Der Vater am 21.8.06

„An später denken“

Von Daniel Haack

Gemütlich auf dem Sofa

Gemütlich auf dem Sofa

05. Juni 2007 Ich krieg's jetzt auf einmal alles auf die Reihe: Ausbildung, Führerschein, Familie. Und ich fühl' mich gut, weil ich Perspektive hab'. Sonst bin ich immer nachts eingepennt und hab' gedacht: Scheiße, du hast keine Zukunft, hast dein ganzes Leben versaut, könnt' ich's bloß noch mal zurückdrehen, dafür würd' ich alles geben! Jetzt hab' ich mir durch Fleiß was aufgebaut. Ich bin stolz! Ich bin, glaube ich, ein bißchen reifer geworden jetzt. Man muß ja an später denken, an die Zukunft.

Das kam so: Letztes Jahr um diese Zeit war ich ja arbeitslos, aber ich hab' kein Geld bekommen, noch nicht mal Kindergeld, weil ich arbeitslos war. Ein Kollege von mir hat aber Kindergeld gekriegt, obwohl er auch arbeitslos war. Der hatte sich nämlich ausbildungssuchend gemeldet und nicht arbeitssuchend, wie ich. Also hab' ich mich auch ausbildungssuchend gemeldet. Ich hätte nie gedacht, daß ich eine Chance auf einen Ausbildungsplatz habe, weil ich ja keinen Schulabschluß hab' und auch schon 21 bin. Aber ich wollte eben das Kindergeld kassieren. Na, und dann ruft mich zwei Wochen später meine Betreuerin vom Arbeitsamt an und sagt, ich soll mich beim Lehr-Bauhof vorstellen. Und am 9. Januar hab' ich dann da angefangen. Wir werden da auf eine Ausbildung vorbereitet, es gibt auch nicht viel Geld, nur 150 Euro Kindergeld, 192 Euro vom Arbeitsamt und eine Monatskarte für den Bus. Aber ich zieh' das jetzt durch.

Ich hab' alle aufgeholt

Glücklich vereint: Jenny, David und Daniel 2006

Glücklich vereint: Jenny, David und Daniel 2006

Man kann bei dem Lehr-Bauhof verschiedene Berufe lernen. Ich sollte in jeden Beruf zwei Wochen lang eingeführt werden, und dann wollten die entscheiden, wofür ich am besten geeignet bin. Die erste Station war Maurer, und das war sofort was: Ich sollte mit Normalformatsteinen einen Schacht bauen, 1,50 Meter hoch. Und ich hab' sofort 'ne Zwei gekriegt, das hatte vor mir noch keiner geschafft, obwohl die anderen da schon seit September zugange waren. Ich hab' alle aufgeholt, bin der Beste aus meiner Gruppe.

Wenn wir nicht mit Übungsmörtel was bauen, sind wir auch auf richtigen Baustellen im Einsatz. Die quälen einen da, die wollen sehen, wie weit sie gehen können. Aber mich machen die nicht fertig. Ich bin körperlich sehr belastbar, richtig zäh. Andere sind nach zwei Tagen nicht wieder zur Arbeit gekommen, aber ich geh' danach sogar noch zum Body Building. Neulich, als es so heiß war, da hab' ich schon gedacht: Ich bin hier am Knechten, für achtzig Cent die Stunde, und meine Kollegen liegen in der Sonne. Aber egal. Das ist mein Ding. Eine der Firmen, mit denen der Bauhof zusammenarbeitet, stellt jedes Jahr zwei bis drei von den Maurern als Azubis ein. Und diesmal bin ich wohl dabei, dann mach' ich mit 21 doch noch 'ne Ausbildung. Ich will nicht mein Leben lang Helfer bleiben.

Die sind auch ein bißchen neidisch

Krumme Sachen drehe ich jetzt nicht mehr, mit den Jungs aus meinem alten Viertel komm' ich nicht weiter. Die nehmen Drogen, schlafen lange, haben schlechte Ideen. Die hängen da immer noch alle ab. Wenn ich meine Eltern besuche und noch am Markt vorbeifahre, bleib' ich da 'ne halbe Stunde, dann fahr' ich. Dann sagen die: Mußte schon ins Heiabett! Ich sag': Ich muß morgen sechs Uhr aufstehn. Da kommen die nicht mit klar. Die sind auch ein bißchen neidisch.

Wir waren auseinander, weil Jenny Scheiße gebaut hat mit einem Kollegen von mir: Die wollte den kennenlernen! Aber ich hab' das rausgekriegt. Daraufhin hab' ich mir in der Disco direkt 'ne andere geschnappt, hab' direkt einen auf Beziehung gemacht. Da wollte Jenny schon nix mehr von dem anderen, die wollte mich wieder. Aber da hab' ich durchgehalten, ich bin stark geblieben. Obwohl es am Anfang nur war, um ihr einen reinzuwürgen. Ich hab' mich wieder von der andern getrennt, weil sie eben nicht meinen Jungen hat. Es hat mir immer weh getan, wenn ich gehen mußte und er sagte: Warum gehst du? Ich muß dabeisein, wenn er aufwächst, ich hab' schon genug verpaßt, als er klein war. Aber ich war achtzehn Lenze, ich hatte da keinen Bock drauf. Ich wollte nicht meine Jugend wegschmeißen wegen ihm. Wenn Kollegen angerufen haben, bin ich gerannt, hab' nicht dran gedacht, daß Jenny zu Hause abkackt mit dem Kleinen.

Beschützen, so auf dem Level

Aber wir sind nicht nur wegen dem Jungen wieder zusammen. Im Moment läuft's gut. Wir gewöhnen uns immer mehr aneinander. Und ich liebe sie irgendwie schon, das macht auch die Zeit, wir haben viel zusammen durchgestanden. Sie war meine erste große Liebe, ich war fünfzehn, sie vierzehn. Wenn's hart auf hart kommt, dann liebe ich sie. Ich bin auch der Richtige für sie, glaub' ich. Sie ist ein bißchen temperamentvoller, die will einen richtigen Mann haben, die muß bei mir im Arm liegen und sich geborgen fühlen. Beschützen, so auf dem Level. So geldmäßig wird das bei mir nie der Oberbrüller sein. Aber die scheißt auf Geld, das verdient sie selbst.

Früh übt sich, wer das Lesen lernen will

Früh übt sich, wer das Lesen lernen will

Klar, wir hatten auch ein paarmal schon wieder Theater. Dann schreit sie: „Ich hab' 'nen Besseren verdient!“ Dann sag' ich: „Dann such dir doch 'nen anderen.“ Das kennt man ja. Aber ich kann die schon bändigen. Die hat auch ein bißchen zu hören bei mir. Wenn ich sage, du gehst nicht raus, dann geht die nicht raus. Das hört sich jetzt vielleicht öde an, hab' ich mir vielleicht von den falschen Leuten abgeguckt. Aber bei mir ist das jetzt so. Was mich an ihr stört? Wenn wir ausgehen, geht sie immer dahin, wo ich auch hingehe. Als wenn sie mir nicht vertrauen würde. Klar, ich hab' auch schon Scheiße abgezogen. Aber das ist Vergangenheit, da war ich noch jung. Jedenfalls, wenn sie dann im gleichen Laden ist wie ich, hab' ich die immer zu viel im Auge, wenn ich besoffen bin, und kann mich nicht so fallen lassen mit meinen Kumpels. Aber im Moment sauf' ich nicht, da geht es, dann kriegen wir uns nicht an die Köppe. Ich mach' nämlich eine Kur für Muskelaufbau. Aber trotzdem: Am liebsten hab' ich, daß sie zu Hause ist. Sie soll sich auf die Couch legen und fernsehen.

Aufgezeichnet von Katrin Hummel



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Peter Grewer

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche