Von Georg Giersberg
31. März 2008 Der Arbeitsmarkt steht auf der Kippe. Im ersten Quartal haben deutsche Großunternehmen angekündigt, knapp 40.000 Stellen streichen zu wollen. Dem steht die geplante Schaffung von nur noch 23.000 neuen Stellen gegenüber. Das geht aus einer Auswertung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hervor, in die alle öffentlich angekündigten Personalstandsveränderungen von mehr als hundert Stellen in der Wirtschaft einbezogen worden sind.
Zum letzten Mal überwogen auf dieser Basis die geplanten Arbeitsplatzstreichungen die Neueinrichtungen von Arbeitsplätzen im vierten Quartal 2005. Seit dem ersten Quartal 2006 lag die Zahl der geplanten neuen Stellen immer höher als die der Stellenstreichungen. Diese Übersicht ist ein Frühindikator, da die für die kommenden Quartale geplanten Stellenveränderungen registriert werden. Überraschend ist vor allem, wie deutlich die Zahl der geplanten Stellenstreichungen die der neuen Stellen überragt. Seit Januar sind fast doppelt so viele Streichungen angekündigt worden wie Neustellen.

Als Folge der Finanzkrise werden tausende Stellen in der Wirtschaft gestrichen
Unternehmen stellen sich dem Wettbewerb
Wie drastisch die Tendenzwende ist, zeigt ein Vergleich zum ersten Quartal des Vorjahres. Von Januar bis März 2007 wurde die Schaffung von 41.000 zusätzlichen Stellen angekündigt. Dagegen wollten die Unternehmen nur 16.000 Stellen streichen. Die Schaffung neuer Stellen hat sich damit binnen eines Jahres halbiert, das geplante Streichvolumen dagegen mehr als verdoppelt.
Allein in den letzten Tagen haben mehrere Großunternehmen angekündigt, einige tausend Stellen streichen zu wollen. Der Mitbewerber der Deutschen Post, die Pin Group, wird zusätzlich zu den bekannten 2770 Entlassungen weitere 1700 Stellen streichen. Der Automobilzulieferer Continental hat bei der von Siemens erworbenen Tochtergesellschaft VDO zu den schon bekannten 2000 Stellenstreichungen noch einmal 2000 weitere hinzugefügt. An diesem Wochenende hat die angeschlagene Spedition Ricö mitgeteilt, fast 400 Mitarbeiter zu entlassen. Sie wird von ihren ursprünglich 950 Mitarbeitern in Deutschland künftig mit nur noch 335 Beschäftigten weiterarbeiten. Die Liste der Stellenstreicher wird von Unternehmen angeführt, die auf wettbewerbsintensiven Märkten tätig sind. Insofern ist es ein Beleg dafür, dass sich deutsche Unternehmen dem weiterhin hohen Wettbewerbsdruck durch Rationalisierungen und Einsparungen stellen.
Auch europäische Banken streichen Stellen
Die seit Spätsommer 2007 zu beobachtende Finanzkrise schlägt sich ebenfalls in den Zahlen nieder. Die Westdeutsche Landesbank musste als Folge der Krise bereits die Streichung von 1500 Stellen bekanntgeben. Wie stark sich die Krise auf die Arbeitsplätze in der Finanzbranche auswirkt, zeigt ein Überblick über die Stellenstreichungen in der internationalen Finanzwelt seit September vergangenen Jahres. Dort sind seither fast 60.000 Arbeitsplätze abgebaut worden. Wie der Tabelle zu entnehmen ist, haben vor allem amerikanische Institute einige tausend Stellen gestrichen, aber mit Northern Rock, HSBC, UBS und West LB sind auch bedeutende europäische Banken gezwungen gewesen, einige tausend Stellen abzubauen.
Dem stehen nach wie vor zahlreiche neue Stellen gegenüber. Auffällig ist, dass in diesem Jahr bisher die Zeitarbeitsunternehmen nicht mehr zu den Spitzenreitern in Sachen Stellenaufbau gehören. Sie hatten im vergangenen Jahr mit 16.000 (Adecco) beziehungsweise 7000 (Randstad) und 5300 (Manpower) neuen Stellen die Liste der Arbeitsplatzschaffer angeführt. In diesem Frühjahr taucht mit der Persona Service Deutschland das erste Zeitarbeitsunternehmen an vierter Stelle (plus 2000 Stellen) auf.
Traditionelle Industrien schaffen Stellen
Die Liste der Stellenschaffer wird von traditionellen Industrien geprägt. Vor allem im produzierenden Gewerbe sorgen volle Auftragsbücher und lange Lieferzeiten auch weiterhin für gute Arbeitsplatzchancen. Hier sind es vor allem auch die Klein- und Mittelbetriebe, die mit neuen Stellen unterhalb der Schwelle von hundert Arbeitsplätzen zum Aufschwung am Arbeitsmarkt beitragen. Der Maschinen- und Anlagenbau berichtet weiterhin von einer überaus starken Arbeitsmarktdynamik. Allein im Januar hat die Branche als größter deutscher Industriearbeitgeber rund 7000 neue Stellen geschaffen.
Dabei fällt es den Betrieben immer schwerer, qualifizierte Mitarbeiter zu bekommen. Manfred Wittenstein, Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), hatte angekündigt, dass in diesem Jahr rund 10.000 neue Arbeitsplätze geschaffen würden. Weiterhin stark ist auch der Beschäftigungsaufbau in der Metall- und Elektroindustrie. Allein im Januar schufen die Unternehmen 27.000 neue Stellen, teilte der Arbeitgeberverband Gesamtmetall mit. Nach Angaben von Gesamtmetall ist dies der stärkste Stellenaufbau seit Mitte der sechziger Jahre. Allerdings nehmen auch in den produzierenden Branchen die Zuwächse langsam ab.
Verlagerungen ins Ausland haben ihren Zenit überschritten
Das belegen auch die Ergebnisse einer Umfrage der Boston Consulting Group und der amerikanischen Handelskammer in Deutschland unter 71 führenden Unternehmen aus den Vereinigten Staaten, die in Deutschland vertreten sind. Nachdem im vergangenen Jahr 48 Prozent von ihnen hierzulande zusätzliche Stellen geschaffen haben, wollen das in diesem Jahr nur“ noch 38 Prozent tun. Halb so viele, nämlich 16 Prozent, der amerikanischen Unternehmen in Deutschland geben an, Personal abbauen zu wollen in diesem Jahr. Neue Arbeitsplätze entstehen nach dieser Umfrage vor allem in den Bereichen Marketing und Vertrieb sowie Forschung und Entwicklung. Abgebaut wird vor allem in der allgemeinen Verwaltung. Diese wollen 45 Prozent der Unternehmen verschlanken.
In fast keinem Fall geht es dabei um Verlagerung von Produktion oder Verwaltung ins Ausland. Zwar rechnen 17 Prozent der Unternehmen mit der Verlagerung von Aktivitäten, vor allem nach Osteuropa, aber dieser Prozentsatz lag noch im Jahr 2004 bei weit mehr als 30 Prozent. Die Welle der Abwanderung nach Krakau, Bombay oder Schanghai wurde nicht gestoppt; sie hat aber ihren Zenit überschritten“, kommentiert der Deutschland-Chef der Boston Consulting Group, Christian Veith, das Ergebnis der Umfrage. Für zukünftige Investitionen in Europa legen weiterhin mehr als 80 Prozent der amerikanischen Unternehmen ihren Schwerpunkt auf Deutschland, auch wenn trotz der Attraktivität des Standortes fast ein Drittel der Unternehmen einen Reformbedarf bei der Deregulierung des Arbeitsmarktes sehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb
Schwellenländer wollen Klimaziel nicht ![]()
Die vierte Welle der Finanzkrise
Im Gespräch: Vermögensforscher Thomas Druyen
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