Wie sollen die Deutschen in Peking auftreten?

Der Wunschathlet siegt und schweigt

Von Christoph Becker

Vom DOSB-Präsident positiv hervor gehoben: Wasserball-Nationalmannschaftskapitän Sören Mackeben

Vom DOSB-Präsident positiv hervor gehoben: Wasserball-Nationalmannschaftskapitän Sören Mackeben

06. August 2008 Es ist eine Randnotiz, die Claudia Bokel von der Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und der Nationalen Olympischen Komitees Anfang April in Peking mitgebracht hat. Aber sie ist nicht unwichtig, wenn es um das Verständnis geht, das Funktionäre von Sportlern haben. „Der Funktionär eines afrikanischen Landes“, erzählte Bokel auf einem Symposion der Deutschen Olympischen Akademie im Juli, „hat bei der Vollversammlung zum Besten gegeben, am liebsten sei ihm, dass seine Sportler gar nicht denken und nur laufen.“

Die Degenfechterin Bokel hat die Qualifikation für Olympia verpasst, während der Spiele möchte sie als Aktivenvertreterin ins IOC gewählt werden. Bei der Vollversammlung im Frühjahr trat sie couragiert auf als es darum ging, ob und wie Sportler sich zu politischen Themen in Peking äußern dürfen. „Es ist wichtig, dass die Sportler die Chance kriegen, etwas zu sagen.“ Wer sich äußern möchte, solle das dürfen. Bokel erfuhr, wie wenig Sportfunktionäre von dem so oft propagierten Prinzip des mündigen Athleten halten. Ihre ohnehin geringen Chancen auf eine erfolgreiche Kandidatur gelten seitdem als noch geringer.

Das Interesse der Öffentlichkeit an der politischen Meinung des Athleten

Spätestens mit den Unruhen in Tibet, eigentlich aber schon mit der Wahl Pekings als Austragungsort der Spiele im Jahr 2001 entstand für die Entscheidungsträger des Sports ein Problem: das Interesse der Öffentlichkeit an der politischen Meinung der Athleten. Während es 2004 in Athen vorhersehbar war, was Sportler über gerade rechtzeitig fertiggestellte Sportstätten dachten, und uninteressant, was sie zur griechischen Innenpolitik zu sagen hatten, sorgten die Aussagen, etwa der Degenfechterin Imke Duplitzer, zur Menschenrechtslage in China für Schlagzeilen.

Kaum waren auf Initiative eines Sportlernetzwerks Armbänder mit der Aufschrift „Sports for Human Rights“ hergestellt, hatten die Funktionäre Probleme, der Diskussion darüber Herr zu werden, ob und wo diese in Peking getragen werden dürften. Das sei in der olympischen Charta geregelt, wurden die Olympier nicht müde zu sagen, und mit jeder Wiederholung klang es, als koste es sie mehr Mühe, den Deckel auf dem Topf zu halten.

Thomas Bach beschwört „die Mittel des Sports“

Bislang beschränkte sich die Aufmerksamkeit für die Rolle der Sportler bei Olympischen Spielen auf die des Siegers oder die des Verlierers, des Helden für den Augenblick, der über den Wettkampf spricht und in dessen Erfolg sich Funktionäre sonnen können. Dieses Mal aber könnte der Sportler auch über die Diktatur sprechen, auf derem Gebiet er an den Start geht. Der Präsident des Kanu-Weltverbands, Ulrich Feldhoff, sagte, er hätte kein Problem mit dem Tragen eines Armbands auch während des Wettkampfs gehabt. Doch er bleibt die Ausnahme - und das Armband wie jedes andere Zeichen politischer Meinungsäußerung in den olympischen Sportstätten verboten.

„Olympische Wettbewerbe dürfen kein Marktplatz der Meinungsäußerungen werden, das ist das Ende des Sports“, sagt Thomas Bach, IOC-Vizepräsident und Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB). „Mit den Mitteln des Sports“ sollen die Athleten für ihre Ideale eintreten, sagt Bach. Längst nicht alle deutschen Sportler wollen sich zu China äußern, für die Mehrheit dürfte die Politik keine Rolle spielen. Einige Athleten, die schon in China waren, so der Segler Johannes Polgar, sind vielmehr begeistert von den sportlichen Bedingungen dort.

„Meilenstein“ Peking: Im Medaillenspiegel soll es aufwärts gehen

Dennoch sorgen sich die Funktionäre, ihre Athleten könnten überfordert werden. „Es ist falsch, von Sportlern zu verlangen, politisch Stellung zu nehmen“, sagt der UN-Sonderbotschafter für Sport, Willi Lemke - als wäre ein Bekenntnis zu den Menschenrechten Bedingung für den Flug nach China. Die Fragen lenkten ab, heißt es: Die deutschen Sportler sollen ein großes Ziel haben. Dieses Ziel hat DOSB-Generaldirektor Michael Vesper, zugleich Chef de Mission in Peking, formuliert: „Wir wollen mehr Medaillen als in Athen.“ Peking ist für Vesper „ein Meilenstein“ auf dem Weg zu früherer sportlicher Größe.

Der Medaillenspiegel wird den Athleten als Qualitätsnorm vorgehalten, obwohl viele Kennzahlen darauf hindeuten, dass es in vielen Disziplinen immer schwieriger wird, einen Platz unter den besten drei zu belegen. Die wagemutige Rechnung des DOSB geht so: Der stetige Abwärtstrend seit den Spielen 1992 in Barcelona, den ersten nach der deutschen Vereinigung, soll diesmal gestoppt werden; 2012 in London soll die Medaillenzahl dann wieder signifikant steigen.

Charisma durch offensives Auftreten ist aus der Mode gekommen

Vom Erfolg ist im deutschen Sport viel abhängig - bleibt er aus, sinkt die Förderung der Sportverbände durch öffentliche Gelder. Hinzu kommt, dass für viele Sportarten die Sommerspiele die einzige Gelegenheit sind, sich nachhaltig im Fernsehen zu präsentieren, denn die Programmmacher kritisieren längst die mangelnde Attraktivität olympischer Kernsportarten. Füllt der Wintersport stundenlang Sendezeit, wird über Leichtathletik vergleichsweise knapp berichtet.

Biathletin Magdalena Neuner, der bayerische Sonnenschein, ist Werbestar, ihre Sportart der beliebteste Fernsehsport nach Fußball. Im Schwimmen sind die Zeiten der Stars wie Michael Groß und Franziska van Almsick passé. Zur Erinnerung: Van Almsick wurde nie Olympiasiegerin. Ihr Image als Berliner Göre sicherte Medienpräsenz und Werbeverträge. Dass auch ein offensives Auftreten in der Öffentlichkeit charismabildend sein kann, scheint keine Rolle mehr zu spielen.

Sauber Siege sollen zählen - umstrittene Sportler wurden nominiert

An Charisma fehlte es den Schwimmern, die in Athen auf insgesamt eine Silber- und vier Bronzemedaillen kamen. Sie machten nachher keine Werbemillionen, galten im Gegenteil als Verlierer der Spiele. Das steigert den Erfolgsdruck. Nur Siege zählen. Saubere Siege, wird hinzugefügt - Vesper verstieg sich zu der Aussage, „alle Doper erwischen“ zu können.

Doch die deutschen Verbände nominierten auch Sportler mit zweifelhaftem Ruf, vor allem im Radsport: Stefan Schumacher bleibt in schlechter Erinnerung wegen seiner auffälligen Blutwerte bei der WM 2007 in Stuttgart und dem nach einer Trunkenheitsfahrt im Blut festgestellten Amphetamin im vergangenen Herbst. Mountainbiker Manuel Fumic verstieß gegen seine Meldepflicht bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur, die Sperre wurde wegen eines Formfehlers aufgehoben. Beide sind Medaillenkandidaten in Peking.

Meinungsfreiheit durch Schweigen - das gefällt Bach

Es wirkt, als sei der Zweifel an der Integrität kein Problem, während die Meinung zum Makel werden kann. Bach spricht gerne vom Kapitän der deutschen Wasserball-Nationalmannschaft, Sören Mackeben. Der hatte die Idee, mit orangefarbenen Bademänteln für Tibet zu demonstrieren, verworfen, nachdem er sich über die „komplexe Problematik“ des Themas informiert hatte.

Bach hat das gefallen: „Dazu gehört mehr als zu plakativen Formulierungen. Zum Recht der freien Meinungsäußerung gehört auch das Recht zu schweigen.“ Reden ist Silber, Schweigen und Siegen ist Gold? Wenn es doch nur so einfach wäre.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben