Von Jörg Daniels
22. Mai 2008 Bei der Vorstellung von Hans-Jürgen Boysen dauerte es nicht lange, und der Neue bei den Offenbacher Kickers machte einen ersten Scherz. „Mein Ziel ist es“, sagte der 50 Jahre alte Trainer, stockte kurz mit der Stimme, um schließlich hinzuzufügen: „in Offenbach einen neuen Rekord aufzustellen.“ Allein das ist ziemlich einmalig: Schon zum dritten Mal gibt Boysen von der kommenden Saison an beim OFC sportlich die Marschrichtung vor. Nachdem er von Juli 1997 bis Oktober 1999 auf dem Bieberer Berg gearbeitet hatte, folgte seine zweite Amtszeit von März 2004 bis Januar 2006. „Es ist nicht alltäglich, dass Trainer bei einem Verein dreimal arbeiten“, weiß der frühere Karlsruher und Saarbrücker Bundesliga-Profi. Die Kickers dürfen sich also in den kommenden rund zweieinhalb Jahren nicht wieder von ihrem neuen, alten Trainer trennen. Nur dann hätte Boysen sein Vorhaben umgesetzt.
Boysen setzt auf Aufbruchstimmung
Drei Tage nach dem Abstieg aus der zweiten Liga war zu spüren, dass der Trainer und das OFC-Präsidium nicht die gleiche Gemütslage teilen. Hier die Präsidiumsmitglieder Dieter Müller und Thomas Kalt, denen der „brutale Abstieg“ schwer zugesetzt hat. „Unser Glück war verbraucht“, sagte Präsident Müller und haderte noch immer mit der ernüchternden Leistung der Mannschaft zum Abschluss in Osnabrück. Auf der anderen Seite dagegen Boysen, der unverkrampft und unverbraucht versuchte, trotz der Niedergeschlagenheit im Offenbacher Lager Aufbruchstimmung zu erzeugen.
An seiner Freude über die neue Aufgabe konnte selbst die Tatsache nichts ändern, dass er zuletzt im Januar 2006 vom OFC entlassen worden war. „Die Art des Abschieds bemängele ich immer wieder. Aber wir hatten schon damals darüber gesprochen.“ Es sei „schön, wieder zu Hause zu sein“, sagte der Trainer, der zugab, überrascht vom Offenbacher Anruf gewesen zu sein. „Mehr oder weniger nur gute Erinnerungen“ will er an die Kickers haben. „Es war ein sehr guter Umgang.“ Zeit, die Dinge zu verarbeiten, hatte Boysen jedenfalls genug. Das Warten auf einen neuen Job dauerte ihm natürlich „viel zu lang“. Die 15 Anfragen und Gespräche, die er mit potentiellen Arbeitgebern in der Zwischenzeit geführt habe, brachten kein Ergebnis. Immerhin: Boysen nutzte die lange Zeit ohne Engagement und bildete sich weiter. So hospitierte er fünf Wochen lang bei Armin Veh in Stuttgart und bei Edmund Becker in Karlsruhe. Zudem erweiterte Boysen seinen Horizont beim FC Liverpool und in Argentinien. Diverse Fortbildungslehrgänge kamen hinzu. Er könne 70 Jahre alt werden, „ohne noch mal irgendwohin zu müssen. Ich habe vorgesorgt“, so der Trainer. Was die sportliche Perspektive der Kickers angeht, hat Boysen bei seiner Präsentation ebenfalls Vorsorge getroffen. Diesmal, glaubt er, erwartet ihn im Vergleich die schwierigste Aufgabe in Offenbach. „Es wäre sehr euphorisch zu glauben, in der neuen Saison um den Aufstieg in die zweite Liga zu spielen.“ Vielmehr fordert Boysen, die Sache „mit Bedacht“ anzugehen. Dennoch möchte er nichts unversucht lassen, „eine tolle Mannschaft auf die Beine zu stellen“.
Leistungsträger sollen bleiben
Diese wird auf jeden Fall ein neues Gesicht haben. Präsident Müller kann sich nicht vorstellen, dass Spieler wie Suat Türker und Christian Müller zu halten sind. Torjäger Türker wird mit Freiburg, Kaiserslautern und Wehen Wiesbaden in Verbindung gebracht. Für den Rechtsverteidiger Müller sollen sich Nürnberg und Aachen interessieren. Mit Trainer Jörn Andersen nach Mainz könnten die Spieler Aristide Bancé und Niko Bungert gehen. Trotz Vertrags kann Abwehrspieler Bungert die Kickers für eine festgeschriebene Ablösesumme verlassen. „Ich werde alles dafür tun, bestimmte Spieler zu bewegen, hier weiterzuspielen“, kündigte Boysen in dem Bewusstsein an, dass der OFC „Zweitliga-Gehälter nicht stemmen“ könne. Unterdessen fallen dem Trainer, der den Spielbetrieb in den Regionalligen Süd und Nord zuletzt genau beobachtet hat, „fünfzig Spieler“ ein, „die man kaufen könnte. Wir sind für alle Positionen offen, und für diese gibt es mehrere Kandidaten“, so Boysen. Anders als in der zweiten Liga war er als Regionalliga-Trainer in Offenbach sehr erfolgreich, feierte zwei Aufstiege mit dem OFC. „Manchmal muss man einen Schritt zurück machen, um dahin zu kommen, wo man hinmöchte“, lautet das Motto von Boysen. Der Wiedereinstieg als Trainer bei seinem letzten Verein hat sich in seinem Leben schon bemerkbar gemacht. „Es war lange sehr ruhig. Aber jetzt hört das Handyklingeln nicht mehr auf“, sagt er.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Wonge Bergmann