Eurovision Song Contest

Max: 93 Punkte - Ruslana: 280 Punkte

Von Rainer Hermann, Istanbul

17. Mai 2004 Das Morgengrauen war nicht mehr fern. Da griff Ruslana vor dem Goldenen Tor der Stadtmauer zum letzten Mal zum Mikrofon. Einst waren an dieser Stelle, flankiert von einer Gruppe in Bronze gegossener Elefanten, die byzantinischen Kaiser in Triumphzügen von ihren Siegen nach Konstantinopel heimgekehrt.

In dieser Nacht hieß die Siegerin Ruslana. Die Ukrainerin sang auf der Bühne des fünfeckigen Hofs der Sieben Türme (Yedikule) auf Augenhöhe mit dem Zweitplazierten, dem Serben Zeljko. Auch hier setzte sich wieder die zierliche Frau mit der Peitsche und ihrem Lied "Wilde Tänze" durch. Mit einer Energie, als ob der Tag eben erst begonnen hätte, obwohl er doch schon fast 24 Stunden dauerte. Dann hatte sie des Trubels genug. Sie bestieg den überlangen weißen Cadillac V32 Northstar des Siegers und verschwand hinter dunkelgetönten Scheiben und in der Nacht.

Gemeinsam sind wir stark

Das sei ein neuer Star, raunte es durch die Menge, und Alexander Kasparov ist sich sicher: "Ihre ,Wilden Tänze' werden ein Hit." Sie waren so wild, daß sogar während der Proben unter der Gruppe einmal die Glasbühne eingebrochen war. Das sei ein gutes Omen, kommentierte Ruslana gut gelaunt. Und nach ihrem Sieg formulierte sie mit Charme und Charisma ihr Bekenntnis: "Ich glaube an mein Land und ganz stark an die Liebe. Ich liebe Europa, und gemeisam sind wir stark."

Kasparov kennt Ruslana seit vielen Jahren. Er ist bei der Plattenfirma EMI für das Marketing in Osteuropa verantwortlich. Vor vier Jahren hatte er sie erstmals in Litauen getroffen, seit 2002 ist sie bei EMI unter Vertrag. Kasparov traut der in Lemberg, im äußersten Westen der Ukraine geborenen Ruslana nun zu, einen neuen Musiktrend anzustoßen. An Shakira seien wir ja alle gewöhnt, sagt er. Nun bringe Ruslana Elemente der Folklore in die Unterhaltungsmusik zurück. Ihre "Wilden Tänze" läßt sie in den Karpaten spielen, dem Gebirgszug, der Polen, die Ukraine und Rumänien verbindet. Von dort übernimmt sie, die ihre Lieder selbst komponiert und schreibt, Rhythmen und Instrumente wie die langen, an das Alphorn erinnernden Gutsuli. Mit ihnen leiten die langmähnigen Blonden, die Dschingis-Khans Wiederauferstehung anzukünden scheinen, die "Wilden Tänze" ein.

Unglaublich harte Arbeit

Wie Manna ist der kleinen Frau mit der unbändigen Energie und dem Showtalent der Erfolg nicht zugefallen. Sie und ihre Tänzergruppe würden unglaublich hart arbeiten, lobt der in Berlin lebende Armenier Kasparov. Zudem haben sie in den vergangenen Monaten auf einer Europatournee, die sie aber nicht nach Deutschland geführt hatte, schon viele Sympathien gesammelt. "Von Island bis in die Türkei hat sie die Herzen der Menschen im Sturm erobert", sagt Kasparov. In der türkischen Mittelmeerstadt Antalya wurde ein neuer Musikclub nach ihr benannt, und in ihrer Heimat, die für Raubkopien wohlbekannt ist, hat sie von ihren "Wilden Tänzen" bereits 200 000 Platten verkauft. Bis Juni soll ihr erstes englisches Album auf dem Markt sein. Dann endlich will sie auch nach Deutschland kommen.

Nicht mehr drin für Max

Gegen diese Konkurrenz war für Max einfach nicht mehr drin. Ihn haben Gruppen auf Rang acht verwiesen, die sich erst im Halbfinale qualifiziert hatten. Während seiner gefühlvollen Ballade konnte der deutsche Block Wunderkerzen wie in der Adventszeit abbrennen. Gegen die Show, die seine Konkurrenz bot, erschien die von Stefan Raab angeführte Runde um Max auf seinem Barhocker einfach zu betulich. "Die Ukraine ist neu dabei und hat den unbedingten Willen zu siegen", erklärt Jürgen Meier-Beer, im NDR für die Eurovision zuständiger Unterhaltungschef, den Klassenunterschied. Länder wie Deutschland seien zu gesättigt. Ein bißchen erinnert das an das bereits zum Klassiker avancierte Wort des amerikanischen Verteidigungsministers Donald Rumsfeld über das "neue" und das "alte" Europa. Max rettete immerhin, von Spanien einmal abgesehen, mit seinem achten Platz die musikalische Ehre nicht nur Deutschlands, sondern des "alten Europas" überhaupt.

Erstmals hätten zudem die vielen neuen kleinen Länder in Ost- und Südosteuropa zusammengehalten und einander die Punkte gegeben, fügt Meier-Beer als zweiten Grund an. Dieser Zusammenhalt mag sich durch ein regionales Musikverständnis oder schlichte Sympathie erklären. Auf jeden Fall ist dieses Verhalten ein kleiner Vorgeschmack darauf, was in der vor zwei Wochen erweiterten EU auf die Länder des "alten Europas" auch politisch zukommen könnte. Zumindest hat sich am Samstag das Gravitationszentrum der europäischen Unterhaltungsmusik nach Südosteuropa verschoben - mit der Ukraine, Serbien, Griechenland und der Türkei an der Spitze. Zwischen ehemaligen Feinden wurden Gräben überwunden. Bei ihrem letzten Presseauftritt riefen die Vertreter der fünf Nachfolgestaaten Jugoslawiens zuletzt gemeinsam "Jugoslawien, Jugoslawien".

Eurovision Song Contest war politisches Ereignis

Damit war der Eurovision Song Contest ebenso ein musikalisches wie ein politisches Ereignis. Erstmals seit zwölf Jahren war Serbien und Montenegro wieder dabei und meldete sich in Europa zurück. Fast schon diplomatisches Aufsehen hat erregt, als der türkische Außenminister anordnete, Zypern doch so zu benennen, wie es international immer bezeichnet worden ist: eben als Zypern - und nicht, wie es die türkische Sprachregelung vorschreibt, als die "Griechische Verwaltung Zyperns". Über ihren Schatten sprangen die türkischen Zuschauer, als sie den ehemaligen Erzfeind Serbien und nicht das befreundete Bosnien mit acht Punkten belohnten.

Dem neuen Freund Griechenland gaben sie zehn Punkte, also die zweithöchste Notierung. Mit Enttäuschung haben die Türken danach aufgenommen, daß sie aus Griechenland nur sechs Punkte bekamen. Dabei hat die Türkei doch alles getan, um sich so zu präsentieren, wie sie gesehen werden will: Nicht als ein rückständiges Land, das einem selbsternannten Kalifen von Köln auf den Leim gehen könnte. Sondern als ein Land auf der Höhe der Zeit. So schickte sie die bei der türkischen Jugend äußerst populäre Ska-Gruppe Athena auf die Bühne, mit dem rothaarigen Sänger Gökhan Özoguz, der im Ohr Silberringe und auf den Oberarmen jede Menge Tätowierungen trägt.

Selatin Kara, ein Türke aus Heilbronn, hat für die vier Istanbuler die Choreographie entworfen. Noch in Heilbronn hatte Kara von Amerikanern den Breakdance erlernt, dann ging er beim Stuttgarter Ballett in die Schule, bevor er in Amerika bei Robert de Niro das Schauspielen lernte und beim New Yorker Ballett weiteren Unterricht nahm, bis er schließlich für Madonna und Shakira, für Michael Jackson und Ricky Martin zu tanzen begann.

Athena hat auf der Bühne das Bauchtanzkostüm der Vorjahressiegerin Sertab gegen Rockerjacketts mit dem eingenähten Friedenszeichen eingetauscht, den Gesichtsschleier des Harems gegen Wollmütze und schwarze Sonnenbrille. Ein wenig war Gökhan dann aber doch enttäuscht, daß es der neuen Türkei nur zum vierten Platz gereicht hat. "Wir haben getan, was wir konnten", sagte er mit hängenden Schultern, als er auf den Triumphbogen zusteuerte. So sei das eben, wenn die vielen kleinen Länder zueinander stünden, meinte er etwas resigniert. Wirklich traurig sei er aber nur, daß Serbien nicht gewonnen habe. Das sei doch das schönste an diesem Abend gewesen. Zwar kein Ska, aber vielleicht die serbische Version der Vorjahressiegerin Sertab.

Türkei ist der Sieger

Die Sieger bleiben im Gedächtnis, rasch werden Peinlichkeiten vergessen, wie der verunglückte Auftritt Frankreichs, als der Sänger neben einer auf Stelzen stolzierenden schwarzen Schönen wie ein Gnom daherkam. Oder wie der Absturz Ralph Siegels mit seinem Duo Julie & Ludwig aus Malta. Und vielen ein Rätsel blieb auch der Erfolg des Langweilers Zypern: Das Publikum erhoffte sich umsonst ein wenig Wildheit, interessierte sich höchstens für die langen Fingernägel der Lisa Andreas.

Ganz ohne Sieg ging die Türkei aber nicht aus dem 49. Eurovision Song Contest hervor: Die "Hürriyet" titelte am Sonntag: "Bravo Türkei, bravo TRT". Die Türkei und ihr Staatssender hätten die volle Punktzahl bekommen, schrieb das Massenblatt, ein besonderes Lob für den lange als verschlafen geltenden Sender TRT. Der hatte die Chance der Eurovision genutzt, um sich als moderne Fernsehanstalt zu präsentieren. In den Monaten der Vorbereitung wurde nicht mehr jede Entscheidung dem Generaldirektor in Ankara vorgelegt, die Entscheidungswege wurden verkürzt. Mit türkischem Improvisationstalent wurden alle Klippen umschifft, die sich zum Schrecken nicht weniger in der Generalprobe des Nachmittags aufgetan hatten.

Am Abend klappte lediglich die Direktschaltung auf den Istanbuler Taksim-Platz nicht, auf die nach Spanien wurde ganz verzichtet.
Geglückt ist aber die Generalprobe der Polizei. Die hatte den Schlagerwettbewerb genutzt, um ihre Vorbereitungen für das Großereignis des Nato-Gipfeltreffens Ende Juni zu testen. So war jeder Chef der 36 Delegationen ständig von fünf männlichen Leibwächtern und einer Leibwächterin umgeben. Dennoch blieben die Sicherheitsmaßnahmen diskret, wenn auch effizient. Die Tourismusbranche erhofft sich von den beiden Großveranstaltungen, die die Stadt am Bosporus in die Schlagzeilen bringen, daß Istanbul im Städtetourismus endlich den Platz einnimmt, der der Metropole gebührt. Die Schlagerindustrie Europas wird 2005 dank Ruslana aber nach Kiew pilgern.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Mai 2004, S. 9
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

 
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