F.A.Z.-Konjunkturbericht

Warten auf die dritte Antriebsstufe des Aufschwungs

Von Patrick Welter

07. April 2004 In diesen Wochen sich ein Bild von der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland zu machen heißt, sich eines abgegriffenen Bildes zu erinnern: Ist das Glas halb leer oder halb voll? Die Fülle der positiven und negativen Konjunkturindikatoren erlaubt beide Schlüsse. Mehr denn je ist die Diskussion deshalb geprägt vom Gegensatz der Konjunkturoptimisten und der Wirtschaftspessimisten.

Negatives Aufsehen erregt haben zuletzt vor allem Befragungen der Unternehmen, die schlechter als erwartet ausfielen. Der Ifo-Geschäftsklimaindex fiel im März zum zweiten Mal in Folge. Als beunruhigend wurde empfunden, daß die Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft erstmals seit Monaten auch die aktuelle Lage schlechter einschätzten als zuvor.

Korrektur beim Geschäftsklimaindex

Dieses Signal darf man allerdings nicht überinterpretieren. Einiges spricht dafür, daß der gefallene Geschäftsklimaindex vor allem eine Korrektur zuvor überzogener Konjunkturerwartungen widerspiegelt. Die aktuelle Entwicklung des Ifo-Index automatisch als Abschwungsignal deuten zu wollen würde die Aussagekraft des wertvollen Indikators überschätzen.

Der vom Forschungsinstitut NTC für die Nachrichtenagentur Reuters erstellte Einkaufsmanagerindex für das deutsche Verarbeitende Gewerbe jedenfalls ist im März überraschend gestiegen und liegt nun so hoch wie zuletzt im November 2000. Produktion, Neuaufträge, Ausfuhr und Auftragsbestand wurden besser als zuvor bewertet.

Die Unterschiede zum Ifo-Index erklären sich zum Teil durch den größeren Unternehmens- und Geschäftskreis, den das Ifo-Institut mit seiner Befragung abdeckt. Zum Teil erklären sie sich auch dadurch, daß der Einkaufsmanagerindex aufgrund seiner Fragestellung stärker gegenwartsbezogen ist als der Ifo-Index. Darüber hinaus zeigen diese Differenzen aber auch, wie groß die Unsicherheitsfaktoren solcher "weichen" Konjunkturindikatoren wie Befragungen grundsätzlich sind.

Wirtschaft kommt voran

Ein Blick auf die "harten" Daten zeigt, daß die Wirtschaft sich auf schmalem Grat unverdrossen voranarbeitet. Die kleinen, positiven Überraschungen wurden dabei in den vergangenen Wochen vielfach übersehen. So wurde wenig beachtet, daß die Erzeugung im produzierenden Gewerbe nach einer Revision im Januar um 0,5 Prozent gewachsen, nicht aber wie zuvor gemeldet um 0,1 Prozent geschrumpft ist.

Aber bei derart positiven Überraschungen blieb es oft nicht: Im Verarbeitenden Gewerbe, das Energie und Bau ausschließt, wurde das zunächst gemeldete Plus um 0,7 Prozent gegenüber Dezember auf 0,4 Prozent herabgesetzt. Als positiv ist zu sehen, daß das Minus des Auftragseingangs im Verarbeitenden Gewerbe zu Jahresbeginn mit 1,3 Prozent nach der Revision weniger stark fiel als zunächst gemeldet.

Risiken bleiben hoch

Zusammen mit den rückläufigen Daten aus dem Bauhauptgewerbe weisen diese Angaben insgesamt auf unverändert hohe Risiken der weiteren Aufwärtsentwicklung hin. Zuletzt haben gerade der inländische Auftragseingang und die Produktion der Hersteller von Investitionsgütern nachgelassen. Dies deutet an, daß der erhoffte Schwung durch zusätzliche Investitionen der Unternehmen zumindest stockt.

Diese Beobachtung weitet den Blick von der gewerblichen Wirtschaft zu der Frage, woher derzeit die Wachstumsimpulse kommen. Das Muster dieses Aufschwungs sollte nach einhelliger Meinung der Konjunkturbeobachter klassisch verlaufen: Erst zieht die Ausfuhr an, dann folgen die Investitionen der Unternehmen und dann der private Verbrauch. Dieses Bild ist intakt. Dank der sich bessernden weltwirtschaftlichen Lage zündete im Frühjahr 2003 in der Tat der erste Teil der Konjunkturrakete, der Export.

Die bis in den Februar hinein andauernde Aufwertung des Euro hat den Exportzuwachs dann bis zum Jahresschluß 2003 zwar zeitweise bremsen, nicht aber stoppen können. Zum Jahresbeginn hat sich die Ausfuhr sogar wieder beschleunigt. Die ausländischen Bestellungen im Verarbeitenden Gewerbe zeigten zumindest bis Januar keine Schwäche. Der Anstieg der Rohöl- und sonstigen Rohstoffpreise wird aus hiesiger Perspektive teilweise durch die Euro-Aufwertung gedämpft und stellt kein Risiko für die Ausfuhr dar, solange der Preisanstieg aus einer sich kräftigenden Weltwirtschaft resultiert. Gegen diese Vermutung spricht derzeit nichts.

Investitionen erholen sich allmählich, Konsum bleibt schwach

Auch die zweite Stufe der Konjunkturrakete hat gezündet. Im vierten Quartal 2003 wuchsen die Ausrüstungsinvestitionen erstmals seit dem Jahr 2000. Darin zeigen sich überwiegend Nachholbedarf und Ersatzinvestitionen. Die zögerliche Entwicklung der Herstellung von Investitionsgütern läßt indes offen, ob diese Antriebsstufe bis zum Schluß sauber brennt oder als Rohrkrepierer endet. Stützen muß an dieser Stelle auf absehbare Zeit die Ausfuhr. Denn Besserung beim privaten Konsum ist vorerst nicht in Sicht.

Die private Nachfrage hat sich, gemessen am Einzelhandelsumsatz, zum Jahresbeginn zwar möglicherweise stabilisiert. Erstmals seit einem Jahr könnte der private Verbrauch im ersten Quartal sogar gewachsen sein, so sehr die Datenlage auch aus statistischen Gründen verzerrt ist. Eine durchschlagende, schnelle Erholung des privaten Konsums aber wird es hier nicht geben.

Weder zeigten Indikatoren des Verbrauchervertrauens zuletzt eine weitere Stimmungsaufhellung an, noch lassen die Einkommensperspektiven Kauflaune entstehen. Die Steuerreform hat zwar gewisse Entlastungen gebracht. Diese aber werden für die Gesamtheit der Verbraucher unter anderem durch Belastungen des gesunden Lebens (höhere Zuzahlungen in der medizinischen Versorgung) und des ungesunden Lebens (höhere Tabaksteuern) nahezu aufgezehrt.

Noch kein Lichtblick am Arbeitsmarkt

Weil die Konsumstufe der Konjunkturrakete noch nicht gezündet hat, spüren die Pessimisten unter den Konjunkturauguren Oberwasser. Das ist verfrüht. Realisten hatten frühestens für den Sommer einen Konsumumschwung gesehen. Angesichts der mageren Einkommensperspektiven muß die Lage am Arbeitsmarkt sich schon spürbar bessern, damit über mehr Beschäftigung die Masse der Einkommen zusätzliche Nachfrage generieren kann. Das scheint weit entfernt. Die Arbeitslosenquote steigt saisonbereinigt, und der seit 2001 andauernde Beschäftigungsabbau scheint sich fortzusetzen, nachdem er fast zum Stillstand gekommen war.

Angesichts solcher Daten müssen Konjunkturoptimisten derzeit auf ihre prognostische Durchhaltekraft vertrauen. Die Bezeichnung Optimist ist indes fast eine Übertreibung. Mit Konjunkturprognosen um 1,6 Prozent hatte von ihnen niemand erwartet, daß die wackelige Konjunkturerholung sich zum rasanten Aufschwung auswachsen werde. So mag man das Glas halbvoll sehen und dennoch der Meinung sein, daß es ein kleines Glas ist.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2004, Nr. 83 / Seite 14
Bildmaterial: F.A.Z.

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