Kickers Offenbach

Die Kickers-Therapie: Kino und Freizeitpark

Von Jörg Daniels

05. Mai 2008 Am Montag nach dem Training hat Niko Bungert den Offenbacher Fußballanhängern in düsteren Zeiten Mut gemacht. „Wir wollen alle nicht, dass der Zweitliga-Fußball hier ein Ende hat.“ Der Innenverteidiger der Kickers sprach von einer „richtig großen Familie beim OFC“ und dass es sich dafür zu kämpfen lohne.

„Wir wissen, was wir an diesem Verein haben“, hob der U 21-Nationalspieler schließlich hervor. Einen Tag zuvor im denkwürdigen Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach hatte es in der Großfamilie OFC aber schreckliche Auflösungserscheinungen gegeben. Die beiden Platzverweise für Aristide Bancé und Moses Sichone kurz vor und kurz nach der Halbzeit mündeten in einer herben 1:7-Niederlage gegen den bei der Chancenverwertung unnachgiebigen Spitzenreiter.

Wiedergutmachung gegen Freiburg?

„Das war eine deftige Klatsche“, sagte Sportmanager Michael Dämgen mit Bitterkeit in der Stimme, nachdem er eine Nacht über das große Offenbacher Debakel geschlafen hatte. Drei Spieltage vor Saisonende ist im Abstiegskampf also Krisenmanagement auf dem Bieberer Berg gefragt. Dabei setzte sich ziemlich schnell der Fluchtgedanke durch. Einen Tag früher als geplant, am Montag um 16 Uhr, machten sich die Kickers bereits auf die Reise nach Freiburg zu einem Kurztrainingslager.

An diesem Mittwoch (17.30 Uhr) soll die Wiedergutmachung für die Heimpleite ausgerechnet im Spiel bei dem Erstliga-Aufstiegsanwärter gelingen. „Wir fahren früher nach Freiburg, um die Köpfe freizubekommen.“ Hier in Offenbach dagegen sehe man immer „negative Gesichter“, sagte Trainer Jörn Andersen. Um den leidgeprüften Spielern dabei zu helfen, gute Verdrängungskünstler zu sein, sorgt die sportliche Leitung für einige Ablenkung im Trainingslager. So stehen ein Kinobesuch sowie die eine oder andere Stunde Vergnügen im Freizeitpark Rust auf dem Programm.

Nur das Spiel des Abstiegskonkurrenten 1. FC Kaiserslautern am Dienstag gegen St. Pauli gemeinsam im Fernsehen zu verfolgen, erachtet Andersen als schlechte Unterhaltung. „Jedes Negativerlebnis ist in diesem Moment eine negative Sache“, so der 45 Jahre alte Norweger. Der ehemalige Frankfurter und Nürnberger Bundesliga-Stürmer trat am Montag wie immer auf. Sachlich und konzentriert. Nervosität war ihm keine anzumerken. Zusätzlichen Ärger vermied der Trainer. Alle hätten Fehler gemacht, hatte Vizepräsident Thomas Kalt am Sonntag anlässlich des Tiefschlags gegen Gladbach gesagt.

„Wenn man 1:7 verliert, ist keiner fehlerfrei“

Und was hat sich Andersen zuschulden kommen lassen? „Kein Kommentar“, sagte der Norweger nur und fügte hinzu: „Wenn man 1:7 verliert, ist keiner fehlerfrei.“ Nach dem zweiten Platzverweis für Sichone, der für ein Spiel gesperrt wurde, ließ Andersen hinten mit einer Dreierkette spielen. Schadensbegrenzung mit Blick auf das Torverhältnis zu betreiben stand für den Anhänger offensiven Fußballs demnach nicht im Vordergrund. „Sicherlich ist das 1:7 für die Außenwirkung nicht gut. Aber die Mannschaft hatte das Spiel abgehakt“, so der Trainer. Bungert, der gegen Gladbach gesperrt war, kann der höchsten Heimniederlage der Offenbacher im Profifußball sogar etwas Positives abgewinnen.

Es sei „leichter, nach einem 1:7 den Schalter umzustellen als nach einem 1:2. In Freiburg erwartet keiner viel von uns. Wir haben gegen Gladbach mal richtig einen drauf bekommen. Jetzt weiß jeder, dass es bald zwölf schlägt“, sagte der Innenverteidiger. Es wird höchste Zeit, dass die Kickers die Undiszipliniertheiten abstellen. Sieben Platzverweise in dieser Spielzeit, dazu die Sperre von drei Spielen für Bancé wegen dessen Ellbogenschlags im Heimspiel gegen Jena, diese Disziplinlosigkeit kann die Kickers den Ligaverbleib kosten.

„Das geht einfach nicht. Zumal wir die Dinge schon mal angesprochen hatten“, so Dämgen. Die mögliche Bestrafung der Spieler wollen die Offenbacher intern klären. Bancé ist unterdessen vom DFB-Sportgericht für fünf Spiele gesperrt worden, was für den Angreifer das Saisonaus bedeutet. Die vielen Gespräche, die Andersen nach dem Heimdebakel mit den OFC-Profis im Offenbacher Mannschaftshotel geführt hat, stimmen den Trainer immerhin zuversichtlich.

Befreiungsschlag nötig

Der Norweger hofft, dass der Großteil der Mannschaft von seiner Erfahrung im Abstiegskampf in den beiden vergangenen Jahren profitiert. „Die Spieler wissen, um was es geht. Sie haben ständig Antworten auf die schwierige Situation“, so Andersen. Und so beschwören sie in heikler Lage den Mannschaftsgeist. „Wir dürfen uns nicht verrückt machen“, fordert Sichone. „Wir müssen als Mannschaft auf dem Platz stehen.“ Noch sind die Kickers die „Gejagten“, wie es Suat Türker angesichts des Zweipunktevorsprungs auf Kaiserslautern ausdrückt.

„Wir haben gegen Gladbach eine Schlacht verloren, aber nicht den Krieg“, meinte der Stürmer. Mit einem Heimsieg der Lauterer am Dienstag gegen St. Pauli könnte der Druck auf den OFC aber weiter zunehmen. Zum ersten Mal stünden die Hessen in dieser Saison dann auf einem Abstiegsplatz. „Es geht um viel am Mittwoch in Freiburg. Man muss sich vom Ergebnis am Dienstag frei machen“, sagte Dämgen am Montag. So oder so: Im Abstiegskampf brauchen die angeschlagenen Offenbacher dringend einen Befreiungsschlag.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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