Kommentar

Das Chaosprinzip

Von Uwe Marx

22. Mai 2008 Es dürfte jeden Eierwerfer gefreut haben, wie sie bei Kickers Offenbach die Trennung von Sportmanager Michael Dämgen begründet haben. Die vielen Worte über dieses, so wörtlich, „Bauernopfer“ lassen sich kurz zusammenfassen: Dämgen habe seine Sache zwar nicht katastrophal schlecht gemacht, er sei aber Teilen des Publikums nicht mehr vermittelbar. In Osnabrück, dort also, wo der OFC abgestiegen ist, waren von aufgebrachten Anhängern Eier geworfen worden. Dämgen soll ein Ziel gewesen sein. Jetzt ist er weg, obwohl zunächst sein Verbleiben verbreitet worden war, und Vizepräsident Thomas Kalt sagt, Dämgen habe dieses Ende nicht verdient.

Triumph des Stammtisches

Aber man brauche nun mal das Publikum. Es ist der Triumph des Stammtischs. Und ein Signal an die Rabiaten und die Schreihälse. Wer laut und aggressiv genug brüllt, wird gehört am Bieberer Berg. Er darf sogar das Gefühl haben, in der Vereinspolitik ein Wörtchen mitzureden. Wer auf den Tribünen, ob nun in Offenbach oder anderswo, genau hinhört, der weiß, wie viel Bedenkliches hier mitunter zum Besten gegeben wird. Verantwortliche in den Vereinen sollten bessere Argumente haben als die emotionalen Aufwallungen bei Teilen ihres Publikums, zumal nach einem Abstieg.

Populismus ist keine Lösung

In der Causa Dämgen hätte es gereicht zu sagen, der Manager sei für die dritte Liga zu teuer. Oder er habe in der zweiten nicht erfolgreich genug gearbeitet. Oder der neue alte Trainer Hans-Jürgen Boysen wolle lieber ohne einen Mann an seiner Seite arbeiten. All das wäre nachvollziehbar gewesen, nicht aber das unverhohlene Eingeständnis, vor Teilen der Kundschaft eingeknickt zu sein. Offenbach ist kein Einzelfall. Auch beim Nachbarn Eintracht Frankfurt stemmt sich der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen oft gegen Erwartungen und Einschätzungen des Publikums. Er macht das nicht gerne, aber es muss sein. Denn einen Verein in entscheidenden Fragen, zum Beispiel der Auswahl des Personals, den Emotionen in seinem Umfeld zu überlassen, käme einer Selbstaufgabe gleich. Das Chaosprinzip dürfte dann die Vereinspolitik bestimmen. Diese Form des Populismus hindert so manchen Verein daran, ruhig und sachlich zu arbeiten.

Der eigenen Überzeugung treu bleiben

Bei den Kickers müssen sie froh sein, wenn die Dämgen-Kritiker von heute nicht allzu schnell zu den Boysen-Verächtern von morgen werden. Wird dann wieder nachgegeben, womöglich gegen die eigene Überzeugung? Und beim nächsten Mal wieder und danach wieder? Diese Unruhe sollte sich der Verein ersparen, er hat schon genug andere Probleme. Er sollte kritischen Fans zuhören, sich aber auch die Mühe machen, gegebenenfalls standhaft zu bleiben. Außerdem sollte er seine leitenden Angestellten so sorgsam auswählen, dass er sich einen langen Atem leisten kann. Dann müsste auch nicht, wie im Fall Boysen, der Sündenbock von gestern zum Retter von morgen verklärt werden



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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