Trotz guter Konjunkturzahlen

Volkswirte bleiben vorsichtig

15. Mai 2008 Die deutsche Wirtschaft hat noch einmal ihre Muskeln spielen lassen. Trotz Finanzkrise, Euro-Höhenflugs und steigenden Ölpreisen gelang ihr im ersten Quartal das stärkste Wachstum seit fast zwölf Jahren (siehe Stärkstes Wachstum seit fast zwölf Jahren). Wurde Deutschland zu Beginn des Jahrzehnts noch als „kranker Mann Europas“ belächelt, hängt die größte Volkswirtschaft des Kontinents ihre Konkurrenz nun ab: Das Bruttoinlandsprodukt wuchs um 1,5 Prozent, im Euro-Raum nur um 0,7 Prozent. „Die deutsche Wirtschaft ist fulminant ins neue Jahr gestartet“, sagt Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel.

Doch trotz des spektakulären Starts mehren sich die Anzeichen dafür, dass dem seit mehr als zwei Jahre anhaltenden Boom die Puste ausgeht. „Der Höhepunkt des Aufschwungs ist überschritten“, glaubt der Chef des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI), Thomas Straubhaar. Bis Anfang 2009 drohe eine Delle. Bert Rürup, der Vorsitzende des Sachverständigenrats, sagte, das starke Wachstum im ersten Quartal dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Konjunktur im Jahresverlauf an Schwung verlieren werde. Und ganz ähnlich sieht es auch EZB-Präsident Jean-Claude Trichet: Das zweite Quartal werde wohl „weniger schmeichelhaft“ ausfallen, sagte Trichet am Donnerstag in Wien.

Bremsspuren sichtbar

Erste Bremsspuren sind bereits sichtbar. Die Industrie zog im März bereits den vierten Monat in Folge weniger Aufträge an Land. Auch die Exporte boomen nicht mehr wie 2006 und 2007. Vor allem die Nachfrage aus den Euro-Ländern ebbt ab: Die Exporteure erlösten im März auf ihrem mit Abstand wichtigsten Markt 2,7 Prozent weniger als vor Jahresfrist, weil die Konjunktur bei wichtigen Handelspartnern wie Italien und Spanien lahmt.

Der starke Euro dämpft überdies die Nachfrage aus Übersee, weil er deutsche Produkte im Dollarraum massiv verteuert. Das werden die Unternehmen erst in den kommenden Monaten so richtig zu spüren bekommen. Bislang verhinderten Geschäfte zur Kurssicherung eine kräftige Verteuerung. Der Abschwung in den USA, dem nach Frankreich wichtigsten Handelspartner, trifft den Exportweltmeister ebenfalls hart.

Ob die Verbraucher mit steigenden Ausgaben die abflauende Exportkonjunktur ausgleichen können und der private Konsum zum Wachstumsmotor wird, bleibt indes fraglich. Die Voraussetzungen sind angesichts der stark sinkenden Arbeitslosigkeit und kräftiger Lohnerhöhungen zwar nicht schlecht. Doch steigende Preise für Benzin und viele Lebensmittel kosten viel Kaufkraft.

„Weiche Landung“

Weniger Rückenwind dürfte auch vom Bau kommen. Die Bauleistung stieg im ersten Quartal um mehr als zehn Prozent und gehörte zu den Stützpfeilern des Aufschwungs. Aber schon im März brach die Produktion wieder um mehr als zwölf Prozent ein. Auch die Stimmung in der Wirtschaft signalisiert schlechtere Zeiten. Das Ifo-Geschäftsklima trübte sich im April erstmals in diesem Jahr ein. Die Aussichten schätzten die 7000 monatlich befragten Unternehmen so schlecht wie seit Mitte 2005 nicht mehr.

Viele Experten halten es deshalb für wahrscheinlich, dass die Wirtschaft im Frühjahr stagniert oder sogar schrumpft. Dank des starken Jahresbeginns dürfte es aber selbst dann im Gesamtjahr noch zu einem Wachstum von mindestens zwei Prozent reichen. Der Volkswirt Jörg Krämer von der Commerzbank prognostiziert eine „weiche Landung“ der deutschen Wirtschaft. Ein Konjunktureinbruch ist das nicht - aber doch ein Muskelkater nach den Höchstleistungen der Vorjahre.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, Jesco Denzel

 
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