22. August 2008 In der deutschen Leichtathletik ist in diesen Tagen eine Kontroverse entstanden, die einiges über die Schwierigkeiten offenbart, in denen der deutsche Sport steckt. Ein Gesamtresultat ohne Medaille in dieser Kernsportart bei den Olympischen Spielen in Peking werde in der öffentlichen Wahrnehmung als nationale Katastrophe angesehen, hatte Helmut Digel, der ehemalige Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), geklagt.
Abgesehen davon, dass Niederlagen im Sport selten wirkliche Katastrophen sind, wies Digels Nachfolger Clemens Prokop diese Aussage als Unsinn zurück. Entscheidend ist nicht die Medaillenzählerei, sondern das Leistungsvermögen jedes Athleten“, sagte Prokop, noch bevor das von Digel befürchtete Szenario am Donnerstagabend durch die Bronzemedaille im Speerwerfen von Christina Obergföll abgewendet wurde.
Erfolge hätten Quoten, aber auch Zweifel gesät
Enttäuscht ist Prokop ohnehin kaum von seinen Athleten; doch reicht es für die Deutschen nicht aus, sich in Peking im Bereich ihrer Bestleistungen zu bewegen oder diese sogar leicht zu steigern. Spitzenplazierungen belegen sie so dennoch nicht. Einer der Gründe liegt auf der Hand: Wir stehen für einen ethisch verantwortbaren Leistungssport“, sagt Prokop.
Was aber ethisch verantwortbar ist, sieht jedes Land ganz anders, und manchmal wird zwar von Ethik geredet, Erfolg aber offenbar als wichtiger angesehen. In den ersten Tagen von Peking, als es der deutschen Olympiamannschaft schwerfiel, überhaupt eine Medaille zu gewinnen, mahnten die für die Übertragungsrechte zahlenden Fernsehsender ARD und ZDF deshalb leicht irritiert deutsche Erfolge an. Wir haben aber lieber keinen Sportler am Start, als einen, der für Zweifel sorgt“, sagt Prokop stellvertretend für viele Verbandskollegen. Sechs deutsche Sprintmedaillen, wie sie nun Jamaika innerhalb weniger Tage dem Vogelnest entnahm, hätten in Deutschland nicht nur die Quoten hochgetrieben, sondern eben auch die Zweifel.
Chinesen bringen Opfer, die für Deutsche nicht verantwortbar erschienen
Die Deutschen wollen einen sauberen Sport, daran besteht kein Zweifel. Die Deutschen wollen aber auch einen erfolgreichen Sport, sonst schalten sie ab. Sauber, erfolgreich, ethisch verantwortbare Höchstleistungen – ob das alles noch zusammenpassen kann, das muss jeder anzweifeln, der in Peking nur genau zusah oder hinhörte.
Der chinesische Olympiasieger vom Dreimeterbrett erzählte nach seinem Sieg nebenbei, dass sich sein jahrelanges hartes Training nun ausgezahlt habe: He Chong hat täglich acht Stunden für seinen großen Tag in Peking geübt. Dafür darf er nun wie alle Goldmedaillengewinner seines Landes mit Prämien der Regierung und verschiedener Sponsoren in Höhe von umgerechnet 180.000 Euro rechnen, hinzu kommen weitere Belohnungen von Provinz- und Kommunalbehörden.
Im Dienst für ihr Vaterland bringen viele der gefeierten Sieger ohne Wenn und Aber Opfer, die für jeden Deutschen ethisch nicht verantwortbar sind. Xian Dongmei, Judo-Olympiasiegerin in der Klasse bis 52 Kilogramm, freute sich nicht nur über ihre Goldmedaille, sondern auch darauf, ihren zweijährigen Sohn mal wieder in die Arme zu schließen. Im vergangenen Jahr hatte sie ihn nur via Webcam aufwachsen sehen, sie war ja im Trainingslager kaserniert.
Selbst in Randsportarten wird brutal trainiert

DLV-Präsident Clemens Prokop: „Entscheidend ist nicht die Medaillenzählerei, sondern das Leistungsvermögen jedes Athleten“
Wollen wir das? Einem Wasserspringer vermitteln, acht Stunden am Tag trainieren zu müssen, damit es vielleicht klappt mit einer Goldmedaille? Und ihm dann, wenn die Feier vorbei ist, 150.00 Euro Prämie von der Stiftung Deutsche Sporthilfe in die Hand drücken und alle guten Wünsche auf den weiteren Lebensweg mitgeben? Wohl kaum.
Aber für alle, die nur Medaillen zählen und sich darüber beklagen, dass der deutsche Sport nicht mehr so leistungsfähig sei, wie er einmal war, gibt es – abgesehen vom überall wabernden Doping-Nebel – eine Kernbotschaft dieser Olympischen Spiele: Selbst in den Randsportarten, die es nur bei Olympia alle vier Jahre für einen kurzen Moment schaffen, mediale Aufmerksamkeit zu erreichen, wird in einem Umfang trainiert, der jeden hochbezahlten Fußballprofi erschrecken würde.
Doping-Fälle und Fabel-Weltrekorde haben das Vertrauen zerstört
Wir wussten schon vorher, dass der internationale Wettbewerb immer härter wird“, sagte Innenminister Wolfgang Schäuble, qua Amt der größte Förderer des deutschen Sports, bei seinem Besuch in Peking. 83 Millionen Euro lässt sich das Innenministerium diese Unterstützung kosten, dazu kommen weitere 30 Millionen aus dem Etat des Verteidigungsministeriums, damit es in der Medaillenwertung nicht immer weiter abwärts geht. Wir haben ein gesamtgesellschaftliches Interesse daran, dass junge Menschen, die das wollen und das Talent haben, sich im Wettbewerb der Besten zu messen, dafür auch faire Chancen haben. Auch unser freiheitliches System muss dazu in der Lage sein, das zu leisten, obwohl es eine riesige Herausforderung ist“, sagte der Minister.
Doping-Fälle, unerklärliche Leistungssteigerungen und Fabel- sowie Serien-Weltrekorde haben das Vertrauen in der Bevölkerung offenbar zerstört, dass dieses Geld sinnvoll angelegt ist. In einer repräsentativen Umfrage für den Stern“ hatten sich jüngst 65 Prozent der Befragten gegen eine Erhöhung der staatlichen Sportförderung ausgesprochen. Ist doch in der Sportwelt Betrug vermutlich an der Tagesordnung.
Kritik am Staatssport
Kritiker wie Digel sehen Deutschland ohnehin auf dem Weg zum Staatssport, schließlich trainieren so viele Aktive wie nie in den Fördergruppen von Bundespolizei, Zoll und Bundeswehr. Der Bundestag und die Bundesregierung haben allein die Sportförderstellen bei der Bundeswehr von 704 auf 824 erweitert.
Eigentlich passt das eher zu totalitären Systemen wie China und Russland, und von dort kommt es ja auch“, sagt Digel. Vor allem die Sportfördergruppen der Bundeswehr sind ins Gerede gekommen, weil sie in der Regel zwar den Sportler während seiner Laufbahn fördern, die duale Karriere in Form einer Berufsausbildung aber kaum oder gar nicht voranbringen. Dies aber ist die zentrale Herausforderung für den deutschen Sport, wenn er ethisch verantwortbar arbeiten will. Die wenigsten deutschen Olympiastarter sind oder werden so große Stars, dass sie nach ihrer Laufbahn ausgesorgt haben.
Studium und Sport sind kaum noch vereinbar
Judo-Olympiasieger Ole Bischof, der Wirtschaftsstudium und Sport unter einen Hut bringen muss, kann beispielsweise von den Prämien in chinesischer Größenordnung nur träumen. Wenn in ein paar Wochen noch jemand seinen Namen kennt in Deutschland, wäre das schon eine Überraschung. Die Sportfördergruppe der Bundeswehr ist für manchen die letzte Rettung. Anke Kühn, eine der deutschen Hockey-Olympiasiegerinnen von Athen 2004, wählte trotz eines abgeschlossenen Lehramtstudiums diesen Weg, um nach dem Referendariat ihren Sport zumindest bis Peking noch ausüben zu können.
Doch überhaupt den Studienabschluss zu schaffen, sei problematisch genug gewesen, weil ihr trotz Zusagen des Kultusministeriums die Seminarleiter das Leben teilweise sehr schwergemacht hätten. Man muss nicht glauben, dass man an der Hochschule besonders unterstützt wird, nur weil man eine Goldmedaille gewonnen hat“, sagt die Braunschweigerin.
Dennoch: In Relation erfolgreicher als China
Fälle wie diesen gibt es Dutzende in der deutschen Olympiamannschaft, und sie relativieren die angeblich gesamtgesellschaftliche Bedeutung des Sports in Deutschland. Schäuble aber ist zuversichtlich, dass sich dies ändern kann. Die Bundeskanzlerin beschäftigt sich derzeit ja glücklicherweise sehr intensiv mit dem Zustand des deutschen Bildungssystems. Wir müssen uns überlegen, wie wir über den Sport den Leistungsgedanken besser verankern können. Nicht alle deutschen Hochschulen sind schon hinreichend darauf eingestellt oder begreifen, dass hochbegabte Sportler als Studierende für jede Universität eine Bereicherung sind“, mahnte der Minister und forderte eine genaue Analyse nach Peking, um auch von den anderen zu lernen.
Das wird schwierig, weil zum einen glücklicherweise wieder die Ethik ins Spiel kommt, zum anderen Länder wie England oder Australien sich auf einige Sportarten in der Förderung beschränken, statt auf Vielfalt zu setzen – und die Vereinigten Staaten können sich auf ihren College-Sport verlassen. Dazu kommt in vielen Ländern die zentrale Steuerung des Sports. Der deutsche Sport ist föderal aufgebaut, was die Gefahr birgt, dass Mittel verpuffen. Wie es auch hierzulande anders geht, zeigt sich im Wintersport.
Leichtathleten und Schwimmer aber leiden erkennbar darunter, zu viele Leistungszentren zu haben. Dank der Kanuten werden die Deutschen ihr Goldmedaillen-Ergebnis von Athen diesmal noch übertreffen. Und damit sind wir, wenn wir die Einwohnerzahlen als Maßstab nehmen, sogar erfolgreicher als China“, sagte Schäuble. Das war als Witz gemeint – wenn sich der Gastgeber dieser Spiele in vier Jahren in London noch weiter steigert, hat man ihn in Peking zum letzten Mal gehört.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, ddp, dpa