21. November 2006 Die nordeuropäische Börse OMX führt derzeit keine Verhandlungen über Zusammenschlüsse mit anderen Börsen in Europa oder Amerika, beteuert Jouni Torasvirta, Präsident der finnischen Börse Helsinki. Aber in Europa spricht jeder mit jedem, und wir sind für neue Projekte offen. Torasvirta fügte vor Journalisten in Helsinki hinzu: Die nordische Aktienbörse OMX ist allein groß genug für die überschaubare Zukunft.
Diese wenigen Sätze lassen Gedankenspielen freien Raum. Denn seit einigen Tagen ist in die Börsenkonsolidierung neuer Schwung gekommen, ohne daß OMX im Zentrum gestanden hätte. Aber die heute fünfgrößte europäische Börse, gemessen an den Handelsumsätzen und dem Marktwert der gelisteten 680 Unternehmen, hat im Fusionsgerangel der Handelsplätze schon einmal aufhorchen lassen. Im Jahr 2000, damals noch als rein schwedische OM, hatte sie für die deutlich größere London Stock Exchange (LSE) geboten, war jedoch mit ihrer Übernahmeofferte abgeblitzt. Seither hat OM die Konsolidierung in Europas Norden vorangetrieben. Im Jahr 2003 fusionierten die Schweden mit der finnischen Börse HEX zu OMX. Während in Kontinentaleuropa die Fusionsbemühungen nicht vorankamen, kaufte OMX im Jahr 2005 die dänische Börse in Kopenhagen.
So viele Neulinge wie sonst nur in London
Auch die baltischen Börsenplätze in Riga (Lettland), Tallinn (Estland) und Vilnius (Litauen) gehören seit längerem zu OMX. Vor einigen Wochen kündigte nun auch die isländische Börse an, sich anzuschließen. An der bislang auf ihre Unabhängigkeit pochenden norwegischen Börse in Oslo konnte die OMX inzwischen wenigstens 10 Prozent erwerben. Die Börse Oslo verzeichnete in diesem Jahr 40 Börsengänge. So viele Neulinge gab es in Europa sonst nur in London. Dies macht die Norweger selbstbewußt.
Der finnische Börsenpräsident Torasvirta setzt dennoch darauf, daß die Börse Oslo, mit der die anderen nordischen Börsen seit 1999 eine tiefe Kooperation vereinbarten, auf Dauer zur OMX stoßen wird. Torasvirtas Optimismus für eine noch länger eigenständige Position der nordischen Börse fußt auch darauf, daß OMX in den vergangenen Jahren Umsätze in den eigenen, aber international bekannten Aktien zurückgewinnen konnte. Ende der neunziger Jahre hatten wir den Kampf fast verloren, erinnert sich der finnische Börsenpräsident. Damals seien nur 30 Prozent des täglichen Handelsumsatzes mit den Aktien des finnischen Vorzeigeunternehmens Nokia an der finnischen Börse gehandelt worden. Heute seien es wieder 80 Prozent.
Rußland setzt auf Eigenständigkeit
Zwei Entwicklungen haben Torasvirta zufolge dazu beigetragen: Die Einführung des Euro an den Finanzmärkten Anfang 2000 hat das Anlegerverhalten internationaler Investoren verändert, Finnland habe davon profitiert. Und amerikanische Investoren müssen nicht mehr, wie in den neunziger Jahren, internationale Aktien an den heimischen amerikanischen Börsen kaufen, sondern dürften dies nun auch in Übersee tun. Heute kommen 55 Prozent der Umsätze an der OMX von Anlegern außerhalb der nordischen Region. Wichtig sei nun, so Torasvirta, daß alle skandinavischen Anleger die formierte nordische Börse als ihren Heimatmarkt ansehen. Weltweit führend ist die OMX für Aktien der Papierindustrie, für Aktien aus der Informationstechnologie hält sie sich selbst für in Europa führend.
Was die eigene Technologie der Handelssysteme angeht, ist OMX, mit einem Marktwert von 1,7 Milliarden Euro selbst börsennotiert, offenbar mit anderen europäischen Börsenplätzen konkurrenzfähig. 30 andere Börsen weltweit nutzen nach Angaben von OMX Systeme der nordischen Börse. Unter den Derivatebörsen kooperiert OMX mit der paneuropäischen Eurex und der Londoner Börse. Gleichwohl scheinen weitere Kooperationsmöglichkeiten, in denen OMX eine bestimmende Position wahren kann, trotz der Bündelung der Kräfte unter den nordischen Börsen beschränkt zu sein. Der große Nachbar der Finnen im Osten, Rußland, setzt offenbar auf eine eigenständige Börse in Moskau. Und auch in Polen, wo die Börse schon einmal kurz vor der Privatisierung stand, wird die Öffnung für internationale Partner von der neuen rechtsnationalen Regierung nicht weiterverfolgt.
Struktur macht OMX zu gutem Partner für Euronext
Dagegen kommt nun im Herzen Europas die von OMX lange erwartete und von ihr im Jahr 2000 auch angestoßene Konsolidierungswelle in Gang: Die von Paris dominierte Börse Euronext läßt sich wohl von der New Yorker Börse Nyse übernehmen, und die amerikanische Technologiebörse Nasdaq versucht eine feindliche Übernahme der Londoner Börse. Dagegen ist die vergleichsweise kleine OMX in jüngster Zeit eher als Spielball denn als aktiver Gestalter im großen Welt-Börsenroulette aufgetaucht - zunächst als angebliches Objekt der Kaufbegierde der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq, dann als Partner der LSE, weil OMX inzwischen angeblich die Rolle als Juniorpartner akzeptiert.
Die langfristige Rolle von OMX erscheint gleichwohl völlig offen. Ihre dezentrale Struktur, möglichst ein Handelssystem, aber wegen unterschiedlicher Gesetze eine weitgehende Selbständigkeit der Börsen in Stockholm, Helsinki und Kopenhagen, macht OMX an und für sich zu einem guten Partner für Euronext, die mit ihren Mitgliedsbörsen Paris, Brüssel, Amsterdam und Lissabon eine ähnliche Struktur aufweist. Aber auch ein Überleben in der Nische scheint möglich. Auf die Frage nach einer möglichen Partnerschaft mit der Wiener Börse, einem ebenfalls im europäischen Kontext kleinen Marktplatz, der auf Kooperationen mit anderen osteuropäischen Ländern und einen Nischenstatus setzt, sagt der Finne Torasvirta nur vielsagend: Wir kennen einander.
Text: ham., F.A.Z., 22.11.2006, Nr. 272 / Seite 26
Bildmaterial: Archiv, F.A.Z.
| Tops & Flops | +/- | Prozent |
|---|---|---|
| INFINEON TECHNOLOGIE | +0,09 | +1,95 |
| METRO AG STAMMAKTIEN | +0,28 | +0,71 |
| TUI AG NAMENS - AKTI | +0,07 | +0,49 |
| CONTINENTAL AG INHAB | -3,22 | -5,13 |
| DEUTSCHE POSTBANK AG | -2,65 | -4,80 |
| COMMERZBANK AG INHAB | -0,85 | -4,34 |
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 6.272,21 | -1,28 |
| TecDax | 734,26 | -0,60 |
| DowJones | 11.288,54 | +0,65 |
| Nasdaq | 2.245,38 | -0,27 |
| STOXX 50 | 3.275,20 | -1,67 |
| Nikkei 225 | 13.237,89 | -0,21 |
| S&P 500 Zert. | 12,61 | +0,08 |
| Euro/Dollar | 1,57 | +0,00 |
| Bund Future | 111,54 | +0,36 |
| Gold | 932,30 | +0,03 |
| Öl | 145,16 | +0,10 |
