Berlin

„Fremdenfeindlicher Angriff“ auf Italiener war wohl vorgetäuscht

Eine Kamera am Alexanderplatz legt eine andere Version der Geschichte nahe

Eine Kamera am Alexanderplatz legt eine andere Version der Geschichte nahe

17. Mai 2006 Den angeblichen fremdenfeindlichen Überfall auf einen Italiener in Berlin hat es nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wahrscheinlich nicht gegeben. Nach derzeitigen Erkenntnissen stürzte der 30 Jahre alte Mann am vergangenen Wochenende auf dem S-Bahnhof Alexanderplatz betrunken auf ein Gleisbett und verletzte sich dabei, teilte die Ermittlungsbehörde am Mittwoch mit. Diesen Schluß ließen Bilder von Überwachungskameras auf dem Bahnhof zu.

Der angebliche Überfall hatte so kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft auch im Ausland Schlagzeilen gemacht. Italienische Zeitungen berichteten teilweise in großer Aufmachung über Gefahren, vor allem im Osten Deutschlands Opfer rechtsextremistischer Schläger zu werden.

Nun Ermittlungen gegen den Italiener

Gegen den italienischen Hilfskellner wird jetzt wegen Vortäuschens einer Straftat ermittelt. Der Mann hatte behauptet, in der Nacht zum vergangenen Sonntag in der Schönhauser Allee im Stadtteil Prenzlauer Berg von drei kahlköpfigen Männern nach seiner Nationalität gefragt, dann als Ausländer beschimpft und mit einem Baseballschläger geschlagen worden zu sein. Mit der neuen Beweislage konfrontiert, schweigt der Italiener, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte.

Nach Darstellung eines Justizsprechers zeigen Kamerabilder einen Mann, der auf dem Bahnhof Alexanderplatz ins Stolpern gerät und auf das Gleisbett fällt. Der Mann klettert zwar zunächst ohne Hilfe wieder auf den Bahnsteig, kann dann aber wegen einer Knieverletzung nicht weiterlaufen. Derzeit würden in einer DNA-Analyse gefundene Blutspuren mit dem „genetischen Fingerabdruck“ des Italieners verglichen.

Zweifel an der Geschichte vom Überfall

Feuerwehrleute hatten den Mann Sonntag früh mit gebrochener Kniescheibe ins Krankenhaus gebracht, wo er nach einer Operation noch einige Tage lang behandelt wird. Bei den Ermittlungen waren schon bald Zweifel an der Version vom Überfall aufgetaucht. Unter anderem fragten sich die Kriminalbeamten, wie es der Mann geschafft haben konnte, sich mit gebrochener Kniescheibe gegen 1.00 Uhr vom Tatort kilometerweit zum Alexanderplatz zu schleppen, wo er gegen 4.00 Uhr gefunden wurde. Merkwürdig fanden es die Beamten auch, daß sich keine Zeugen des Überfalls meldeten, obwohl die Schönhauser Alle auch nachts meistens noch belebt ist.

Im Glauben, daß sich der Überfall durch Neonazis tatsächlich ereignet hatte, hatten Montag abend in Prenzlauer Berg mehrere hundert Menschen gegen Rassismus demonstriert. Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hatte versprochen, „alles zu tun, um die Täter einer Bestrafung zuzuführen“.

Immer wieder vorgetäuscht

In den vergangenen Jahren sind in Deutschland immer wieder Überfälle von Neonazis vorgetäuscht worden - aus unterschiedlichsten Motiven. Nach Einschätzung von Rechtsmedizinern verbergen sich hinter solchen Lügengeschichten zumeist psychische Störungen oder schwere persönliche Probleme.

2001 erfand beispielsweise ein 30 Jahre alter Potsdamer eine Mißhandlung durch Skinheads, um die Aufmerksamkeit seiner Freundin zurückzugewinnen. 1994 hatte ein angeblich von Neonazis eingeritztes Hakenkreuz auf der Wange einer 17 Jahre alten Frau in Halle bundesweit Entsetzen ausgelöst. Erst einige Tage später gab die gelähmte Rollstuhlfahrerin zu, sich selbst verletzt zu haben. In München täuschte 1993 ein 17 Jahre altes türkisches Mädchen einen Überfall durch Skinheads vor, um ein heimliches Rendezvous mit ihrem Freund zu vertuschen.

Text: dpa
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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