Die Flamme ist erloschen

„Das waren wahrlich außergewöhnliche Spiele“

Von Evi Simeoni, Peking

Der Anfang vom Ende: ein Feuerwerk

Der Anfang vom Ende: ein Feuerwerk

24. August 2008 Ganz am Ende der Spiele von Peking hatte Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), keine Ausrede mehr. Er musste sprechen. Statt der bisher gepflegten „stillen Diplomatie“ erwarteten die Olympia-Ausrichter bei der Schlussfeier sehnlichst den wichtigsten Satz aus seinem Mund. Wie hat der Belgier die Spiele gefunden? „Dies waren wahrlich außergewöhnliche Spiele“, sagte Rogge, kurz bevor die Flamme im „Vogelnest“ gelöscht wurde.

Ein interpretationsfähiger, beinahe ein bisschen säuerlich klingender Satz, in dem so manches Ringen und Hadern anzuklingen schien. Schon zuvor hatte Rogge erklärt, dies seien „bemerkenswerte Spiele“ gewesen. „Durch Olympia hat China mehr über die Welt gelernt und die Welt mehr über China.“ Wie weit seine Erfahrungen mit der unerbittlichen und nachtragenden chinesischen Regierung und dem Organisationskomitee (Bocog) gegangen sind, ließ er sich allerdings nicht entlocken.

„Als IOC-Präsident wird man immer kritisiert“

Seltsam knapp und leidenschaftslos kommentierte er am Sonntag diese Spiele, die ihm so viel Stress und Kritik eingebracht hatten, dass er noch im April die olympische Bewegung in einer Krise gesehen hatte. Vom Erfolg der Spiele der XXIX. Olympiade hatte der belgische Chevalier sogar seine Kandidatur für weitere vier Jahre als IOC-Präsident abhängig gemacht. Im Oktober will er bekanntgeben, ob er sich im kommenden Jahr in Kopenhagen noch einmal zur Wahl stellt.

Zunächst einmal erklärte er tapfer: „Als IOC-Präsident wird man immer kritisiert. Das nehme ich nicht persönlich.“ Sein engster Vertrauter Hein Verbruggen, Vorsitzender der Koordinierungskommission zwischen IOC und Bocog, hatte am Sonntag seinen Rückzug aus dem erlauchten Kreis der Olympier erklärt. Der 67 Jahre alte Vizepräsident des Internationalen Radsportverbandes will sich sportpolitisch zur Ruhe setzen - auch sein Amt im Radsport wird er wohl nicht mehr lange bekleiden. „Ich will mein Leben genießen“, sagte Verbruggen in Peking. „Der Präsident hätte lieber gehabt, dass ich bleibe.“

Rogge: „Das ist lediglich Mathematik“

Doch Rogge wird seinen weiteren sportpolitischen Weg ohne seinen niederländischen Freund gehen müssen. Nicht nur die politischen Verwerfungen hatten seine Vorfreude auf Olympia gedämpft. Auch die Furcht vor einem Doping-Skandal trübte die Stimmung. Dieser jedoch blieb aus. Im Gegenteil: Rogges Prognose, man werde mit Hilfe des größten Testprogramms der Geschichte etwa 30 bis 40 positive Fälle aufdecken, erfüllte sich nicht.

Bis Sonntag, also zu einem Zeitpunkt, an dem die Proben bis Mittwoch analysiert waren, hatte man lediglich sechs Doping-Sünder dingfest gemacht. Zuletzt den ukrainischen Gewichtheber Igor Razaronow, den Sechstplazierten in der Klasse bis 105 Kilogramm. „Meine Prognose war eine mathematische Ableitung aus den 12 positiven Fällen von Sydney und den 26 Fällen in Athen. Das ist lediglich Mathematik“, erklärte Rogge. Aus dem tatsächlichen Ergebnis schließt der Mediziner, der den Anti-Doping-Kampf seit seiner Wahl 2001 zur Chefsache gemacht hat: „Ich bin glücklich, sagen zu können, dass die überwältigende Mehrheit der Athleten sauber ist.“

Hat der Abschreckungseffekt gewirkt?

Einige Kritikpunkte am Ende der Spiele müssten allerdings auch dem Präsidenten zu denken geben. So wurde einem Spezialisten für die Detektion von Fremdblut-Doping aus der Schweiz, der im Labor von Peking hatte arbeiten sollen, eine Woche vor den Spielen das Visum verweigert.

Zudem wurde das Analyse-Labor nicht von den unabhängigen Beobachtern der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) überwacht. Dies sei allerdings auch nie vorgesehen gewesen, sagte die Leiterin der Gruppe, Sarah Lewis. Rogge ist trotz allem der Überzeugung, dass in Peking vor allem der Abschreckungseffekt gewirkt habe.

„Lassen Sie uns den Athleten danken“

Die Doping-Proben von Peking werden acht Jahre lang eingefroren und können im Fall neuer Erkenntnisse nachanalysiert werden. Insgesamt wurden etwa 5000 Tests vorgenommen, die Blutproben wurden auch auf Wachstumshormone untersucht. Insgesamt nahmen 11 249 Sportler an den Spielen in Peking teil - davon 43 Prozent weibliche Athleten, was im Vergleich zu Athen einen Anstieg von zwei Prozent bedeutet.

„Lassen Sie uns den Athleten für ihre großen Errungenschaften danken“, sagte zum Abschluss der Spiele Liu Qi, Präsident des Bocog, bei seiner Rede im Vogelnest. Hauptsächlich musste er seine Landsleute meinen, die mit 51 Goldmedaillen die meisten Siege errangen. „Die Olympischen Spiele von Peking sind ein Zeugnis dafür, dass die Welt ihr Vertrauen in China gesetzt hat“, sagte Liu. China hat es genutzt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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