Schwimm-Olympiasieger Michael Gross

„Der olympische Zirkus hat keine Seele“

über unfassbare Leistungen, fragwürdige Superstars und die Zukunft der Spiele

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24. August 2008 Die Olympischen Spiele in Peking finden an diesem Sonntag nach gut zwei Wochen ein sportliches Ende. Abgehakt ist das, was in China passierte, freilich noch lange nicht. Das Land hat das Wesen von Olympia verändert und auf die Spitze getrieben. Der deutsche Schwimm-Olympiasieger von 1984 und 1988, Michael Gross, spricht im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über unfassbare Leistungen, fragwürdige Superstars und die Zukunft der Spiele.

Michael Phelps hat in Peking sieben Weltrekorde aufgestellt, hat acht Mal Gold gewonnen und wird als einer der Stars dieser Olympischen Spiele in Erinnerung bleiben. Hat er Sie fasziniert?

Michael Phelps ist kein Vorbild mehr. Er ist unfehlbar. Ich habe ihn über eine Woche von der Tribüne aus beobachtet und sah einen Sportler, der einem Artisten im Zirkus gleicht. Ich habe gesehen, was er geleistet hat, das war die Wirklichkeit - und zugleich denkt man, das kann doch nicht wahr sein. Auch ich als ehemaliger Schwimmer habe den Bezug zu seiner Leistung - acht Mal Gold - verloren, wobei es für mich überhaupt keine Rolle mehr spielt, ob Phelps nun dopt oder nicht. Er ist wie ein Jongleur, der locker acht Bälle in der Luft hält. Und wenn einer runterfallen würde, wäre man enttäuscht.

Die Leistung wird also zu einer Illusion. Ist dies die Zukunft von Olympia?

Das ist genau das Thema. Wir erleben einen olympischen Zirkus. Der hat schon bei der Eröffnungsfeier angefangen. Ich war selbst emotional davon ergriffen, es war eine der größten Shows, die ich jemals erlebt habe. Aber mit den Grundgedanken von Olympischen Spielen, authentisch und auch fehlerbehaftet zu sein, hatte das nichts zu tun. Es glich vielmehr dem Chinesischen Staatszirkus - die Qualität war sogar noch höher. Es gab kein einziges Problem, nicht einmal ein Kind ist gestolpert. Das kann man sogar gut finden. Aber nur, wenn man sagt: Das ist der olympische Zirkus, das ist eben - olympisch betrachtet - seelenlos. Mit der Einstellung, dass bei diesen Spielen Fairness und Völkerverständigung eine große Rolle spielen, hat man verloren.

Sind Sie glücklich, dass Sie bei diesen Spielen nur auf der Tribüne saßen und nicht mehr ins Becken sprangen?

Ja, ich bin froh, dass ich das Gefühl habe, bei Olympischen Spielen und nicht beim olympischen Zirkus teilgenommen zu haben.

Wie definieren Sie diesen Zirkus?

Zirkus ist ein perfektes Spiel und somit entrückte Wirklichkeit. Ich selbst zehre bis heute davon, dass ich 1984 in Los Angeles über 100 Meter Delphin gewonnen und eine Stunde später mit der 4 × 200-Meter-Freistilstaffel um fünf Hundertstel verloren habe. Bis heute ist das die größte Niederlage meines Lebens, und trotzdem bin ich glücklich, sie erlitten zu haben. Ich habe erfahren, dass zwischen Sieg und Niederlage nur Kleinigkeiten entscheiden, dass nicht alles planbar ist im Leben - anders als im Zirkus, wo alles durchgestylt ist. Vielleicht muss man nun auch bei Olympischen Spielen diesen Schein genießen und sich davon verabschieden, dass dort Menschen deshalb zu Helden werden, weil sie kämpfen und siegen, leiden und verlieren.

Sie haben sich in Peking auch das Finale über 100 Meter mit Usain Bolt angesehen.

Im Fernsehen war dieses Rennen noch beschönigend. Wenn man es live sieht, ich saß vielleicht hundert Meter entfernt, dann sieht man, wie Bolt den anderen wegläuft, einfach so. Das ist Zirkus, und ich empfinde es als wunderbare Unterhaltung - dann funktionieren Olympische Spiele, wie sie jetzt in Peking stattgefunden haben. Sie funktionieren aber nicht, wenn man Wert auf die ursprüngliche europäische Tradition der Spiele legt.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) sagt, dass sich in einer globalisierten Welt eben das Wesen von Olympia verändere. Und feiert Bolt als einen Helden der Sportgeschichte. Ist das ein Ausblenden der Wirklichkeit?

Auch die Verantwortlichen beim IOC werden sich fragen müssen, wie es mit den Olympischen Spielen weitergeht. Die Protagonisten müssen entscheiden: Machen wir „Olympische Spiele reloaded“? Oder ist dieser Zirkus die Zukunft der Spiele? Diese Fragen müssen beantwortet werden.

Sollte man sich auch fragen, ob es sinnvoll ist, Doping freizugeben?

Nein. Wenn die Illusion, dass man alles für Fairness und alles gegen Doping unternimmt, verschwindet, dann würden auch in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern die modernen Olympischen Spiele zugrunde gehen.

Haben Sie jede Hoffnung verloren, was Olympia betrifft?

Zum Glück noch nicht. Es gab ja auch authentische Momente, Olympia mit Hochs und Tiefs, Gefühle von Freude und Niederlage. Wie beim Sieg des Brasilianers über 50 Meter Freistil. So wie der geheult hat, kann es kein Sportler spielen. Das macht Olympia zu Olympia und ist für mich viel sympathischer als Bolt oder Phelps. Als ehemaliger Sportler nehme ich vieles bei Olympia desillusioniert zur Kenntnis. Aber als Idealist hoffe ich, dass die Spiele in London 2012 eine Möglichkeit sind, diese Entwicklung zurückzudrehen.

Ist Doping die Wurzel allen Übels?

Letztlich ist Doping nur das Resultat, aber nicht die Ursache. Als Mitglied der Anti-Doping-Kommission im Radsport hatte ich mal die Gelegenheit, an der Oberfläche des Doping-Sumpfs zu kratzen. Für viele Sportler ist Doping die Folge kollektiven Misstrauens, des Denkens: Ich weiß nicht, was die anderen machen, also mache ich alles. Den gordischen Knoten zu durchschlagen überfordert die Sportler. Viele von ihnen haben nicht einmal mehr Unrechtsbewusstsein. Sie definieren Doping nur als solches, wenn sie erwischt werden. Alles andere ist für sie kein Doping.

Ist der Kampf gegen Doping also verloren?

Nein, da bleibe ich ein stoischer Idealist. Aber der deutsche Sport muss nun Entscheidungen treffen. Etwa, ob er bereit ist, jeden deutschen Meister zu Olympia zu schicken, egal wie gut er international ist. Warum? Weil er innerhalb unseres freiheitlich-föderalen Systems der Beste ist. Und dabei sollte es vollkommen egal sein, was in anderen Ländern los ist. Das wäre ein enorm wichtiges Signal an die deutschen Sportler und Trainer, zu sagen: Wir vertrauen euch und euren Leistungen. Der innerdeutsche Wettbewerb mit unserer Infrastruktur wird dann bestimmt Leistungen hervorbringen, mit denen man mehr Medaillen gewinnt als jetzt in Peking.

Hat denn der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) die Kraft, diesen gordischen Knoten zu durchschlagen? Zur Olympia-Mannschaft gehören mindestens vier Trainer, bei denen aus DDR-Zeiten einiges in Bezug auf Doping vorliegt.

Spätestens seit 1991 ist jedem klar, dass diejenigen, die in das DDR-Sportsystem involviert waren, auch Kontakt hatten mit dem Thema Doping, ob sie wollten oder nicht. Wenn bei ihnen aber keine gravierenden persönlichen Verfehlungen vorliegen, also jemand etwa bewusst Steroide an Minderjährige verabreicht hat, dann muss der DOSB so ehrlich sein und sagen, dass man diese Trainer aufgrund ihrer Kompetenz beschäftigen will. Aber es ist völlig naiv, diese Leute eine Ehrenerklärung unterschreiben zu lassen, dass sie nie von Doping gehört haben oder mit Doping in Kontakt gekommen sind.

Was ist dann von so einer naiven Organisation zu erwarten?

In Seoul 1988 gewann sogar die alte Bundesrepublik in jedem sechsten Wettkampf eine Medaille, dazu wären in Peking 50 Medaillen nötig. Aus den kontinuierlich schlechteren Ergebnissen deutscher Sportler bei den vergangenen drei Olympischen Spielen soll nun die Konsequenz gezogen werden, dass die Methoden, die dazu geführt haben, sogar noch gesteigert werden. Dass also die Zentralisierung der Athleten nicht konsequent genug war und man sie verstärken muss. Aber eine Zentralisierung funktioniert bei uns nicht. So werden wir im Rattenrennen um Medaillen nicht aufholen.

Und wie sehen Antworten aus?

Die Basis in Deutschland ist der Breitensport und der Wettbewerb vieler Leistungszellen in der Republik. Dort wird den Kindern die Begeisterung für den Sport vermittelt - ohne gleich an den Olympischen Spielen teilnehmen zu wollen. Unsere Stärken liegen im föderalen System, die Vereine sind unsere Talentschmieden. Die Talente befinden sich in jedem Winkel der Republik. Vor allem ruiniert der Zentralismus das wichtigste Element an der Basis überhaupt: das Engagement und die Anerkennung für Erfolge. Eine Kanu-Olympiasiegerin wie Nicole Reinhardt wird in „ihrem“ hessischen Lampertheim gefeiert und begeistert zig Kinder. Und die nächste Britta Steffen ist vielleicht in Bad Reichenhall zu Hause. Ohne Verein und Enthusiasmus vor Ort bleibt sie unentdeckt.

Wollen Sie sich wieder in einer Sportorganisation engagieren?

Meine Erfahrungen mit deutschen Sportorganisationen sind noch so präsent und so negativ, dass ich mir das gerade nicht vorstellen kann. Als Einzelkämpfer kann man zudem wenig verändern, da ist sicher eine konzertierte Aktion einer Gruppe notwendig. Bei solchen Versuchen bin ich oft genug gegen die Wand gelaufen, ich fahre jetzt lieber mit dem Mountainbike den Taunus rauf oder mit dem Snowboard eine einsame Piste runter. Trotzdem wird der Sport für mich immer eine Herzensangelegenheit bleiben, das ist sicher.

Gab es etwas, das Sie bei diesen Olympischen Spielen positiv beeindruckt hat?

Die Offenheit der jungen chinesischen Bevölkerung und die innere Emanzipation innerhalb dieses Unterdrückungsstaates. Die Relevanz der staatlichen Gewalt wird geringer. Westliche Popmusik und McDonald's sind nur die Spitze. Schade, dass Olympia eine verpasste Chance für China war, die Emanzipation nach außen dringen zu lassen. Es bleibt spannend zu sehen, wie weit das gehen wird und wie weit es zugelassen wird.

War es im Rückblick richtig, Olympia nach China zu vergeben?

Die Menschen in China haben - unabhängig vom Staatssystem - diese Spiele verdient. Und das Land hat diese Spiele auch gebraucht als Anerkennung seiner Bedeutung als kulturelle und wirtschaftliche Macht, nicht nur in der Gegenwart, sondern seit vielen Jahrhunderten. Und wie sich die Menschen dort über Olympia gefreut haben! Diese Leute haben Olympia verdient - das Regime nicht. Dass aus Olympia in China ein Zirkus gemacht würde, war vorher klar und liegt in der Verantwortung des IOC. Als Zirkus hat das ja sogar Spaß gemacht, auch mir.

Das Gespräch führten Jörg Hahn, Michael Eder und Michael Wittershagen.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, ddp, dpa, FAZ.NET, picture-alliance / dpa, REUTERS

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