Die Mutter am 1.3.2003

„Liegt wohl in der Familie“

Von Jennifer Merschieve

05. Juni 2007 Ich freue mich auf mein Kind, ich wollte schon immer Kinder haben. Habe nur nicht gedacht, daß es so früh kommt. Andererseits - die Mutter von meinem Freund hat ihn auch bekommen, als sie sechzehn war. Liegt wohl irgendwie in der Familie. Es ist passiert, weil ich die Pille nicht regelmäßig genommen habe. Als meine Regel dann ausgeblieben ist, habe ich einen Test gemacht. Die beiden Streifen auf dem Teststäbchen waren nicht zu übersehen, und da habe ich es genommen und hab' gelacht und bin damit rumgetanzt. Ich war glücklich. Ich liebe Daniel so doll und kann mir nicht mehr vorstellen, ohne ihn zu sein. Obwohl ich mir natürlich jetzt manchmal Gedanken mache, was wäre, wenn Daniel mich verlassen würde. Aber dann wäre er halt nicht der Richtige für uns.

Ich habe zuerst überhaupt nicht geahnt, daß ich schwanger bin. Ich war zu der Zeit mit meinen Eltern und meinem Bruder im Urlaub und immer furchtbar schlecht gelaunt. Mir war auch immer übel, und einmal habe ich morgens mit Daniel telefoniert und danach gebrochen. Aber ich dachte, das sei, weil ich seine Stimme gehört habe. Ich war so liebeskrank. Wir sind seit meinem vierzehnten Geburtstag zusammen, damals kannten wir uns drei Monate. Am Anfang fand ich ihn gar nicht so toll. Aber dann war ich immer mehr beeindruckt von ihm. Cool war er. Harte Schale, weicher Kern. Und er ist flippig. Er ist achtzehn und macht gerade seinen Schulabschluß nach, das ist ein Projekt vom Arbeitsamt, wo man gleichzeitig auch eine Ausbildung macht. Er lernt Koch, in einem Krankenhaus.

Ich will den Abschluß auf jeden Fall schaffen

Ich selbst werde im Juni mit der Realschule fertig. Wenn das Kind da ist, kann ich natürlich nicht mehr zur Schule gehen, aber ich will den Abschluß auf jeden Fall schaffen. Vielleicht wird eine Lehrerin freigestellt und kommt jeden Tag für ein paar Stunden zu uns. Ich wohne noch zu Hause bei meinen Eltern. Meine Mutter würde vormittags auf das Kind aufpassen. Sie arbeitet in der Küche, im gleichen Krankenhaus wie Daniel, und könnte dann nachmittags arbeiten gehen. Meine Eltern unterstützen mich voll. Die würden nie sagen, treib' das Kind ab. Meine Mutter hat schon geahnt, daß ich schwanger bin. Sie kennt mich eben gut. Als ich es ihr dann gesagt habe, meinte sie: ,Ich bin doch noch viel zu jung, um Oma zu werden.' Ich habe geantwortet: ,Was soll ich denn sagen?' Da hat sie mich in den Arm genommen.

Daniels Eltern freuen sich auch. Sie haben gesagt, sie sind für mich da, auch wenn Daniel und ich uns irgendwann trennen sollten. Daniels Vater ist bei der Müllabfuhr, als Fahrer, und nebenbei arbeitet er als Türsteher; er ist ja erst 38. Es wird ein Junge. Einen Namen haben wir uns aus Spaß schon mal überlegt, als ich noch gar nicht schwanger war: Kane. Aber jetzt finde ich, daß sich das zu gangsterhaft anhört. Das möchte ich nicht. Das Kind soll schon einen vernünftigen Namen haben, vielleicht Justin. Ich sehe jetzt viele Dinge anders als früher. Daniel sagt, ich bin anstrengender geworden. Ich finde, ich bin anhänglicher. Zu Beginn der Schwangerschaft habe ich mich so richtig an Daniel geklammert. Da hat er nach drei Wochen Schluß gemacht. Er hat gesagt, er braucht eine Beziehungspause, Zeit zum Nachdenken. Zwei Wochen später hat er dann angerufen und gesagt: ,Ich werde für dich und das Kind da sein. Ich liebe dich über alles.' Jetzt streichelt er immer meinen Bauch und guckt sich die Ultraschallbilder an.

Mein Hobby ist ja mein Freund

Ich glaube nicht, daß ich auf vieles verzichten muß, wenn das Kind erst mal da ist. Ich mache eigentlich sowieso nicht viel außer lesen, telefonieren und Daniel sehen. Mein Hobby ist ja mein Freund. Ich kann den jeden Tag sehen, das ist für mich nicht schlimm. Ich hab' ihm immer was zu erzählen, oder wir fahren in die Stadt oder zu seiner Oma zum Mittagessen. Nur freitags macht er was alleine: da kommen alle seine Kumpels und trinken da. Samstags räumen wir dann zusammen sein Zimmer auf. Aufräumen tu' ich gerne und staubsaugen, staubwischen, den Tisch putzen. Das ist nachher schön, zu sehen, wie blitzblank das alles ist.

Wenn das Kind da ist und ich mit der Schule fertig bin, wollen Daniel und ich zusammenziehen. Das stelle ich mir dann so vor: Morgens mache ich das Frühstück, dann mache ich den Haushalt und kümmere mich um unser Kind, und wenn Daniel nach Hause kommt, koche ich was. Dann unternehmen wir was, und den Abend verbringen wir vor dem Fernseher. Das hört sich total langweilig an, ich weiß, aber meine Eltern machen das genau so. Das ist normal eigentlich, so ein Tag. Wenn ich mit jemandem zusammen bin, muß ich mir keine Gedanken machen, ob ich was verpasse. Ich bin glücklich dann, das reicht mir. Meine Freundinnen fragen manchmal: ,Wie kannst du bloß, nur mit einem?' Weil Daniel mein erster richtiger Freund ist.“

Aufgezeichnet von Katrin Hummel



Text: F.A.Z.

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