1. FC Köln

Der Gemütsklub und die obligatorische „Extremsituation“

Von Thomas Klemm, Köln

04. Mai 2008 Es hat sich eingebürgert, dass in und um Köln herum zweimal im Jahr eine große Mobilmachung herrscht: Jeden Winter bekennen sich die Rheinländer zu ihrer karnevalistischen Frohnatur, und jeden Frühling zittern sie zu Abertausenden mit ihrem 1. FC Köln. Mal hoffen sie, mal bangen sie mit dem Geißbockklub, je nachdem, ob der Verein nun gerade in der Ersten Bundesliga gegen den Abstieg kämpft oder in der zweiten Liga um den Aufstieg spielt.

Derzeit versucht der FC wieder einmal, ins Oberhaus zurückzukehren, und wie in jedem Frühling haben die Verantwortlichen auch diesmal eine Hilfsaktion angeleiert: „Alles für den Aufstieg“ lautet das neue Motto, das auf T-Shirts prangt oder auf den Autofahnen steht, die in diesen Tagen im Fahrtwind flattern. Der Druck von der Straße sei durchaus eine „leistungsfördernde Maßnahme“, findet FC-Trainer Christoph Daum.

„Aus unserer Extremsituation erfolgreich befreien“

„Jetzt hat auch der letzte Spieler mitbekommen, dass sich die ganze Region mit ihm identifiziert.“ Ob jeder Fußballprofi mit der Bürde umgehen kann? Beim Zweitliga-Spitzenspiel an diesem Sonntag gegen den Mitkonkurrenten 1899 Hoffenheim (14.00 Uhr / Live bei Premiere und im FAZ.NET-Liveticker) sollten sich die Kölner Profis über 90 Minuten so bedingungslos einsetzen, so der Trainer, „dass man am Ende sagen kann: Er hat es verdient, das Trikot des 1. FC Köln zu tragen.“

Der FC, das ist für Daum auch nach fünfzig gemeinsamen Zweitligaspielen kein gewöhnlicher Klub, sondern eine große Nummer. Ein Klub, der reich ist an Traditionen, der aber in der vergangenen Dekade ungewollt eine neue, eine schlimme Tradition begründet hat: Aus dem Bundesliga-Gründungsmitglied ist die Fahrstuhlmannschaft des 21. Jahrhunderts geworden, für die es in unschöner Regelmäßigkeit alle zwei Jahre rauf und runter geht. Um die schlechte Gewohnheit auszumerzen und zum vierten Mal ins Oberhaus zurückzukehren, versucht Daum seine Mannen bei der „Fußballerehre“ zu packen, damit sie sich „aus unserer Extremsituation erfolgreich befreien“.

„Zwei Joker“ gegen die gefährdete Versetzung

Die Extremsituation, die sieht für den 1. FC Köln so aus: nur Platz fünf vor den letzten vier Saisonspielen und damit hintendran beim Kampf um die Aufstiegsplätze. Die Versetzung ist gefährdet, trotzdem können es die Kölner aus eigener Kraft schaffen, kommt doch eine Woche nach Hoffenheim auch noch der FSV Mainz 05 ins Rhein-Energie-Stadion. Das seien „zwei Joker“ für den FC, behauptet Manager Michael Meier.

Statistisch ist dieser Optimismus nicht zu belegen, hat die Kölner Mannschaft in dieser Saison doch nur einmal gegen einen Mitkonkurrenten gewonnen – in der Hinrunde in Hoffenheim, als das Team von Trainer Ralf Rangnick noch nicht so eingespielt war. Das damalige 2:0 hält Daum immer noch für einen „Durchbruch“, obwohl der folgende Vormarsch nach kurzer Zeit wieder ins Stocken geriet.

„Die arbeiten hart und stehen zu Recht dort oben“

Dass für Daum nun wieder Hoffenheim „das Auftaktspiel zu einer Serie“ sein soll, ist eine kleine Pointe gegen Saisonende. Denn der vom SAP-Gründer Dietmar Hopp finanziell unterstützte Verein ist quasi das Gegenmodell zum rheinischen Gemütsklub. Als „Wettbewerbsverzerrung in Anführungszeichen“ bezeichnet Manager Meier die Abhängigkeit des Klubs von einem Unternehmen oder einem Unternehmer, wie es sonst nur bei Bayer Leverkusen und dem VfL Wolfsburg der Fall sei.

„Aber die Hoffenheimer stehlen uns ja nichts, sondern streiten sich mit uns um den Aufstieg.“ Dass der 1. FC Köln den badischen Aufsteiger aber ein bisschen als neureichen Parvenü betrachtet, hat Daum vor Wochen in seiner Wutrede angedeutet. „Bei denen“, so der Trainer des Zweitligaklubs mit dem zweithöchsten Etat, „kostet ein Spieler so viel wie unsere halbe Mannschaft.“ Mittlerweile lobt Daum die Hoffenheimer Infrastruktur: „Die arbeiten hart und stehen zu Recht dort oben.“

Mitten in der schlechten Phase platzt Daum der Kragen

Daum hat alles versucht, damit auch der FC dort steht: Mal versammelte er die Spieler zu einem Bowlingabend, mal in einem abgeschiedenen Hotel zum „kontrollierten Übernachten“. Zwischenzeitlich redete er die abstiegsbedrohten Teams aus Jena und Aue so stark, dass es beinahe zum Fürchten war, und mittendrin platzte ihm der Kragen. Erst war Daum das Publikum zu ungeduldig, dann die Spieler zu undiszipliniert, die Medien zu anspruchsvoll und der Vorstand zu zurückhaltend.

Nach seinem Rundumschlag vor wenigen Wochen schien abgemacht, woran es einzig und allein liegen würde, wenn der FC trotz aller gefühlten Widerstände noch aufsteigen sollte: nicht an den Fähnchen am Auto, sondern am Trainer Christoph Daum.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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