28. Juni 2009 Das werden meine letzten Shows sein. Das wird es sein. Wenn ich sage, das ist es, dann meine ich wirklich, das ist es. Rückblickend klingt es fast so, als habe Michael Jackson im Frühjahr, als er die geplanten Konzerte in London ankündigte, schon eine böse Ahnung gehabt.
Der Tod des fünfzig Jahre alten Popsängers, dessen Musik ebenso legendär wie sein exzentrischer Lebensstil war, kam plötzlich, aber nicht überraschend. Nun, da es zu spät ist, gibt es lautstarke Klagen von sogenannten Vertrauten und Freunden, die schon lange mit dem Schlimmsten gerechnet haben.
Wenn die Obduktionsergebnisse vorliegen, wird die Hölle losbrechen
Ich habe jeden gewarnt, und siehe da, da haben wir es, empörte sich Brian Oxman, Anwalt von Jackson, der sogleich als Freund der Familie vor die Mikrofone und Kameras trat. Oxman ist überzeugt, dass Jackson Opfer von Medikamentenmissbrauch geworden ist - und Opfer der zahlreichen Leute, die noch von dem selbsternannten King of Pop profitieren wollten, als dieser längst zur bedauernswerten Karikatur seiner selbst geworden war.
Der skandalöse Medikamententod der 2007 verstorbenen Anna Nicole Smith sei nichts gegen das, was mit Jackson passiert sei, meinte der Anwalt in Anspielung darauf, dass die 39 Jahre alte Blondine von jenen, die es angeblich gut mit ihr meinten, mit Pillen versorgt worden war. Jackson habe zu jeder Zeit verschreibungspflichtige Medikamente gehabt.
Wenn die Obduktionsergebnisse vorliegen, wird die Hölle losbrechen, orakelte Liza Minnelli, die selbst Erfahrungen mit Alkohol- und Medikamentensucht hat. Die Gerichtsmediziner in Los Angeles schlossen am Freitag aus, dass Jackson durch Gewalteinwirkung oder Fremdverschulden gestorben sei. Die Todesursache müsse durch weitere Untersuchungen geklärt werden; mit den Ergebnissen sei erst in einigen Wochen zu rechnen.
Zeit für Spekulationen
Bis dahin bleibt also reichlich Zeit für Spekulationen. Jacksons früherer Manager und Freund Tarek Ben Amar meint, die Schuldigen schon zu kennen: kriminelle Ärzte, die von Jacksons Hypochondrie lebten und ihm Tausende und Abertausende Dollar für Medikamente und Vitamine abknöpften, so Amar in einem Radiointerview. Einer von Jacksons Ärzten wurde am Tag nach dem Tode des Musikers von der Polizei in Los Angeles gesucht.
Nicht weil er einer Straftat verdächtig sei, so Polizeisprecherin Karen Rayner. Aber die Gerichtsmediziner würden gern mit Conrad Robert Murray reden. Der aus Texas stammende Arzt wohnte offenbar bei Jackson im Haus. Den vor dessen Villa geparkten BMW des Kardiologen hatte die Polizei gleich am Donnerstag beschlagnahmt. Womöglich, so die Polizeisprecherin, befänden sich darin Medikamente oder andere Hinweise darauf, warum Jacksons Herz am Donnerstagmittag plötzlich aufhörte zu schlagen.
Was genau in der Nobelvilla in Holmby Hills passierte, ist immer noch ein Rätsel. Fest steht, dass ein Notruf von dort um 12.21 Uhr (Ortszeit) die Rettungsleitstelle erreicht. Der Musiker sei bewusstlos, atme nicht und reagiere auch nicht auf die Reanimierungsversuche, die der anwesende Arzt unternehme, heißt es in dem Protokoll zu dem Anruf. Minuten später treffen die Rettungssanitäter ein. Sie behandeln Jackson 42 Minuten, bevor er ins nahe gelegene Krankenhaus UCLA Medical Center gebracht wird.
Eine letzte Dosis Demerol
Die Ärzte versuchen mehr als eine Stunde lang, Jackson wiederzubeleben - vergeblich. Um 14.26 Uhr (Ortszeit) wird der King of Pop für tot erklärt. Als eindrucksvollen Künstler und Musikikone werde Präsident Barack Obama ihn in Erinnerung behalten, sagte Präsidentensprecher Robert Gibbs. Doch habe es auch Abschnitte im Leben Jacksons gegeben, die schlimm und tragisch gewesen seien.
Zu den dunklen Seiten gehörte auch, dass Jackson medikamentenabhängig war. Glaubt man der gewöhnlich gut unterrichteten Internet-Klatschseite TMZ, hatte Jackson Stunden vor der Herzattacke, am späten Donnerstagvormittag, seine tägliche Demerol-Injektion bekommen, ein Schmerzmittel mit opiumähnlicher Wirkung. Wie TMZ weiter berichtet, sind Mitglieder des Jackson-Clans überzeugt, die Dosierung sei zu hoch gewesen - so hoch, dass Jackson daran gestorben sei.
Angeblich ist Jackson seit Jahrzehnten von Medikamenten abhängig. Die Sucht soll damit begonnen haben, dass ihm 1984 nach einem Unfall bei Werbeaufnahmen für Pepsi Demerol verschrieben worden war. Damals hatte Jackson schwere Verbrennungen am Kopf erlitten. Irgendwann machte er eine Entziehungskur in der Betty Ford Clinic, aber offenbar ohne Erfolg.
Beamten beschlagnahmten Medikamente
Als die Polizei später wegen Kindesmissbrauchs gegen Jackson ermittelte, beschlagnahmten die Beamten auf seiner Neverland-Ranch Spritzen und Medikamente, darunter auch Demerol.
Michael Jacksons Geschwister befürchteten angeblich schon vor Jahren, dass ihr berühmter Bruder wegen seiner Medikamentenabhängigkeit in Lebensgefahr schwebe. Janet habe am Telefon auf Michael eingeredet, und Randy, Jackie und Rebbie seien zu ihm nach Las Vegas gefahren, um ihn davon zu überzeugen, dass er sich in Behandlung begeben müsse, berichtet ein angeblicher Insider. Aber Michael sei wütend geworden und habe alles abgestritten.
Allerdings gab er dann im Jahr 2007 in einer eidesstattlichen Erklärung zu, dass er in den Jahren zuvor oft unter dem Einfluss von Medikamenten gestanden habe. Wie viele Pillen er brauchte, kam während eines Rechtsstreits mit einer Apotheke in Beverly Hills heraus: In zwei Jahren habe Jackson Schulden in Höhe von 100000 Dollar für Medikamente angehäuft, hieß es in der Klageschrift.
Angst vor einem Schicksal wie Elvis
Lisa Marie Presley erinnert das alles schmerzlich an das Schicksal ihres Vaters - und an eine düstere Prophezeiung ihres damaligen Ehemanns Michael Jackson. Auf ihrem MySpace-Blog berichtet die Tochter von Elvis, die in den neunziger Jahren kurz mit Jackson verheiratet war, von einem Gespräch über den frühen Tod ihres Vaters und dessen jahrelange Medikamentenabhängigkeit. Michael habe plötzlich innegehalten, sie durchdringend angesehen und mit fast ruhiger Sicherheit gesagt: Ich fürchte, ich werde so enden wie er. Sie habe auf ihn eingeredet, aber er sei sich seines Schicksals sicher gewesen.
Auf der Suche nach Schuldigen am Tod Jacksons sind neben den Ärzten und ominösen Helfern, die dem Musiker Medikamente beschafft haben sollen, auch die Veranstalter der Londoner Konzerte ins Visier geraten. Jackson habe eigentlich nur fünf Auftritte gewollt, behauptete sein Freund, der Liechtensteiner Musiker und Unternehmer Al Walter, gegenüber dem Nachrichtensender Fox News. Aber die Veranstalter haben einfach immer mehr hinzugefügt.
Insgesamt fünfzig Konzerte sollte Jackson vom 13. Juli an in der O2-Arena in London geben. Die Karten waren im Nu ausverkauft. Doch je näher der Termin rückte, desto mehr häuften sich Fragen, ob Jackson nach zwölf Jahren Tourneeabstinenz körperlich und seelisch in der Lage sei, wieder aufzutreten. Randy Philipps vom Konzertveranstalter AEG Live versicherte: Er ist in phantastischer Form.
Im Rollstuhl zu den Proben
Nur: Warum ließ sich der einstige Moonwalker dann angeblich im Rollstuhl zu Proben fahren? Warum kam er, wie am Abend vor seinem Tod, um Stunden zu spät? Und warum wirkte er lethargisch auf manche Leute, die ihn bei den Proben erlebten? Der Druck war jedenfalls enorm. Schließlich sollten die Londoner Konzerte ein Riesengeschäft werden. AEG Live rechnete mit Gewinnen von 115 Millionen Dollar. Weitere 450 Millionen Dollar brutto sollte eine dreijährige Tournee einspielen, auf die man Jackson schicken wollte.
In Erwartung des Geldsegens hatte Jackson Vorauszahlungen in Höhe von 40 Millionen Dollar bekommen - Geld, das er dringend brauchte. Denn trotz seiner Millioneneinnahmen saß Jackson auf einem riesigen Berg Schulden. Von Verbindlichkeiten in Höhe von 500 Millionen Dollar ist die Rede. Das Geld zerrann Jackson nur so zwischen den Fingern. Er kaufte Antiquitäten, Juwelen, Kunstwerke und Luxuslimousinen. Seine rund tausend Hektar große Neverland-Ranch, wo Jackson sich für Millionen Dollar eine trügerische Märchenwelt schuf, wäre beinahe zwangsversteigert worden, weil ihr Eigentümer die Kredite nicht mehr bedienen konnte.
Die Rettung kam dann in Gestalt des Milliardärs Tom Barrack. Dessen Finanzgesellschaft Colony Capital sprang mit knapp 24 Millionen Dollar ein und bildete ein Joint Venture mit dem Popstar. Doch nicht nur der opulente Lebensstil, auch Dutzende Operationen, mit denen Jackson sein Äußeres auf gespenstische Weise änderte, die beiden Scheidungen und die zahlreichen Gerichtsprozesse, in die der Musiker bis zu seinem Tod verstrickt war, rissen große Löcher in die Kasse.
Jacksons Nomadenleben
Bis zu 25 Millionen Dollar soll er allein für die Abwehr eines ersten Strafprozesses wegen angeblicher sexueller Belästigung eines Jungen gezahlt haben. Als es dann in einem anderen Fall tatsächlich zum Strafverfahren wegen Kindesmissbrauchs kam, wurde Jackson im Jahr 2005 zwar freigesprochen, aber seinen Ruf als Wacko Jacko, als durchgedrehter Spinner, wurde er nicht mehr los.
Jackson begann ein Nomadenleben: Dubai, Bahrein, London, Las Vegas und schließlich Los Angeles. Immer mit dabei waren seine Kinder, der zwölf Jahre alte Prince Michael und die elf Jahre alte Paris aus seiner Ehe mit der früheren Krankenschwester Debbie Rowe sowie der sieben Jahre alte Prince Michael II., der von einer unbekannten Leihmutter ausgetragen wurde.
Der Streit darüber, wer die Kinder künftig großziehen wird, könnte Stoff für eine neue Episode im Jackson-Drama liefern. Einstweilen sollen die Kinder, für die der Musiker das alleinige Sorgerecht hatte, wohl zu Michael Jacksons Mutter Katherine kommen. Aber es gibt Gerüchte, dass sie nicht bei bester Gesundheit ist.
Streit um das Sorgerecht
Auch wäre es denkbar, dass Debbie Rowe vor Gericht zieht und das Sorgerecht zurückfordert, das sie damals aufgab. Den engsten Kontakt hatten die Jackson-Sprösslinge aber angeblich zu ihrer Kinderfrau Grace Rwaramba, einer engen Vertrauten des Popstars. Eine Freundin der Familie behauptet, Michael habe stets gesagt, Rwaramba solle die Kinder großziehen, falls ihm etwas zustoße.
Mit dem Schicksal der Kinder sind zugleich handfeste finanzielle Interessen verwoben. Wer immer das Sorgerecht bekommt, kann sich Zugriff auf das verbliebene Vermögen von Michael Jackson ausrechnen, sagen Anwälte. Da wären vor allem die Rechte an seinen eigenen Titeln sowie an mehr als 200 Liedern der Beatles.
Mittlerweile hält Sony zwar die meisten Anteile an den Beatles-Songs, aber der Wert von Jacksons Paket sei noch immer beträchtlich, sagen Leute, die sich mit Jacksons Vermögen auszukennen glauben. Wahrscheinlich gibt es am Ende doch noch etwas zu holen.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, Reuters