23. August 2008 Irgendwann platzt jedem einmal der Kragen. Bei Wang Wei, dem Sprecher des olympischen Organisationskomitees Bocog, war es nach zwei langen, zermürbenden Wochen am Freitag so weit. Ausgerechnet im allerletzten Moment, bei der letzten gemeinsamen Pressekonferenz des Bocog mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC).
Er hielt es nicht mehr aus, er musste den Journalisten aus aller Welt endlich den lange unterdrückten verbalen Schienbeintritt versetzen, ihnen sagen, dass er sie für unwissend und sensationsgierig hält. Es spielt sich so viel Kritik ab in diesem Raum, fing er an. Dies zeigt aber nur, wie voreingenommen die Medien gegenüber China sind, und wie wenig sie von unserem Land verstehen. Die Geschichte werde zeigen, dass es die richtige Entscheidung gewesen sei, die Spiele nach Peking zu vergeben. Sie sollten besser etwas wissen, bevor sie Schlüsse ziehen, rief er den Journalisten zu. Sie wollen nur ihre Artikel schreiben. Schreiben Sie die Wahrheit.
Pressekonferenzen werden regelmäßig in geladener Stimmung abgehalten
Bei früheren Spielen waren diese Briefings der Journalisten durch Veranstalter und IOC meistens Langweiler. In Peking wurden sie regelmäßig in geladener Stimmung abgehalten. Mit ihren beharrlichen Fragen nach Menschenrechtsverletzungen jenseits der olympischen Sicherheitszäune, nach dem fragwürdigen Sinn der sogenannten Protestzonen, nach Zusammenstößen zwischen Journalisten und der Polizei sorgten die Reporter regelmäßig dafür, dass auch die unangenehmen Wahrheiten in die sorgfältig gepflegte Konferenzatmosphäre einbrachen.
Am Freitag bezweifelte wieder einmal eine Fragerin die historische Bedeutung der Spiele und vermutete stattdessen, dass die Prestigeveranstaltung des chinesischen Regimes die olympische Bewegung sogar beschädigt hat. Und das jetzt, am Ende der Spiele, da China sich anschickt, nach einer ungeheuren Anstrengung den großen Erfolg perfekt organisierter Spiele zu genießen.
Der einzige, der etwas zu sagen hatte: Juan Antonio Samaranch
Und das IOC? Mit eiserner Selbstbeherrschung lässt dessen Sprecherin Giselle Davies die permanenten Fragen nach der Rolle der Olympier in diesem Machtspiel von sich abprallen. Viel Beistand hat sie nicht. IOC-Präsident Jacques Rogge beschäftigt sich seit der Eröffnungsfeier außerhalb der IOC-Büros ausschließlich mit Repräsentationsaufgaben. Der ganze Zirkel der Sport-Mächtigen bleibt weitgehend unsichtbar, Interviews werden nur sparsam gegeben, Anfragen scheitern schon an der Pressestelle.
Der Einzige, der bisher eine Bewertung der Spiele formulierte, hat offiziell nichts mehr zu sagen: Ehrenpräsident Juan Antonio Samaranch. Er hat die Spiele nach Peking geholt. Und er sagte dem chinesischen Fernsehen: Das waren die erfolgreichsten Spiele aller Zeiten. Sein Nachfolger Rogge wird bei der Schlussfeier eine passende Formulierung finden. Sie wird niemanden vor den Kopf stoßen.
Olympia unter einer sorgsam abgedichteten Glocke der Weltfremdheit
Die Oberfläche dieser Spiele zwischen Perfektion und Zweifel, zwischen den spürbaren Härten und der minutiös geplanten Selbstdarstellung einer Diktatur wird immer wieder von neuem glattpoliert. Es ist, als spielte sich Olympia in Peking unter einer sorgsam abgedichteten Glocke der Weltfremdheit ab. Deutlich sichtbare Phänomene werden einfach an andere Zuständigkeiten verwiesen oder gar abgeleugnet.
Wobei das IOC sich an solche Verhaltensweisen nicht erst gewöhnen musste. Diese Praxis beherrscht man auf dem Olymp traditionell, besonders, wenn es um den Umgang mit der Doping-Frage geht. Einer langen Phase der Transparenz folgt ausgerechnet in Peking eine Politik des Schweigens und Tolerierens von offen daliegenden Gefahren.
Frankie Fredericks ist mutig
Bislang 4620 Doping-Tests - 3681 Urin- und 939 Blutproben wurden analysiert - brachten vorerst nur fünf positive Fälle ans Licht. Das findet das IOC erfreulich, während Kritiker aus der geringen Trefferquote lediglich auf die Unzulänglichkeit der Tests schließen. Gleichzeitig verkündet das IOC voller Stolz, dass bei diesen Spielen bis Freitagmittag 42 Weltrekorde aufgestellt wurden. Ein phantastisches Niveau der Wettbewerbe, erklärte IOC-Sportdirektor Christophe Dubi am Freitag.
Und Frankie Fredericks, ehemaliger Sprinter und neuer Vorsitzender der Athletenkommission, wagte es gar, zu behaupten, dass 99,9 Prozent aller Athleten bei Olympia sauber seien. Trotzdem werden wir nicht aufhören, gegen Doping zu kämpfen, erklärte der ehemalige Sportler aus Namibia und ergänzte nicht ganz originell: Wer dopt, betrügt nicht nur sich, sondern die anderen.
Immerhin: Rogge kritisiert Bolt - für seine Jubelart
Schon vor einer Woche hatte der Schwede Arne Ljungqvist, der Vorsitzende der Medizinischen Kommission des IOC, den Anti-Doping-Kampf für beinahe schon gewonnen erklärt. Die Betrüger sind uns nicht mehr weit voraus, behauptete er und ließ ratlose Zuhörer zurück, die sich fragten, ob dies nun das Zeichen war für eine neue IOC-Haltung zum Doping-Problem: Die offensive Resignation.
Das war, bevor die Jamaika-Menschen die Sprint-Sparte der Leichtathletik komplett übernommen hatten. Immerhin ließ Präsident Rogge ein paar kritische Anmerkungen zum Thema Usain Bolt fallen. Allerdings auf einem Nebenschauplatz. Der überschnelle Mann jubelte nach dem Geschmack des Präsidenten nach seinem 100-Meter-Lauf auf allzu unfeine Weise. Da musste der künftige Athleten-Chef Fredericks dann doch widersprechen: Wir können einem jungen Kerl, der die 100 Meter in 9,69 Sekunden rennt, nicht vorschreiben, wie er sich danach zu verhalten hat, entgegnete er. Da sage noch einer, das IOC verfüge nicht über Streitkultur.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS