Wall Street

Skandal um Aktienoptionen

Von Norbert Kuls, New York

21. Juni 2006 In den Vereinigten Staaten weitet sich ein Skandal um fragwürdige Praktiken bei der Vergabe von Aktienoptionen an Spitzenmanager aus. Die Bundesstaatsanwaltschaft und die Börsenaufsicht SEC ermitteln in dieser Angelegenheit mittlerweile gegen 50 Unternehmen. Dabei geht es um die Rückdatierung des Ausgabepreises von Optionen, die den Empfängern zusätzliche Gewinne versprach.

Der Zeitraum, für den sich die Ermittler interessieren, liegt bereits einige Jahre zurück. Aktienoptionen waren vor allem in den neunziger Jahren populär. Dennoch haben die Untersuchungen aktuelle Auswirkungen. Den Firmen, überwiegend mittelgroße Technologieunternehmen, drohen möglicherweise Strafverfahren, wenn die Bilanzierung oder Besteuerung ihrer Optionsprogramme nicht korrekt war.

Schon jetzt stehen die Aktienkurse betroffener Unternehmen unter Druck. Anleger haben zahlreiche Klagen eingereicht. Auch der Softwarekonzern Microsoft und die Baumarktkette Home Depot sind in die Kritik geraten.

Rückdatierung von Optionsscheinen

Nach Einschätzung des Anwalts Jay Musoff von der New Yorker Kanzlei Orrick, Herrington & Sutcliffe könnten die Ermittlungen die „nächste große Sache“ an der Wall Street nach der Aufarbeitung der großen Bilanzskandale werden, die vor vier Jahren die Börse erschüttert hatten. Das Ausmaß der Ermittlungen sei groß und die Behörden hätten ihre erfahrensten Mitarbeiter bei der Verfolgung von Wertpapierbetrug darauf angesetzt, beobachtet der Anwalt.

Aktienoptionen verbriefen das Recht, eine Aktie zu einem späteren Zeitpunkt für einen vorher festgesetzen Bezugspreis zu erwerben. Nach offizieller Lesart sollte das ein Leistungsanreiz für Manager oder Angestellte sein. Besitzer von Optionen, so die Theorie, werden sich besonders dafür einsetzen, den Aktienkurs des Unternehmens zu steigern. Der Bezugspreis der Optionen ist dabei in der Regel der Aktienkurs zum Zeitpunkt der Ausgabe. Die Idee dahinter: Die Besitzer von Optionen sollen nur verdienen, wenn der Aktienkurs steigt. Die Behörden haben nun den Verdacht, daß es nicht ausschließlich auf Leistung ankam. So sollen Unternehmen den Zeitpunkt für die Ausgabe der Optionen nachträglich auf einen Tag zurückdatiert haben, an dem der Aktienkurs ihres Unternehmen besonders niedrig war.

Mit dieser Rückdatierung erhält der Empfänger einen sofortigen Papiergewinn. Dennoch ist das nicht illegal, solange es offengelegt wird. Optionen, die „im Geld“ sind, deren Bezugspreis also unter dem aktuellen Aktienkurs liegt, mußten schon damals als gewinnmindernde Kosten bilanziert werden. Inzwischen müssen alle Optionen so verbucht werden.

Rücktritte bei McAfee und Power Integrations

Die Ermittlungen dürften auch der Debatte um Managervergütung neuen Schub verleihen. Die Juraprofessorin Iman Anabtawi von der Universität von Kalifornien in Los Angeles hat die zeitlich vorteilhafte Vergabe von Aktienoptionen als geheime Vergütung angeprangert.

„Kein Aktionär sollte eine Machete und einen Tropenhelm benötigen, um nach der Vergütung des Vorstandschefs zu jagen“, sagte SEC-Chef Christopher Cox jüngst vor New Yorker Finanzjournalisten. Eine rückwirkende Datierung von Optionen müsse vollständig offengelegt werden. Die SEC hatte jüngst strengere Regeln für die Offenlegung von Managervergütung vorgeschlagen. Angesichts des sich ausweitenden Skandals werden die neuen Regularien nun auch die Berichtspflichten für Aktienoptionen adressieren.

Innerhalb betroffener Unternehmen hat das Thema Aktienoptionen schon für Konsequenzen gesorgt. McAfee, ein Hersteller von Sicherheitsoftware, hat seinen Syndikus entlassen, nachdem eine unrechtmäßige Zuteilung von Aktienoptionen an ihn aufgefallen war. Zudem trat der Verwaltungsratschef des Halbleiterherstellers Power Integrations zurück. Das Unternehmen muß die Bilanzen der vergangenen sieben Jahre neu ausweisen.

Kritik auch an Microsoft

Auch Home Depot hat jüngst nach internen Untersuchungen Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Optionen eingeräumt. In drei Fällen vor Dezember 2000 hätten Manager Optionen erhalten, deren Bezugspreis unter dem Aktienkurs zum Zeitpunkt der Ausgabe gelegen habe. Nach Angaben von Home Depot wirkt sich das jedoch nicht wesentlich auf die früheren Bilanzen aus.

Auch Microsoft ist jüngst in die Kritik geraten. Microsoft setzte bei der Ausgabe von Optionen in den neunziger Jahren als Bezugspreis den niedrigsten Kurs in den 30 Tagen nach der Zuteilung fest. Das gilt als Variante der Rückdatierung. Microsoft hatte die Praxis 1999 nach sieben Jahren beendet und damals einen Sonderaufwand von 217 Millionen Dollar ausgewiesen. Microsoft glaubt nach Aussage eines Sprechers, daß die Praxis buchhalterisch einwandfrei war. Greg Maffei, der frühere Microsoft-Finanzchef, sagte der Zeitung „Wall Street Journal“ jedoch, daß es nicht den Bilanzvorschriften entsprach, weswegen die Praxis geändert wurde.

Amy Borrus, stellvertretende Direktorin des Council of Institutional Investors, einer Lobbygruppe für Pensionskassen in Washington, fordert Sicherheitsmaßnahmen gegen Manipulation. „Langfristige Leistungsanreize sollten immer am gleichen Tag eines Jahres vergeben werden, es sei denn, es gibt außerordentliche Umstände. Das garantiert zwar keine krummen Touren, aber es minimiert die Gelegenheiten“, meint Borrus.



Text: F.A.Z., 22.06.2006, Nr. 142 / Seite 23
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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