebungen des Wachstumspotentials durch manche Ökonomen hält er für übertrieben.

Herr Rürup, angesichts der jüngst angehobenen Potentialwachstumswerte erhält man den Eindruck, dass diese Schätzungen auch einer gewissen psychologischen Konjunktur unterliegen.

Die EU-Kommission, die OECD oder der Sachverständigenrat (SVR) haben im Durchschnitt die Potentialschätzungen für 2006 um 0,2 Prozentpunkte angehoben. Die Bandbreite liegt nun bei 1,3 bis 1,6 Prozent. Das sind eher moderate Anhebungen. Allerdings ist es zeitnah faktisch unmöglich, die Wirkung von Strukturreformen valide zu schätzen. Deshalb halte ich es für mutig, wenn das Institut für Weltwirtschaft nun für 2012 einen Wert von 1,8 Prozent prognostiziert. Wichtiger ist: Weil sich das BIP in der Vergangenheit über mehrere Jahre noch schwächer als das niedrige Potential entwickelte hatte, entstand eine negative Output-Lücke. Wenn die sich jetzt schließt, muss die Zunahme des BIP notwendig über der Wachstumsrate des Produktionspotentials liegen.

Sie meinen also, es hatte sich Wachstumspotential regelrecht aufgestaut?

In den Jahren 2002 bis 2005 wurden Wachstumsspielräume nicht genutzt. Selbst auf der Basis der recht niedrigen Potentialwachstumsraten des Sachverständigenrates hat sich durch das überraschend starke Wachstum im Jahr 2006 die Output-Lücke gerade erst geschlossen. Legt man die etwas höheren Potentialschätzungen der OECD zugrunde, so war 2006 die Output-Lücke immer noch deutlich negativ. Es wird derzeit um die Stärke des BIP-Anstiegs und die Revision der Potentialschätzungen etwas viel Aufhebens gemacht.

Es besteht also noch kein Anlass, die Potentialwachstumsprognosen deutlich zu überarbeiten?

Doch, es besteht Anlass dazu. Natürlich ist die Frage berechtigt, inwieweit Deutschland in den kommenden Jahren wieder mit stärkeren Zuwachsraten rechnen kann. Man kann davon ausgehen, dass neben der konjunkturellen Belebung auch die Arbeitsmarktreformen der vergangenen Jahre die Arbeitslosigkeit gesenkt haben und so zu einem höheren BIP-Wachstum beitragen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist aber noch sehr schwer abzuschätzen, in welchem Ausmaß der gegenwärtige Rückgang der Arbeitslosigkeit auch die Sockelarbeitslosigkeit verringern wird.

Haben die Hartz-Reformen die große Trendwende am Arbeitsmarkt gebracht?

Insbesondere Hartz IV war, bei allen Detailschwächen, ein wichtiger Schritt. Die EU-Kommission ist skeptischer als ich und erwartet erst auf Basis weiterer Reformen einen spürbaren Anstieg des Potentialwachstums. Vor dem Hintergrund unserer demographischen Entwicklung sind für die langfristige Potentialzunahme die Investitionsquote und der technische Fortschritt jedoch wichtiger als der Wachstumsbeitrag des Faktors Arbeit.

Die Fragen stellte Philip Plickert.



Text: F.A.Z., 15.05.2007, Nr. 112 / Seite 10
Bildmaterial: dpa

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