Biokunststoff

Einkaufstüten aus Kartoffeln sind in Kassel derzeit der Renner

Von Nathalie Heinke

Auch diese Pflanzentöpfe sind biologisch abbaubar

Auch diese Pflanzentöpfe sind biologisch abbaubar

06. Februar 2002 Sie sehen so aus wie gewöhnliche Plastiktüten und sind auch genau so strapazierbar, doch statt die Umwelt zu belasten, können sie sich nach Bedarf beinah in nichts auflösen: Biokunststoffe heißt das Zauberwort. In Kassel werden rund 15 kompostierbare Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen in einem bundesweit einmaligen Modellversuch getestet.

Tragetaschen, Obstbeutel, Gemüseschalen, Kräutertöpfe, sogar eine Butterverpackung aus kompostierbaren Material können die Kasseler seit Mai vergangenen Jahres in über 80 Geschäften erstehen und anschließend über die Biotonne entsorgen. Mit von der Partie sind beispielsweise die Kasseler Markthalle, der Supermarkt Edeka aber auch Blumenläden und ein Drogeriemarkt.

Getragen wird der Modellversuch von der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe, einer Einrichtung des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, das den Versuch mit etwa 1 Million Euro unterstützt. Aber auch Rohstofflieferanten wie Biotec, Novamont und Basf und andere Unternehmen subventionieren das Projekt.

Kommen gut an: Abbaubare Verpackungen

Im Fokus des knapp einjährigen Modellversuchs steht die Praxistauglichkeit der biologisch abbaubaren Verpackungen: Er soll Aufschluss geben über abfallwirtschaftliche Fragen und Verbraucherzufriedenheit. Die ist nach Angaben von Martin Lichtl, Koordinator des Projekts, außergewöhnlich gut: „Im Januar ist es zwar etwas ruhiger geworden, grundsätzlich aber kommen die Verpackungen bei den Verbrauchern sehr gut an.“

Nach seinen Angaben sind bislang rund 2 Millionen Bio-Verpackungen verkauft worden. 80 Prozent der Kassler, hätten die Qualität der gekauften Produkte als gut oder sehr gut beurteilt. 87 Prozent würden sie wieder kaufen, ermittelte das Kölner Marktforschungs-Institut factx.

Auch die Befürchtung der Kompostwerkbetreiber, dass sich die Fehlwurfrate in den Biotonnen im Rahmen des Modellprojekts vergrößere, etwa aufgrund der Ähnlichkeit der Biokunststoffe mit herkömmlichen Kunststoffen hat sich nicht bewahrheitet.

Zwar stehen die endgültigen Ergebnisse noch an, eine Prognose aber kann Matthias Klauß vom der Bauhaus Universität Weimar, deren Abfallexperten das Projekt unter abfallwirtschaftlichen Gesichtspunkten untersuchen, schon geben: „Wir haben bislang sechs Analysen durchgeführt und alle weisen auf, dass sich die Fehlwurfrate nicht erhöht hat. Im Gegenteil, die Tendenz ist sogar eher rückläufig“, sagt er.

Gemüse als Rohstoff für Biokunststoffe

Rohstofflieferant der im Modellprojekt verwendeten Biokunststoffe sind stärkehaltige Pflanzen wie beispielsweise Kartoffeln: „Der Großteil der Verpackungen wie Obsttüten und Folien besteht aus überwiegend nachwachsenden Rohstoffen. Das bedeutet, die Verpackungen müssen aus mehr als 50 Prozent nachwachsenden Rohstoffen hergestellt worden sein“, erklärt Harald Käb, Pressesprecher der Interessensgemeinschaft Biologisch Abbaubare Werkstoffe (IBAW). Der übrige Teil besteht aus einem Kunststoff, der zwar ebenfalls abbaubar ist, aber nicht von nachwachsenden Rohstoffen stammt. Alle Verpackungen tragen als Zeichen ihrer Kompostierbarkeit das Sechseckiges Kennzeichen mit einem Keimling.

„Rund 15 Cent müssen die Kasseler beispielsweise für eine Tragetasche aus Biokunststoff berappen. Allerdings: „Das Rohmaterial ist teurer als herkömmlicher Kunststoff, unter Umständen sogar bis zu vier Mal“, weiß Käb. Als günstiger erweist sich dagegen die Entsorgung der biologisch abbaubaren Werkstoffe (BAW), aus denen die Biokunststoffe bestehen: Hier liegen die Preise pro Kilo bei weniger als der Hälfte von herkömmlichen Verpackungen, die über das Duale System gesammelt werden. Abgebaut werden die Biokunststoffe von Mikroorganismen, die sich in den Kompostwerken unter bestimmten Bedingungen wie ausreichend Wärme an den Abfällen gütlich tun.

Die Becher, Tüten und Folien zerfallen einfach. Übrig bleibt Zellmasse. Welchen Einfluss dieser Rest verwendet als Kompost auf den Boden sowie Ertrag und Qualität von Pflanzen hat, wurde ebenfalls von der Bauhaus Universität im Feldversuch an Chinakohl nachgeprüft. Das Ergebnis: „Der Kompost ist genau so gut wie herkömmlicher Dünger“, konstatiert Klauß.

Verlängerung beantragt

„Das Projekt ist erfolgreich“, bekräftigt Lichtl. So sehr, dass die Projektteilnehmer eine Verlängerung bis Ende des Jahres beantragt haben. Der Grund: „Zahlreiche andere Verpackungshersteller möchten ihre Produkte testen lassen“, sagt Lichtl. Außerdem habe es teilweise logistische Probleme gegeben: Die neugierigen Hessen haben die abbaubaren Verpackungen so gut gefallen, dass die Hersteller anscheinend mit der Produktion nicht nachkamen. Das soll sich dann ändern.

Text: @nath
Bildmaterial: dpa

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