17. April 2007 Der Begriff Amok kommt ursprünglich aus dem Malaiischen: meng-âmok bedeutet in blinder Wut töten. Bezeichnet wurde damit eine mutige kriegerische Handlung: Eine kleine Gruppe von Kämpfern stürzte sich ohne Rücksicht auf eigene Verluste blindwütig auf den Feind und wendete so im Idealfall die ganze Schlacht. Ein ähnliches Phänomen wird auch in altnordischen Sagen mit dem Wort Berserkr beschrieben. Das waren anfangs Krieger, die in Bärenfelle gekleidet waren. Später galt der Begriff für Personen, die im Kampf mit der Kraft eines Bären wüten konnten. Die Einzeltat eines Amoläufers von heute ist damit nicht zu vergleichen.
Die Kriminologie beschreibt den Amokläufer als unzurechnungsfähig und extrem gewaltbereit. Monokausale Erklärungen solcher Taten haben sich als unzureichend erwiesen. Individuelle psychische Störungen bei dem Täter reichen als Erklärung nicht aus. Als Auslöser der Tat gelten die fortschreitende seelische und soziale Entwurzelung der Täter, etwa durch den Verlust des Arbeitsplatzes oder Versetzungen im Beruf. Eine große Rolle spielen auch Kränkungserfahrungen oder Konflikte mit Lebenspartnern.
Nach solchen Taten berichten fassungslose Bekannte des Täters nicht selten, der Betreffende sei immer unauffällig gewesen, einer von den Stillen im Lande. Psychologen beschreiben die Täter als aggressionsgehemmte und konfliktunfähige Persönlichkeiten, die aber nicht als geisteskrank zu bezeichnen seien. Die Taten haben zumeist eine lange Vorgeschichte, in der sich der Täter immer mehr aus seiner Umgebung zurückzieht und sich ein Weltbild zurechtlegt, das mit der Realität immer weniger zu tun hat. Er regrediert. Als vermeintlicher Ausweg aus der Misere rückt für den künftigen Täter in dieser Phase immer stärker eine gewaltsame Lösung ins Blickfeld: Die Aggressionen des Täters schaukeln sich auf. Die explosionsartigen Mordtaten stehen erst am Ende dieser langen Entwicklung.
Psychologen beschreiben den Zustand des Amokläufers während der Tat als innere Leere. Seine Steuerungsfähigkeit sei weitgehend ausgeschaltet, er reagiere kaum noch auf äußere Reize und sei nicht mehr ansprechbar. Nichtsdestotrotz inszenieren viele Amokläufer ihre Tat als den letzten großen Showdown, mit dem sie sich für alle vermeintlichen Kränkungen und Zurücksetzungen im Leben rächen und es der ganzen Welt zeigen.
Der Täter schoss wahllos um sich, heißt es dann oft in den Berichten über die Verbrechen, weil zunächst kein Motiv für die Tötungshandlungen zu erkennen ist. Die Täter richten sich nicht selten selbst. Sie haben ihren Tod ohnehin einkalkuliert, insofern steckt hinter den Amokläufen meist auch ein Suizidwunsch. Eine umfassende Darstellung des Phänomens liefert Professor Volker Faust vom Zentrum für Psychiatrie der Universität Ulm. Der Artikel Amok steht als PDF-Datei zur Verfügung unter www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/amok.html
Text: F.A.Z., 17.04.2007, Nr. 89 / Seite 9