27. August 2003 Als Albtraum seiner Biographen erweist sich Charles Lindbergh. Vor fünf Jahren hat A. Scott Berg sein gefeiertes Buch über den Piloten veröffentlicht, der nach seinem Alleinflug über den Atlantik zu einem amerikanischen Volkshelden verklärt wurde. Teilweise minutiös zeichnete Berg das Leben Lindberghs nach; kein Detail schien ihm zu entgehen, etwa wenn er die Romanze des Flugpioniers mit seiner späteren Ehefrau Anne Morrow schilderte: "Nach einem leidenschaftlichen Rundtanz ließ sich Anne in der Halle auf ein Sofa fallen, neben eine Cousine und ein paar Freunde ihres Bruders." Ein Standardwerk habe er geschaffen, wurde Berg gepriesen; die Auszeichnung mit dem Pulitzer-Preis und eine Übersetzung ins Deutsche folgten.
Doch seit einigen Wochen wird das hyperrealistische Bild des Flugpioniers, das Berg geschaffen hat, erschüttert. Lindbergh wird in den Medien unversehens als ein Mann mit vielen Gesichtern gezeigt - mit vielen amourösen Gesichtern. Es begann mit einem Bericht in der "Süddeutschen Zeitung", die über eine Münchner Hutmacherin berichtete, mit der Lindbergh eine zweite Familie gegründet habe - streng abgeschottet von seiner Frau und seinen fünf amerikanischen Kindern. Lindbergh habe ein Doppelleben geführt: Diese Nachricht wurde rund um den Erdball verbreitet; und die drei Kinder, die der Liebesbeziehung mit der Deutschen entsprungen sein sollen, präsentierten sich alsbald im Münchner Rathaus strahlend der Öffentlichkeit. Sie erzählten eine Geschichte, um die sie jeder Romanautor und Drehbuchschreiber beneiden mußte. Wie ihre Mutter, Brigitte Hesshaimer, Anfang 1957 Lindbergh in München kennengelernt, wie die junge Frau zu dem mehr als 30 Jahre älteren Mann gefunden und wie ihr Glück sich mit der Geburt der Kinder vollendet habe. Ein Idyll malten die Geschwister Hesshaimer aus - mit einem Vater, dessen wahre Identität sie zu seinen Lebenszeiten nicht gekannt hätten, der aber bei seinen sporadischen Besuchen kaum liebevoller hätte sein können. Die Beziehung zu Lindbergh sei der "Paradiesgarten" ihrer Mutter gewesen.
Familiäre Duplizität
Lindbergh starb im Jahre 1974 - erst danach wollen die Hesshaimer-Geschwister der Mutter das Geheimnis entlockt haben, wer Careu Kent gewesen sei - der Nom d'amour Lindberghs in Bayern. Lindberghs Biograph Berg wurde nach dem Gang der Hesshaimers in die Öffentlichkeit mit Fragen bedrängt, was er von der Münchner Lovestory halte - und flüchtete sich zunächst auf das weite Feld der Psychologie. Ein Doppelleben mit einer zweiten Familie passe nicht zu Lindberghs Charakter, wurde Berg zitiert. Auch Briefe Lindberghs an seine Münchner Geliebte und Fotographien des Liebespaares, welche die Hesshaimers präsentierten, änderten an der Skepsis Bergs nichts. Es sollte aber noch schlimmer kommen für den Biographen, der sich so sicher wähnte, nach jahrelangen Studien den Charakter Lindberghs zu kennen. Die Zeitschrift "Focus" überraschte in dieser Woche ihre Leser mit der Nachricht, es gebe eine weitere geheime Familie Lindberghs in Europa; auch mit Marietta Hesshaimer, der älteren Schwester Brigittes, habe Lindbergh zarte Bande geknüpft, der zwei Söhne entsprungen seien. Lindbergh habe noch ein Doppelleben hinter dem Doppelleben geführt, an zwei verschiedenen Orten. Während Brigitte Hesshaimer mit ihren drei Lindbergh-Kindern an den Ammersee gezogen sei, habe sich ihre Schwester Marietta mit den beiden Lindbergh-Söhnen in der Schweiz niedergelassen, im Wallis. Bis ins Detail soll Lindbergh die familiäre Duplizität vorangetrieben haben: zwei Häuser für die Geliebten mit den jeweiligen Kindern, eines in Bayern, eines in der Schweiz, habe er geplant und gebaut.
War Lindbergh ein polygamer Steinzeitmensch, den es ins Zeitalter der Fliegerei und der ungebremsten Mobilität zwischen den Kontinenten verschlagen hat? Das "Journal of Molecular Evolution" berichtete kürzlich, daß populationsgenetische Untersuchungen einer Forschergruppe der Universität Ferrara darauf hindeuteten, daß die Monogamie frühestens vor 20 000 Jahren erfunden worden sei. Zuvor sei es üblich gewesen, daß ein Mann mit mehreren Frauen Nachwuchs gezeugt habe. Ein besonderes Verhältnis zur menschlichen Arterhaltung hatte Lindbergh in jedem Fall. Berg referiert in seiner Biographie, daß den Flieger immer wieder Fragen des genetischen Erbes beschäftigt hätten: "Wenn man in der Familie Lindbergh erwachsen wurde, hieß das, daß man zahlreiche Ausführungen über die natürliche Auslese zu hören bekam: Die Jungen wurden unaufhörlich vor Frauen gewarnt, die einen mit einer Schwangerschaft köderten; und die Männer wurden ermahnt, nicht vor lauter Gefühl blind zu werden gegenüber den Eigenschaften, die sie an Männern wirklich suchten." Glaubt man den jüngsten Berichten über seine Familiengründungen in Europa, hätte Lindbergh diese Pädagogik für sich selbst in eine ganz spezielle Praxis umgesetzt. Eine Praxis, die noch weitere Schlagzeilen produzieren könnte; Lindbergh, durch Berateraufträge vermögend geworden, seiner Frau Anne entfremdet, führte in den fünfziger und sechziger Jahren ein ungebundenes Leben und reiste ununterbrochen durch die Welt.
Lindbergh-Kinder wollen Verbindung herstellen
Marietta Hesshaimer und ihre Söhne schweigen zu den Berichten, anders als die Kinder von Brigitte Hesshaimer, die 2001 gestorben ist. Sie hätten vor ihrem Gang in die Öffentlichkeit Gespräche mit allen Familienmitgliedern geführt, teilten sie am Dienstag mit. Marietta Hesshaimer und ihre Söhne hätten sie gebeten, Diskretion zu wahren. Es stimme nicht, daß aus den Schwestern Brigitte und Marietta Rivalinnen geworden seien: "Zwischen den in den Schweiz und in Deutschland lebenden Familienmitgliedern bestand stets ein sehr guter und enger familiärer Kontakt und Austausch." Sie hätten bei der Veröffentlichung ihrer Geschichte nur "das legitime persönliche Ziel" verfolgt, sich zu ihrer Herkunft zu bekennen - und "die Verbindung zu den Familienmitgliedern unseres Vaters in den USA zu etablieren".
Bleibt das Schicksal Bergs und anderer geplagter Biographen, die sich nun entscheiden müssen, ob sie sich in ein familiäres Labyrinth aufmachen wollen, dessen Schöpfer Lindbergh sein soll. Ein Fachmann in solchen Erkundungen, Sigmund Freud, warnte jedenfalls in einem Brief vor den Gefahren des Genres der Lebensbeschreibung: "Die biographische Wahrheit ist nicht zu haben, und wenn man sie hätte, wäre sie nicht zu brauchen." Dabei mag Freud noch gar nicht an ein Doppelleben hinter einem Doppelleben gedacht haben.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.08.2003, Nr. 198 / Seite 9
Bildmaterial: AP, dpa