Sitzung der IOC-Exekutive

Keine Entschuldigung von Rogge

Trotz der Aufregung um das Internet verschwand das zweite große Problemgebiet, das Doping, auch am Wochenende nicht von der Tagesordnung der Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees. Nun wird noch ein neuer Abnehmer für eine Goldmedaille von Sydney gesucht. Von Evi Simeoni

Von Evi Simeoni, Peking

“Ich verstehe die Sorge und Verwirrung der Journalisten“, sagt Jacques Rogge

"Ich verstehe die Sorge und Verwirrung der Journalisten", sagt Jacques Rogge

03. August 2008 Loben macht mehr Spaß als kritisieren. Das weiß auch Jacques Rogge. Deshalb hat er am Wochenende, als die Krise um den Internetzugang im olympischen Pressezentrum ihren Höhepunkt erreichte, erst einmal einen seiner Lieblingsbegriffe aus seinem umfangreichen internationalen Wortschatz hervorgeholt: exzellent. Exzellent ist die Vorbereitung des Organisationskomitees Bocog auf die am Freitag beginnenden Spiele der XXIX. Olympiade, so exzellent, dass die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ihre für zwei Tage anberaumten Sitzungen halbieren konnte.

Exzellent ist auch das olympische Athletendorf, ein Thema, bei dem der Präsident ohnehin ins Schwärmen gerät, denn dort will er schlafen und sich vom olympischen Geist umwehen lassen, damit er ihm nicht endgültig abhandenkommt. „Es ist das beste Athletendorf, das es je gab, und ich habe vierzig Jahre Erfahrung“, versicherte der ehemalige Olympia-Segler im Auditorium des Hauptpressezentrums den erschöpften Journalisten, die sich tagelang mit den Restriktionen der chinesischen Internetzensoren auseinandergesetzt hatten.

Rogge lobt lieber öffentlich, statt zu kritisieren

Treffen mit der Staatsführung: Jacques Rogge (Mitte rechts) und andere IOC-Mitglieder treffen Xi Jinping (l., neben Rogge), den chinesischen Vizepräsidenten

Treffen mit der Staatsführung: Jacques Rogge (Mitte rechts) und andere IOC-Mitglieder treffen Xi Jinping (l., neben Rogge), den chinesischen Vizepräsidenten

Am vierten Tage nacheinander war es auch den Berichterstattern dieser Zeitung nicht möglich, elektronischen Kontakt zum Frankfurter Server herzustellen, die Verbindung wird offenbar blockiert. Immerhin war am Freitag der Zugang zu einigen vorher gesperrten Internetseiten geöffnet worden wie etwa zu der Menschenrechts-Organisation Amnesty International oder zum in Mandarin verfassten Dienst des britischen Senders BBC.

„Zum ersten Mal in China“, betonte Rogge, so als sei dies eine Errungenschaft. Allerdings hatten er und seine Mitstreiter vom IOC vorher immer wieder betont, während der Spiele werde den Journalisten Pressefreiheit und freier Zugang zum Internet garantiert.

Der Zensor hilft beim „zivilisierten Surfen“

„Es hat eine hitzige Debatte gegeben“, erklärte Rogge, „und ich verstehe die Sorge und Verwirrung der Journalisten.“ Im kleinen Kreis hatte er zuvor sogar erklärt: „Die Situation muss verbessert werden.“ Die Vereinbarung mit dem Bocog habe gelautet, man werde den Journalisten den „größtmöglichen Zugang“ zum Internet geben. Was man unter „größtmöglich“ versteht, dies beweist das Bocog dem IOC und den Journalisten nun, bestimmt allerdings die chinesische Führung.

„Surfen Sie zivilisiert“ - dieser Satz erscheint jedes Mal auf dem Bildschirm, wenn Journalisten eine drahtlose Netzwerkverbindung aktivieren wollen - „halten Sie sich an alle Gesetze und Regeln für das Internet.“ Der Zensor hilft dabei.

Kein Deal, keine Absprachen, behauptet Rogge

Entschuldigen will sich das IOC allerdings nicht für die - irrtümlich begangenen - falschen Versprechungen. „Ich werde mich nicht für etwas entschuldigen, wofür das IOC nicht verantwortlich ist“, erklärte Rogge. „Wir betreiben nicht das Internet in China, das machen die chinesischen Behörden.“ Allenfalls ließ er durchblicken, dass sich das IOC vor sieben Jahren bei der Vergabe der Spiele an Peking allzu blauäugig mit der dehnbaren Formulierung hatte abspeisen lassen. Ein Einverständnis des IOC mit den aktuellen Restriktionen habe es aber nie gegeben. „Es gab keinen Deal und keine Absprachen“, betonte Rogge.

Es waren einmal Olympiasieger: die amerikanische 4x400-Meter-Staffel von Sydney wurde disqualifiziert (v.l.: Alvin Harrison, Antonio Pettigrew, Calvin Harrison, Michael Johnson)

Es waren einmal Olympiasieger: die amerikanische 4x400-Meter-Staffel von Sydney wurde disqualifiziert (v.l.: Alvin Harrison, Antonio Pettigrew, Calvin Harrison, Michael Johnson)

Kevan Gosper, der australische Vorsitzende der IOC-Medienkommission, hat seine Äußerungen, die darauf hindeuteten, dass Rogge über die Zensurpläne informiert gewesen sei, inzwischen zurückgenommen. Gospers Tage in diesem Amt, das er seit zwanzig Jahren innehat, seien gezählt, hieß es am Sonntag in der australischen Presse unter Bezug auf eine Quelle im IOC.

Insgesamt könnten mehr als dreißig Sportler von der Neuvergabe von Medaillen betroffen sein

Trotz der Aufregung um das Internet verschwand das zweite große Problemgebiet, das Doping, auch am Wochenende nicht von der Tagesordnung. Die Exekutive beschloss bei ihrer Sitzung, die amerikanische 4×400-Meter-Staffel der Spiele von 2000 in Sydney zu disqualifizieren. Grund war das Doping-Geständnis des Sprinters Antonio Pettigrew im Meineid-Verfahren gegen dessen früheren Trainer Trevor Graham. Insgesamt haben die Vereinigten Staaten nun sechs Leichtathletik-Medaillen von Sydney verloren, fünf hatte die geständige Doperin Marion Jones zurückgeben müssen. Insgesamt wären mehr als dreißig Sportler von den Verschiebungen betroffen, sollte die Exekutive beschließen, dass nachgerückt wird.

Waschtag bei der Sondereinheit: Ein chinesischer Polizist wäscht sein Einsatzfahrzeug vor dem Hotel, in dem sich das IOC einquartiert hat

Waschtag bei der Sondereinheit: Ein chinesischer Polizist wäscht sein Einsatzfahrzeug vor dem Hotel, in dem sich das IOC einquartiert hat

Diese Frage blieb allerdings auch nach der Sitzung in Peking offen. Das IOC warte auf mehr Informationen vom Prozess um das kalifornische Doping-Labor Balco, sagte Rogge. Das IOC will vermeiden, dass die vakanten Medaillen an andere ausgewiesene Doping-Sünder vergeben werden. Die Untersuchung kann noch lange dauern, denn ein laufendes Verfahren verjährt nicht.

Michael Johnson bleibt der einzige nicht überführte Athlet seiner Staffel

Die Aberkennung des Staffelsieges schmerzt besonders den amerikanischen 200- und 400-Meter-Weltrekordhalter Michael Johnson, der eine seiner fünf Olympia-Goldmedaillen verliert. Jüngst hatte er aber in einer Zeitungskolumne geschrieben: „Ich weiß, dass diese Medaille nicht unter fairen Umständen gewonnen wurde und schmutzig ist. So schwierig es ist, aber ich werde sie dem Internationalen Olympischen Komitee zurückgeben, weil ich sie nicht will. Ich fühle mich belogen, betrogen und im Stich gelassen.“

Schon 2004 drohte dem Team um Johnson der Goldverlust, als der im Vorlauf eingesetzte Jerome Young des Dopings überführt wurde. Doch damals hatte das im Finale eingesetzte Quartett mit Johnson, Pettigrew sowie Alvin und Calvin Harrison die Plaketten nach einem Urteil des Internationalen Sportgerichtshofes noch behalten dürfen.

Rogge hofft auf „die Magie der Spiele“

Johnson ist heute der einzige nicht des Dopings überführte Athlet aus dem Team. Im Zuge des Balco-Skandals waren neben Young auch die Harrison-Zwillinge als Doper enttarnt worden, allerdings nicht für den Zeitpunkt der Sydney-Spiele.

Rogge erklärte hoffnungsvoll, dass vom 9. August an, dem Tag nach der Eröffnungsfeier, „die Magie der Spiele und die tadellose Organisation“ dieses Ereignis dominieren würden. Und die chinesischen Sportler. Das asiatische Zeitalter hatte Rogge schon vor vier Jahren ausgerufen, als Japan und Korea ihre Medaillen-Ausbeute deutlich steigerten und die chinesische Mannschaft beinahe die Amerikaner von der Spitze des Medaillenspiegels verdrängt hätte. Es fehlten damals nur vier Goldmedaillen. Nach Meinung des Präsidenten wird China die Nationenwertung 2008 gewinnen: „Bei Heimspielen holt ein Team noch mehr Medaillen.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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