Steve Fosset

In drei Tagen um die Welt und weiter

Von Claudia Bröll, London

12. Februar 2006 Die letzten Minuten des Marathonflugs verliefen dramatisch. Kurz bevor Steve Fossett zum Landeanflug in 12.000 Meter Höhe ansetzen wollte, zeigten die Instrumente an, daß der Generator ausgefallen war.

Die Batterie garantierte ihm nur noch eine Flugzeit von höchstens 20 Minuten. Außerdem war der Tank fast leer. Fossett schickte ein Mayday-Signal an die Flugsicherung, besprach die Lage am Telefon kurz mit seinem Chefingenieur Jon Karkow und entschied sich für eine schnelle Landung. Den Vorschlag, am nächstgelegenen Flugplatz, in Cardiff, zu Boden zu gehen, schlug der Amerikaner aus, weil er den Flughafen nicht kannte.

Also steuerte er Bournemouth an, während Kamerateams und Reporter aus aller Welt vergebens am 111 Kilometer entfernten Kent International Airport in Manston warteten. Bei vollständig vereister Windschutzscheibe sah Fossett kaum etwas, als er kurz nach 17 Uhr Ortszeit auf der Landebahn in Bournemouth aufsetzte. Zwei Reifen platzten. Er selbst blieb unversehrt und meinte anschließend trocken: „Es war ein sehr aufregendes Ende.“

Der längste Nonstopflug der Geschichte

Der Totalausfall des Stromgenerators hätte den Rekordflug des 61 Jahre alten Hobbypiloten fast in letzter Minute scheitern lassen. Aber Steve Fossett hat es wieder einmal geschafft. Der amerikanische Milliardär und Abenteurer beendete am Samstag abend nach 76 Stunden und 45 Minuten und nach 42.469 Kilometern den längsten Nonstopflug der Geschichte.

„Ich hatte wirklich Glück, heute hierherzukommen“, sagte Fossett nach seiner Ankunft lachend. Müdigkeit merkte man ihm kaum an. Er war kurz nach der Landung und einem medizinischen Test mit seinem Sponsor und Freund Richard Branson im eigenen Privatjet von Bournemouth nach Kent geflogen.

Dort verließ er unter großem Applaus das Flugzeug und wurde als erstes von seiner Frau Peggy in die Arme geschlossen. Sie war zu Recht stolz auf ihn. Denn das letzte Mal wurde in Großbritannien Luftfahrtgeschichte geschrieben, als Louis Bleriot 1909 den Ärmelkanal überquerte und wenige Kilometer von Manston entfernt landete.

Der hunderzehnte Rekord

Fossett hatte in seinem eigens konzipierten Ultraleichtflugzeug Global Flyer einmal die Erde umkreist und zusätzlich ein zweites Mal von der amerikanischen Westküste aus den Atlantik überquert. Über Irland brach er alle Rekorde. Die Testpiloten Dick Rutan und Jeana Yeager waren 1986 in der Propellermaschine Voyager ohne Auftanken 40.212 Kilometer geflogen.

Und Bertrand Piccard will 1999 bei seiner Erdumrundung in einem Heißluftballon mehr als 45.000 Kilometer bewältigt haben - von denen ihm allerdings von der Internationalen Luftfahrt-Föderation (FAI) in Lausanne nur 40.813 Kilometer und 851 Meter anerkannt wurden. Nun ist Fossett in die Luftfahrtgeschichte eingegangen: Das amerikanische Smithsonian-Museum hält bereits einen Ehrenplatz für Fossetts Fluggerät bereit.

Für den Abenteurer, den manche schlicht als wahnsinnig bezeichnen, war es der hundertzehnte Rekord seines Lebens. 2002 umrundete er allein in einem Heißluftballon die Erde in 14 Tagen. 2004 segelte er rund um den Globus in 58 Tagen. Im März vergangenen Jahres hatte er mit dem Global Flyer als erster Einzelpilot einmal die Welt umkreist. Für die Strecke von 36 898,04 Kilometern brauchte er 67 Stunden. Fossett nimmt in seiner Freizeit auch gerne am Ironman-Triathlon teil und durchschwamm bereits den Ärmelkanal.

Kein guter Stern

„Was er schafft, ist von einem Menschen kaum zu schaffen“, pries Branson den Geschäftspartner. Der britische Milliardär und Gründer der Fluggesellschaft Virgin Atlantic hatte bereits Fossetts Weltumfliegung im vergangenen Jahr finanziert und nicht zuletzt für sich selbst zu Werbezwecken genutzt. Am Samstag eskortierte er Fossett auf den letzten Kilometern in dessen Privatjet.

Der jüngste Rekordversuch stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Schlechte Windverhältnisse und ein Leck im Treibstofftank hatten den Start verzögert. Als Fossett am vergangenen Mittwoch endlich in Cape Canaveral im amerikanischen Bundesstaat Florida abhob, verlor er 340 Kilogramm Treibstoff, weil es länger als erwartet dauerte, das Flugzeug in die Luft zu bekommen.

Eine Flaute über Hawaii drohte die Spritknappheit zusätzlich zu verschärfen. Branson gab dem Experiment nur noch eine Erfolgschance von 50 zu 50. Über Indien schließlich hatte Fossett mit so schweren Turbulenzen zu kämpfen, daß er bereits den Fallschirm aufgeschnallt und die Sauerstoffmaske angelegt hatte, um abzuspringen. „Ich dachte, das Flugzeug wird auseinandergerissen.“ Nach Angaben auf der Internetseite, auf welcher der Flug minutiös verfolgt wurde, soll er 300 Meter in die Höhe und wieder nach unten geschleudert worden sein.

Milchshakes und Schlafmangel

Auch ohne Turbulenzen muß es im Cockpit in den knapp 76 Stunden alles andere als komfortabel gewesen sein. In der ersten Etappe wurden wegen Schwierigkeiten mit dem Belüftungssystem Temperaturen von bis zu 54 Grad gemessen. Aus Gewichtsgründen, und um möglichst wenig auszuscheiden, gönnte sich Fossett während der gesamten Reise ausschließlich Milchshakes.

Die größte Belastungsprobe dürfte aber der Schlafmangel gewesen sein. Der Weltrekordler konnte während der drei Tage und drei Nächte nur kurze Nickerchen von höchstens zehn Minuten einlegen. Ein Alarmsystem war währenddessen eingeschaltet, um ihn bei jeglichen Zwischenfällen zu wecken. Insgesamt kam er auf gerade einmal zwei Stunden Schlaf. So verwunderte es niemanden, als der Rekordjäger auf die Frage eines Reporters, welches Projekt als nächstes anstehe, nur antwortete: „Eine Nacht mit viel Schlaf.“



Text: F.A.Z., 12.02.2006
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, F.A.Z., REUTERS

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