Raumfahrt

Rosetta rückt Unglücksboten auf den Pelz

Ausgestellt: Der “Rosetta“-Lander auf dem Kometen Wirtanen

Ausgestellt: Der "Rosetta"-Lander auf dem Kometen Wirtanen

20. November 2001 Sie werden "schmutzige Schneebälle" oder "Vagabunden des Sonnensystems" genannt, sie gelten seit Generationen in nahezu allen Kulturen der Welt als Unglücksbringer oder Vorboten drohenden Unheils: Kometen. Ihr überraschendes und unvorhersehbares Erscheinen am Himmel versetzte die Menschen noch bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts in Angst und Schrecken. Im Grunde konnten die Erdenbewohner erst das jüngste Erscheinen eines Kometen in vollen Zügen als das genießen, was es ist: der Komet Hale-Bopp bescherte im Frühjahr 1997 der Erde keine Katastrophen, sondern ein spektakuläres Himmelsschauspiel.

Einem dieser einstigen Unheilsboten wird zu Beginn des kommenden Jahrzehnts erstmals ein irdischer Flugkörper buchstäblich auf den Pelz rücken. Ein kleiner Lander soll im Rahmen der europäischen Raumfahrt-Mission "Rosetta" im Jahr 2012 auf der Oberfläche des kleinen Kometen Wirtanen aufsetzen und die letzten Geheimnisse der in Sonnen-Nähe buchstäblich verdampfenden Reisenden durch das Sonnensystem enträtseln. Am Dienstag stellte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), das gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für Aeronomie (MPAe) die Initiative für die kleine Forschungssonde entwickelt hatte, den nun fertiggestellten Lander vor. Er soll nun der Europäischen Raumfahrtagentur Esa übergeben werden, um in die Gesamtmission integriert zu werden.

Schwung holen in der Marsumlaufbahn

Diese soll im Januar 2003 vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana starten. Eine Ariane-5-Rakete soll dann die Sonde auf ihre 800 Millionen Kilometer und neun Jahre lange Reise bringen. Da auch diese leistungsstarke Rakete nicht ausreicht, um den Forschungsroboter auf direktem Weg zum alle fünf Jahre in Erdnähe gelangenden Kometen Wirtanen zu bringen, muss "Rosetta" bei so genannten Swingby-Manövern in den Umlaufbahnen von Mars und Erde Schwung holen, um 2011 Wirtanen zu erreichen. Nach genauer Erkundung des im Durchmesser nur ein Kilometer großen Schweifsterns aus der Nähe, soll 2012 der in Deutscland gebaute und erfolgreich geteste Lander auf der Kometenoberfläche aufsetzen. Da der Himmelskörper nur eine geringe Schwerkraft besitzt, muss das Analysegerät auf der voraussichtlich lockeren Oberfläche festgehakt werden, um nicht sofort wieder ins All abzudriften.

Die Wissenschaftler erhoffen sich von der anspruchsvollen Mission weitreichende Erkenntnisse über die Entstehung von Planetensystemen und über die Entstehung des Lebens. Denn man vermutet, dass sich in Kometen nahezu unverändert jenes Material konserviert haben könnte, aus dem sich vor viereinhalb Milliarden Jahren die Sonne und die Planeten gebildet haben. Besonders gespannt sind die Forscher darauf, ob sich Hinweise finden lassen, dass bereits zu einem so frühen Zeitpunkt der Entwicklung des Universums organische Verbindungen als Grundlage für späteres Leben existierten.

Der Name "Rosetta" ist von dem berühmten "Rosetta-Stein" entlehnt. Die im Britischen Mueseum in London aufbewahrte Steintafel aus dem Jahr 196 v. Chr. enthält einen Gesetzestext in ägyptischen Hieroglyphen, demotischer Schrift und in Griechisch. Aus dem Vergleich der Texte konnte Jean Francois Champollion (1790-1832) die Bedeutung der Hieroglyphen enträtseln. Der Begriff "Rosetta" stehe somit symbolisch für die Enträtselung des Unbekannten an sich. Genau das, so meinen die Verantwortlichen der Esa-Mission, soll auch die Raumfahrt-Mission gleichen Namens leisten: die Ursprünge des Sonnensystems entschlüsseln.

Text: @dho
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche