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Fast ein Diplomat

Mario Vittoria ist der neue Oberfinanzpräsident



FRANKFURT. Mario Vittoria ist nicht so, wie sich der gemeine Steuerzahler vielleicht einen Oberfinanzpräsidenten vorstellt. Er ist unprätentiös, formuliert seine Sätze überhaupt nicht so, als diktiere er gerade eine umständliche Dienstanweisung. Er trägt eine modische Krawatte, und die 59 Jahre sieht man ihm nicht an. Oberfinanzpräsident ist ein respektheischendes Wort, das Büro mit der hohen Decke ist es auch: untergebracht in dem auffälligen Vorbau der Oberfinanzdirektion an der Adickesallee in Frankfurt, einem Gebäudekomplex, mit dem der Staat in den fünfziger Jahren wiedergewonnenes Selbstbewusstsein demonstrierte. Seit wenigen Wochen sitzt Vittoria hier. Er ist erst der siebte Oberfinanzpräsident seit dem Krieg. Kein Amt für den Übergang.

Und auch keines, das im Rampenlicht steht. Die großen Linien sind Sache des Finanzministers. Der Bürger wiederum bekommt es nur mit dem einfachen Finanzbeamten zu tun. Die Oberfinanzdirektion versteht sich als Scharnier zwischen dem Ministerium und dem örtlichen Amt, achtet etwa darauf, dass die Praxis der Finanzämter nicht voneinander abweicht.

Vielleicht wirkt Vittoria so unkompliziert, weil er in den vergangenen 15 Jahren die Zentralabteilung des hessischen Finanzministeriums geleitet hat. Das klingt auch staatstragend, ist aber fast schon ein politischer, also nachgerade öffentlicher Job - Vittoria war Stellvertreter des jeweiligen Staatssekretärs. Die dem Finanzministerium unterstellte Oberfinanzdirektion kennt er aus dieser Zeit aus dem Effeff; die meisten Führungskräfte habe er selbst eingestellt, sagt er. Seine erste große Aufgabe wird der Umzug vom bisherigen Sitz in den Neubau namens Main Triangel in Frankfurt-Sachsenhausen sein, noch 2009.

Was will der Steuerzahler vom Oberfinanzpräsidenten wissen? Ob die Pendlerpauschale schon erstattet worden sei, zum Beispiel. Ja, sagt Vittoria, aber nur, wenn in der Steuererklärung für 2007 die Entfernung von der Wohnung zum Arbeitsplatz und die Zahl der Arbeitstage genannt waren. Sonst muss sich der Steuerzahler beim Finanzamt melden. Wie von der elektronischen Steuererklärung mit dem Programm namens "Elster" Gebrauch gemacht werde? Zunehmend, sagt Vittoria, aber 80 Prozent zögen weiterhin die Steuererklärung auf Papier vor. Warum Finanzämter nicht samstags geöffnet sind? "Schwieriges Thema", sagt der Oberfinanzpräsident, weil viele Mitarbeiter von weither anreisten. Er hebt hervor, dass sich viel verbessert habe, lobt die Servicecenter in den Ämtern, verspricht eine bessere telefonische Erreichbarkeit. Womöglich künftig sogar während der Mittagszeit.

11 815 Mitarbeiter sind Vittoria unterstellt, darunter auch 1265 Betriebsprüfer. Vittoria sieht einen Nachholbedarf bei der Kontrolle von Kleinstbetrieben. Er versichert, auch bei Konzernen sei zwischen deren Beratern und den Beamten Waffengleichheit gegeben, gibt zu, dass es nicht leicht sei, qualifiziertes Personal zu gewinnen und zu halten. Es sind auch schon Finanzbeamte auf die andere Seite gewechselt.

Vittoria vermeidet jede Kraftmeierei; Unbeholfenheit solle von den Beamten nicht als Trickserei ausgelegt werden, sagt er beschwichtigend. Die Kollegen seien um ein Einvernehmen mit den Steuerberatern bemüht. "Das ist schon ein harter Job", urteilt er freundlich über die Sachbearbeiter. Das Diplomatische, fast Politische seiner Arbeit fällt ihm leicht, es mag auch zu Hause ein Thema sein; Ehefrau Inge Vittoria war für die SPD Kämmerin in Offenbach und Wiesbaden. Seinen Namen verdankt Vittoria dem italienischen Vater, er selbst wurde 1949 in Köthen geboren. Zuletzt wurde die Wohnung nach Alzenau verlegt, so dass es der Oberfinanzpräsident nun als Steuerzahler mit der bayerischen Finanzverwaltung zu tun hat. Die hat ihm die Pendlerpauschale noch nicht erstattet, berichtet Vittoria. Aber damit das keinen falschen Zungenschlag bekommt, fügt er rasch hinzu, die bayerische Finanzverwaltung sei durchaus hervorragend. Manfred Köhler

Text: F.A.Z.