Von Cai Tore Philippsen, Peking
06. August 2008 Wie sehr sich Dirk Nowitzki darüber freut, sein Traumziel Olympia endlich erreicht zu haben, ist auf den ersten Blick zu sehen. Beim Friseur hat sich der Basketballstar die olympischen Ringe ins Haar schneiden lassen. Es sieht nicht unbedingt toll aus, aber für Olympia tut man ja alles, sagt Nowitzki.
Genau diese uneingeschränkte Begeisterung für die Spiele hat die deutsche Mannschaftsleitung überzeugt, gegen jede Tradition einen Olympia-Debütanten zum Fahnenträger bei der Eröffnungsfeier zu machen. Eine mutige Entscheidung.
Vesper erhofft positive Signale
Natürlich erhoffen wir uns, dass der Funke überspringt, dass gerade junge Leute sich noch mehr für Olympia interessieren, begründete Chef de Mission Michael Vesper die Wahl. Kaum einer verkörpere die olympische Idee und den olympischen Gedanken so authentisch.
Ein Multimillionär, der sich wie ein Kind auf das Leben ohne Luxus im Olympischen Dorf freut. Ein Superstar seines Sports, der trotz seiner beeindruckenden Karriere bei den Dallas Mavericks in der besten Basketballliga der Welt, seit über zehn Jahren verbissen versucht, das deutsche Team zu den Olympischen Spielen zu werfen.
Olympia als Motivation
Jeden Sommer, wenn sich die meisten NBA-Kollegen vom Dauerstress der Saison erholten, flog Nowitzki nach Deutschland, tauschte das Mavericks-Trikot gegen das Hemd des Deutschen Basketball Bundes (DBB) und spielte unermüdlich weiter. 2000 und 2004 waren die deutschen Korbwerfer jeweils knapp gescheitert.
Das hat schon sehr wehgetan, zuzusehen wie die deutschen Sportler bei der Eröffnungsfeier in Sydney ihre Hüte ins Publikum geworfen haben, aber vielleicht hat mich das nur noch mehr motiviert. Auch dieser unbedingte Wille, das Ziel seiner Kindheitsträume doch noch zu erreichen, hat den Entschluss beeinflusst.
Andreas Dittmer war lange Favorit
Leicht haben es sich Vesper und DOSB-Präsident Thomas Bach die Entscheidung dennoch nicht gemacht. Denn auch wenn Vesper betonte, es sei keine Entscheidung gegen einen anderen Sportler sondern für Nowitzki, lässt der Beschluss natürlich Verlierer zurück. Hätte sich Nowitzki mit den deutschen Basketballern nicht noch in letzter Minute beim Qualifikationsturnier in Athen den Startplatz in Peking gesichert, dann hätte wohl Andreas Dittmer die Fahne getragen.
Mit drei Goldmedaillen im Kanadier-Einer galt der 36-Jährige bei seinen vierten Spielen lange als Favorit. Der Schütze Ralf Schumann, der auf fünf Teilnahmen und drei Goldmedaillen verweisen kann, wird sich ebenfalls Hoffnungen gemacht haben. Auch die viermalige Ruder-Olympiasiegerin Kathrin Boron stand zur Wahl.
Trost für die Enttäuschten
2004 in Athen hatte der viermalige Goldmedaillengewinner Springreiter Ludger Beerbaum (siehe Interview: Ex-Fahnenträger Beerbaum: Einhändig geht gar nicht) die deutsche Mannschaft ins Stadion geführt, vier Jahre zuvor war es Rekord-Olympiasiegerin Birgit Fischer. Mir ist schon klar, dass es Tradition war, dass ein gestandener Athlet, die Fahne trägt, sagte Nowitzki.
Er wolle niemandem auf den Schlips treten, und keine Gefühle verletzen. Sein Rat an die Enttäuschten, deren Namen allerdings nie in der Öffentlichkeit genannt wurden: Freut euch mit mir! Getroffen hat er sich mit den potentiellen Kandidaten bisher noch nicht.
Nicht wedeln wie im Karnevalsverein, aber Spaß darf sein
An einen Boykott der Eröffnungsfeier aus Protest gegen die chinesische Tibet-Politik wie ihn etwa die Fechterin Imke Duplitzer angekündigt hat, habe er nie gedacht. Mein Traum ist in Erfüllung gegangen, ich bin als Sportler hier, nicht als Politiker. Das ist meine Botschaft, betonte Nowitzki.
Ganz offen gibt er zu, dass er sich politisch nicht viel mit China auseinandergesetzt habe. Ich weiß nur, dass China ein basketballverrücktes Land ist, und dass es ein ganz tolles Turnier wird. Damit es auch ein erfolgreiches Turnier für die Deutschen wird, müssten sie nach Nowitzkis Ansicht das Viertelfinale erreichen. Sein nächster Traum würde sich erfüllen, wenn er mit einer Medaille heimkehren könnte.
Ob es denn besondere Verhaltensregeln für den Fahnenträger gebe, habe er gefragt, als Vesper ihn über die Entscheidung informiert habe. Ich habe den Tipp bekommen, dass es kein Karnevalsverein ist. Da darf man mit der Fahne nicht so doll rumwedeln, berichtet Nowitzki. Spaß haben dürfe man aber schon.
Gerd Nowitzki.
(Michael Vesper bei der Vorstellung des Fahnenträgers Dirk Nowitzki)
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, dpa/ Bearbeitung FAZ.NET, REUTERS