25. Februar 2007 Um kurz vor vier Uhr früh am Sonntag konnten die Wissenschaftler und Techniker im Kontrollzentrum der Europäischen Raumfahrtagentur Esa in Darmstadt aufatmen. Ihre Raumsonde Rosetta hatte sich soeben zurückgemeldet. 15 Minuten lang war sie durch den Schatten des Mars geflogen und dabei hinter dem roten Planeten verschwunden - ohne Funkkontakt zur Erde und - bedingt durch das Fehlen von Sonnenlicht zur Energieerzeugung - mit fast allen Systemen auf Stand-by.
Doch das waghalsige Manöver verlief wie geplant. In 250 Kilometern Entfernung passierte die Sonde den Mars und schoss dabei Fotos im Infrarot-, UV- und sichtbaren Licht von der Oberfläche des Planeten und auch Bilder seines Mondes Phobos.
So manches hätte schief gehen können in dieser Nacht, doch die Esa-Wissenschaftler in Darmstadt waren gut vorbereitet. Wir haben in den vergangenen Monaten verschiedenste Szenarien durchgespielt, erläutert Missionsmanager Gerhard Schwehm. Schon seit 22 Jahren arbeitet Schwehm an dem Rosetta-Projekt und ein Ende ist für ihn noch lange nicht in Sicht. Denn die unbemannte Sonde, die vor fast genau drei Jahren ins All abhob, hat noch nicht einmal die Hälfte der Wegstrecke hinter sich. Bis zu ihrem eigentlichen Ziel, den Kometen 67 P/Churyumov-Gerasimenko, sind es noch fünf Milliarden Kilometer. Eine Strecke, für die die Forschungssonde sieben Jahre benötigen wird und deshalb im Schwerefeld des Mars noch einmal Schwung nahm.
Lange Reise mit Umwegen
Denn Rosettas Reise zu dem Kometen verläuft über Umwege. Um die Sonde an ihr Ziel zu bringen, müssen die Esa-Wissenschaftler mit ihr quasi Weltraumbillard spielen. Immer wieder schicken sie den automatischen Forscher in Richtung von Mars oder Erde, damit sie beim Vorbeiflug an den Planeten deren Schwerkraft für Richtungsänderungen und die eigene Beschleunigung nutzt. Denn bei nahen Vorbeiflügen können die Anziehungskräfte der Planeten wie gigantische Fliehkräfte genutzt werden, die eine Sonde ohne Treibstoffverbrauch enorm beschleunigen und dadurch die Zeit zum Ziel - trotz aller Umwege - verkürzen. Würde Rosetta auf direktem Wege zum Kometen Churyumov-Gerasimenko fliegen, würde dies länger dauern und ungleich mehr Treibstoff verbrauchen, der durch sein Gewicht die Sonde zudem zusätzlich verlangsamen würde. Die Raumfahrer nennen solche Manöver Swingby.
Das wissenschaftliche Programm, das beim Vorbeiflug am Mars noch abläuft, ist nur ein Bonus, sagt Schwehm, der wie seine Kollegen gespannt auf jenen Tag im Frühling 2014 wartet, an dem Rosetta den Kometen erreicht und das Landegerät Philae absetzt, um den Schweifstern so genau zu untersuchen, wie dies in der Geschichte der Raumfahrt bisher noch nicht möglich war. Denn noch nie ist bisher ein irdisches Objekt auf einem Kometen gelandet.
Auch bei David Southwood, dem Wissenschaftsdirektor der Esa, spürt man bereits große Vorfreude auf diesen Moment. Wenn man das Sonnensystem wirklich verstehen will, dann muss man verstehen, woraus Kometen bestehen, sagt er. Die vagabundierenden Himmelskörper sind nämlich einzigartige Zeugen der Entstehung unseres Sonnensystems vor 4,6 Milliarden Jahren sind, da sie noch Reste der Materie aus dieser längst vergangenen Zeit in sich tragen müssten.
Brachten Kometen das Leben auf die Erde?
Denn sowohl Kometen als auch Planeten entstammen dem gleichen Urnebel. Doch während sich die Planeten im Laufe der Jahrmilliarden veränderten, blieb die Chemie der Kometen nahezu gleich. In ihrem Inneren werden komplexe Moleküle vermutet, die möglicherweise einst die Entstehung des Lebens auf der Erde beförderten.
Auch könnten Kometen eine wichtige Rolle bei der Bildung der Ozeane und Atmosphäre gespielt haben. Bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob das Leben auf der Erde mit Hilfe von Kometen begann, haben wir heute einen weiteren wichtigen Schritt zurückgelegt, sagte Southwood am frühen Sonntagmorgen. Die üblichen blumigen Worte, mit denen die Raumfahrer zu verstehen geben, dass sie mit ihrer Arbeit zufrieden sein können.
Text: FAZ.NET mit Material von ddp
Bildmaterial: AP, Esa