29. Mai 2009 5000 Spickzettel hat Günter Hessenauer im Laufe seines Lehrerdaseins gesammelt. FAZ.NET zeigt die witzigsten Unikate dieses Sammelsuriums und gibt potentiellen Nachahmern Tipps zur Herstellung eigener Exemplare.
Herr Hessenauer, Sie haben 40 Jahre lang Spickzettel gesammelt. Warum?
Ich hab' die zuerst gar nicht sammeln wollen. Das war eher so ein Zufall, denn ich bin nach dem Unterricht immer durch die Klasse gegangen und habe sozusagen den Zimmerdienst gemacht. Bevor ich etwas weggeworfen habe, was auf dem Boden lag, hab ich halt mal draufgeschaut. So habe ich meine ersten Objekte gefunden.
Aber warum haben Sie dann im Laufe der Jahre 5000 solcher Objekte gesammelt?
Erst war es nur für eine Ausstellung in der Schule. Aber dann habe ich gemerkt, dass das ganze Gebiet vollkommen unerforscht ist. Ich habe dem dann einen Namen gegeben: schulische Subkultur. Denn ich habe nicht nur Spickzettel gesammelt, sondern auch Briefchen, Karikaturen und so etwas. Insbesondere Spickzettel sind nämlich sehr schwer zu bekommen, die sind ja so geschützt und geheimnisvoll.
Lässt denn jemand seinen Spickzettel einfach so herumliegen?
Ich hab schon ein bisschen nachgeholfen am Anfang. Ich hab zum Beispiel gesagt, Suse, das ist aber ganz übel, ein Spickzettel guckt da aus deinem Etui heraus, den musst du mir aber sofort geben. Aber nachdem ich die zweite Ausstellung gemacht habe, hatte sich das herumgesprochen. Es gab Schüler, die kamen immer freitags und brachten mir die gesammelten Werke ihrer ganzen Klasse.
Was haben Sie im Laufe der Jahre über Spickzettel gelernt?
Es gibt gute und schlechte. Die guten werden mit spitzem Bleistift und viel Mühe am Tag vor der Prüfung geschrieben. Die werden zu 98 Prozent nie verwendet, weil der Stoff so aufs Wesentliche komprimiert worden ist, dass man die gar nicht mehr braucht. Ich besitze zum Beispiel eine Zigarettenschachtel der Marke Senoussi, da ist mit filigraner Schrift etwas aufgetragen worden. Der ursprüngliche Besitzer ist heute Professor für Jurisprudenz und ein angesehener Mann in Franken!
Und die schlechten?
Die werden in letzter Not geschrieben, flüchtig und ohne Sorgfalt. Dann gibt es noch die technischen, die sind aufgetaucht, seit es Kopierer gab. Da werden einfach ganze Buchseiten kopiert und verkleinert. Die sind pädagogisch auch nicht wertvoll.
Haben Sie einen Lieblingsspickzettel?
Ein Prunkstück meiner Sammlung ist eine Limonadenflasche, von der die Banderole abgelöst wurde. Die hat der Schüler dann eingescannt und den Text, wo die Inhaltsstoffe angegeben waren, rausgelöscht. Er hat dort Daten über die amerikanische Geschichte eingetragen, die gefälschte Banderole ausgedruckt und wieder auf die Flasche geklebt. Aber das war so viel Aufwand, das hat länger gedauert, als die Daten auswendig zu lernen.
Sie haben die Sammlung dem Nürnberger Schulmuseum übereignet. Was wird dort damit gemacht? Die Wissenschaftler wollen herausfinden, wie sich die Jugendsprache, die zum Beispiel auch in den SMS gepflegt wird, in der schulischen Subkultur niederschlägt. Das ist das eine. Zum anderen wollen sie sehen, wie lange es dauert, bis sich die Änderung eines Lehrplanes in den Spickzetteln niederschlägt.
Was ist Ihre Vermutung? Wie haben sich die Briefchen und Zeichnungen im Laufe der vergangenen 40 Jahre verändert?
Das ist sehr interessant. Ende der 80er-Jahre gab es eine Häufung von düsteren Motiven, es wurden Hinrichtungen gezeichnet, Kopfschüsse, elektrische Stühle, Kreuzspinnen. In der Shell-Studie wurde damals geschrieben, die jungen Leute blickten mit Pessimismus in die Zukunft. Das passte genau zu meinen Beobachtungen. Mitte der Neunziger wurde das dann beschwingt und fröhlich, es gab Modezeichnungen, Blümchen und Herzchen. Ich habe mich dann getraut, die Aussagen der nächsten Studie vorherzusagen.
Und?
Lag richtig!
Waren Sie eigentlich ein beliebter Lehrer?
Na ja, davon geht doch jeder aus. Aber ich wollte halt nicht, dass bei mir gespickt wird. Ich hab' gesagt: Wer mein Freund sein will, sollte mich nicht in Verlegenheit bringen, denn ich merke es und gebe die Note sechs. Unterschleif heißt das bei uns in Bayern - alles Unehrliche, Abschreiben, Spicken, auch auf der Toilette den Telefonjoker ziehen. Das verbietet die Schulordnung.
Haben Sie selbst früher nie gespickt?
Doch, einmal ganz sicher, in Biologie.
Und wie sah Ihr Spickzettel aus?
Klein und eng beschrieben (lacht). Und dann noch mal, in der sechsten Klasse. Ich war damals klein und mickrig und musste immer vorne sitzen. Der Lehrer stand immer direkt vor mir und war sehr beleibt. Ich hab dann den Zettel unter seinen Bauch gelegt. Das hab ich jedenfalls meinen Klassenkameraden gegenüber behauptet, und es hat mein Ansehen sehr gehoben. Ob's wirklich so war, weiß ich gar nicht mehr!
Herr Hessenauer, vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Katrin Hummel
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa