22. August 2008 Willi Lemke, früher Schul- und Innenssenator vonBremen sowie Manager des Fußballklubs Werder Bremen und heute UN-Sonderberater Sport, ist beeindruckt vom Olympia-Gastgeber Peking. Kritik darf nach Ansicht Lemkes nur im Stillen geäußert werden, wie er im FAZ.NET-Gespräch sagt.
Krieg in Georgien, Diskussion um Menschenrechtsverletzungen in China: Haben Sie nach fünf Monaten bei den Vereinten Nationen schon die Lust an der internationalen Sportpolitik verloren?
Überhaupt nicht. Die Lust ist riesig gesteigert worden durch diese Olympischen Spiele, denn die waren grandios. Aber als ich von der Eröffnungsfeier aus dem Stadion zurückkam und die rollenden Panzer im Fernsehen sah, war das in der Tat eine bittere Enttäuschung. Noch im vergangenen Jahr hatte ja die UN-Generalversammlung auf Antrag Chinas die übliche Resolution zur Waffenruhe während der Spiele verabschiedet.
Was ist eine solche Erklärung angesichts des Kriegs noch wert?
Die Frage ist absolut berechtigt. Die Verantwortlichen für den Bruch der Waffenruhe muss man kritisieren, die das Papier ja auch unterzeichnet haben. Aber auch in anderen Teilen der Welt hat es Verletzungen der Waffenruhe gegeben.
Womit die Lücke zwischen Anspruch und Realität nur noch deutlicher wird. Sollte man die Resolution in Zukunft nicht einfach sein lassen?
Wir dürfen nicht vergessen, dass die Olympische Waffenruhe in erster Linie symbolischen Charakter hat. Darauf zu verzichten, wäre tiefe Resignation und würde nicht helfen, den Verantwortlichen nicht in Zukunft wenigstens ein schlechtes Gewissen zu geben. Denn wenn man bei den Vereinten Nationen die Arme hebt und sagt: jawohl, wir wollen das und man das dann bricht, das ist enttäuschend.
Wenn man sich Russland ansieht, dann merkt man von einem schlechten Gewissen nichts. Und das Land ist ja immerhin Gastgeber der Winterspiele 2014 in Sotschi. Beschädigt das nicht die Olympische Idee?
Ich kann nur sagen, dass die Enttäuschung über die Vorgänge in Georgien bei der olympischen Familie sehr tief gesessen hat.
Was erwarten Sie als verantwortlicher UN-Sportpolitiker vom IOC?
Es ist nicht in der Verantwortung des IOC, dass die olympische Waffenruhe verletzt worden ist, sondern es ist in der Verantwortung der Vereinten Nationen und der betroffenen Staaten. Ich habe das Gefühl, dass wir das IOC überfordern.
Wenn es nicht Verantwortung des IOC ist, warum haben Sie nicht öffentlich wahrnehmbar Stellung genommen?
Ich habe das getan und auch der UN-Generalsekretär hat zur Einhaltung der olympischen Waffenruhe aufgerufen. Er ist über den Bruch der Waffenruhe sehr betroffen.
Gab es zu dem Thema Absprachen mit Jacques Rogge?
Nein, dazu war das Programm in Peking viel zu umfangreich. Ich weiß aber, wie enttäuscht auch er persönlich darüber war, dass der Krieg ausgerechnet praktisch während der Eröffnungsfeier ausbrach. Wir wollen nach den Spielen noch einmal zusammenkommen werden dann auch meinen Bericht für den Generalsekretär besprechen.
Mit den Spielen in China verbanden sich eine innenpolitische Entwicklung des Landes. Sie waren gerade zwölf Tage in Peking, haben sich die Hoffnungen aus ihrer Sicht erfüllt?
Das Spiele haben eine immense innenpolitische Wirkung. Ich konnte jeden Tag erleben, wie stolz die Chinesen waren. Es gab eine ungeheure Zahl an freiwilligen Helfern, deren Stolz ich gespürt habe. Alles war fast perfekt organisiert. Diese Spiele haben das Selbstbewusstsein Chinas unheimlich gesteigert.
Es ging aber nicht nur um das Selbstbewusstsein Chinas, sondern man erhoffte sich auch Reformen in Bezug auf Menschenrechte und eine stärkere Öffnung des Landes.
Also, ich war vor 22 Jahren das letzte mal in China mit Werder Bremen. Ich habe dieses Land nicht wiedererkannt. Damals war es das graue China Mao Tse-tungs und überhaupt nicht geöffnet. Jetzt war ich an den verschiedensten Orten, in Stadtteilen und auf Märkten, wo man nur Chinesen trifft, habe mit chinesischen Studenten diskutiert, die mir frei ihre Meinung gesagt haben - auch zu schwierigen politischen Fragen. Jeder von denen hatte Internetzugang und auch Kontakte ins Ausland. Ich sehe die Entwicklung absolut positiv und sie wird auch nicht mehr gestoppt werden können. Deswegen stehe ich ganz klar hinter dem IOC und sage es war hundertprozentig richtig, die Spiele dorthin zu vergeben.
Sie haben vor den Spielen gesagt, Sie könnten die negativen Hintergrundberichte nicht mehr ertragen. Ist der Westen ungerecht zu China?
Viele überfordern die Chinesen und ich finde das häufig unangemessen. Auch die Sportler waren ja mit den kritischen Ansprüchen, die an sie gestellt wurden überfordert. Hier findet ein gewaltiger Prozess der Demokratisierung aber auch der Entwicklung auf anderen Gebieten statt. Die Säuglingssterblichkeit nimmt ab, die Ernährungslage wird besser, der Wohlstand wird größer.
Die wirtschaftliche Entwicklung bestreitet niemand. Muss man die Einschränkung in der Freiheit in Kauf nehmen um den Sportmarkt China erschließen zu können?
In Kauf nehmen steht für mich nicht zur Debatte. Kritik an der chinesischen Führung ist natürlich erlaubt, aber ich meine, sie muss in einer angemessenen Weise stattfinden. Meine Aufgabe ist es die Dinge in stiller Diplomatie anzusprechen. Ich bin fünfmal mit chinesischen Botschaftern in New York und Genf zusammengekommen um mir mein eigenes Bild zu machen. Offene Kritik wird in China schnell als Gesichtsverlust empfunden und man erntet harsche Gegenreaktionen. Als der Fackellauf so angegriffen wurde, hat es in China eine riesige Solidarisierung mit der Regierung in der Bevölkerung gegeben. stille Diplomatie hilft den Menschen vor Ort viel mehr.
Ihr Vorgänger im Amt, der Schweizer Adolf Ogi, hat gefordert, die Chinesen müssten mehr zur Verbesserung der Menschenrechtslage tun und das IOC hätte stärkeren Druck ausüben müssen. Kann man sich eine solche Forderung nur nach dem Rückzug aus dem Amt erlauben?
Zu den Kommentaren meines Amtsvorgängers möchte ich nichts sagen. Ich bin dem Generalsekretär der vereinten Nationen verantwortlich und werde diesem meine Eindrücke vermitteln. Und diese Eindrücke sind sehr identisch mit denen des Internationalen Olympischen Komitees.
Das Gespräch führte Til Huber.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa