Neuer Kickers-Trainer

Boysen – der alte Bekannte

Von Jörg Daniels

20. Mai 2008 Am Dienstag kam sich Thomas Kalt „wie im amerikanischen Film“ vor. Mit, so der Vizepräsident der Offenbacher Kickers, „ein bisschen schlechtem Gewissen“ fuhr das Präsidiumsmitglied am Morgen in ein Offenbacher Hotel, um Trainer Jörn Andersen darüber zu informieren, dass der OFC das Angebot zur Vertragsverlängerung für die dritte Profiliga zurückzieht. Mit den Worten: „Mensch, Thomas! Das ist ja verrückt. Du nimmst mir eine schwere Entscheidung ab. Ich wusste nicht, wie ich es Euch beibringen soll, Euer Angebot ablehnen zu müssen“ soll Andersen auf die Nachricht reagiert haben. „Beide Seiten waren ein wenig erleichtert“, berichtete Kalt von dem Aufeinandertreffen. Während der 45 Jahre alte Norweger nur zwei Tage nach dem Abstieg mit den Kickers aus der zweiten Liga neuer Cheftrainer in Mainz wurde, haben die Offenbacher fast zeitgleich Hans-Jürgen Boysen für die kommenden zwei Jahre verpflichtet.

Von der OFC-Mannschaft hatte sich Andersen bereits am Dienstag verabschiedet. Bei den drei ausstehenden Testspielen in dieser Woche wird Assistenztrainer Manfred Binz das Team betreuen. Auch Sportmanager Michael Dämgen hat nach dem bitteren Saisonende keine Zukunft mehr bei den Kickers. Bis zum 30. Juni wurde er beurlaubt. Die Position des Sportmanagers wird in der dritten Profiliga nicht neu besetzt. Finanzmanager Jörg Hambückers regele die Dinge kaufmännisch hervorragend, so Kalt. Es sei „wichtig, einen Anker zu werfen“, sagte der Vizepräsident.

Von Andersen ein bisschen enttäuscht

Auf der Suche nach Planungssicherheit nach dem sportlichen Tiefschlag, durch den der OFC „um gefühlte zehn Jahre“ zurückgefallen sei, griffen die Offenbacher mit dem 50 Jahre alten Boysen auf einen altbekannten Trainer zurück. Zweimal führte der Fußballehrer den Traditionsverein schon aus der Regionalliga in die zweite Liga – bereits zweimal trennten sich die Kickers dann aber auch von ihm in der zweiten Liga. Zuletzt am 23. Januar 2006 nach der 1:3-Niederlage gegen Hansa Rostock. „Das ist aber Schnee von gestern.“

Es werde die zukünftige Zusammenarbeit in keiner Form negativ beeinflussen, kündigte Kalt an und hob hervor, dass Boysen die Aufgabe „ohne Vorbehalt“ angehen könne. Den Kontakt zum neuen, alten Trainer stellten die Kickers zum ersten Mal am Montag abend her. Zuvor hatte Andersen um eine weitere Bedenkzeit über Nacht gebeten, nachdem ihm vom Offenbacher Präsidium zunächst zwei, bis drei Stunden Zeit zum Nachdenken eingeräumt worden waren. „Dieses Zögern hat uns ein bisschen enttäuscht. Das ist kein Vorwurf“, sagte Kalt, fügte aber hinzu: „Sein Bekenntnis zum OFC war nicht so groß wie unser Bekenntnis zu Andersen. Wir brauchen Leute, die den OFC als Chance sehen.“

Zuletzt im Januar 2006 entlassen

Schließlich entschied sich der Zweitliga-Absteiger laut Präsident Dieter Müller für einen „kompletten Neuanfang“ oder, in der Sprache von Kalt, für einen „radikalen Schnitt“. Besonders glücklich agierten die Kickers dabei jedoch nicht. Besonders Dämgen, der bereits die Zusage gegeben hatte, zu reduzierten Bezügen weiterzuarbeiten, traf der Rückzieher des Vereins hart. „Nach dem Abstieg waren wir vielleicht nicht in Höchstform, kluge Entscheidungen zu treffen. Wir wissen, dass das nicht sehr gut und professionell aussieht. Es sind Fehler, die man macht. Aber es sind nicht entscheidende Fehler“, sagte Kalt. Neben finanziellen Erwägungen spielte bei der Trennung von Dämgen auch die Kritik aus der Anhängerschaft an seiner Arbeit eine Rolle. „Dämgen ist ein Stück Bauernopfer, welches wir bringen müssen. Wir brauchen das Publikum auf unserer Seite“, betonte Kalt und räumte ein, dass der Sportmanager den Abschied in dieser Form „vielleicht nicht verdient“ habe.

Wegen Unstimmigkeiten zwischen Trainer und Mannschaft musste Boysen den OFC im Januar 2006 verlassen. Auch er war damals unter den Fans trotz seiner Erfolge umstritten. Nun soll er die Kickers, bei denen Thomas Wörle doch keinen Vertrag für die dritte Liga hat, spätestens in der übernächsten Saison zurück in die zweite Liga führen. „Boysen steht für uns als Garant, dass er weiß, was zu tun ist“, so Kalt. Für Müller ist der neue Trainer gar der „ideale Mann“ in dieser Situation. Boysen wird an diesem Mittwoch der Öffentlichkeit vorgestellt. Am Dienstag feierte er seinen zweiten Hochzeitstag. „Er hat uns zweimal in die zweite Liga zurückgeführt. Das soll ein Signal an die Fans sein“, betonte Kalt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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