Von Donna Abu-Nasr
13. Februar 2002 Die Frage nach einem Geschenk zum Valentinstag am 14. Februar läßt die Gesichtszüge des Verkäufers in dem kleinen Geschäft in Riad entgleiten. Leichenblaß zeigt er auf seinen Kollegen und verschwindet wortlos im Hinterzimmer. Der hat offensichtlich mehr Erfahrung darin, Fahnder der Religionspolizei von echten Kunden zu unterscheiden. Mit einem breiten Grinsen erklärt er die seltsame Reaktion seines Kollegen. Offiziell gibt es hier keinen Valentinstag. Er ist verboten.
Das islamische Recht, das in Saudi-Arabien gilt, verbietet aber nicht nur den Valentinstag. Im Ursprungsland des Islams werden auch alle christlichen und selbst die meisten muslimischen Feste als religiöse Neuerungen betrachtet und sind deshalb verboten. Auch das Verhältnis von Männern und Frauen in der Öffentlichkeit ist in den Religionsvorschriften streng geregelt. In Schulen, Universitäten, Restaurants und auf Veranstaltungen sind Frauen und Männer strikt getrennt. Verabredungen sind tabu. Unverheirateten Paaren, die zusammen erwischt werden, drohen Haftstrafen. Und die Religionspolizei wacht eisern darüber, daß die Vorschriften auch eingehalten werden.
TV transportiert westliche Einflüsse
Doch trotz der strengen Vorschriften dringen immer mehr westliche Einflüsse ins Land. Durch Reisen und Satellitenfernsehen kommen vor allem die jungen Leute mit der westlichen Kultur in Kontakt. Die saudiarabische Bevölkerung, von der die Hälfte jünger als 18 Jahre ist, hat ungeschriebene Regeln entwickelt, um dem Konflikt mit den Religionshütern aus dem Weg zu gehen.
Nicht auf den letzten Drücker kaufen
Viele Läden sind dazu übergegangen, Valentintags-Geschenke schon Wochen im Voraus zu verkaufen. Die Geschäftsinhaber drängen die Kunden, ihre Präsente schon Anfang Februar abzuholen, um die verbotene Ware los zu sein, wenn die Religionspolizei kurz vor dem Festtag ihre Kontrollen verschärft. Je näher der Tag der Liebenden rückt, desto schwieriger wird es, ein Präsent zum Valentinstag oder irgendein Geschenk in der Farbe Rot zu ergattern.
Schwarzmarkt für rote Gaben
Kurz vor dem 14. Februar verschwindet dann alles aus den Auslagen der Geschäfte, was auch nur im Ansatz verdächtig sein könnte oder eine leichte Rottönung aufweist. Wenige Tage vor dem Feiertag sind die Geschenkartikel dann nur noch für ein Vielfaches der normalen Preise auf dem Schwarzmarkt zu haben. Denn wer beim Verkauf von Valentinstags-Artikeln erwischt wird, dem drohen mehrere Tage Gefängnis. Einigen Blumengeschäften, die kurz vor dem Festtag rote Blumen verkauft hatten, vernichteten die Religionshüter sogar die gesamte Ware.
Rot ist am Valentinstag tabu
Nur in den seltensten Fällen werden die Liebesgaben wie Teddybären mit der Inschrift Ich liebe Dich, herzförmige Uhren und Rahmen, riesige blinkende Plastikherzen und Körbe voller Plastikfrüchte am 14. Februar ausgetauscht. Viele Eltern lassen ihre Töchter am Abend des Valentinstags erst gar nicht aus dem Haus. Am Valentinstag selbst ist es verboten, rote Kleidungsstücke, Socken oder Bänder zu tragen. Restaurants dürfen ihre Tische nicht mit roten Kerzen oder roten Rosen schmücken, das Licht dimmen oder Musik spielen. Um den Restaurantbesitzern den Verzicht auf Musik zu erleichtern, hat die Religionspolizei sogar CDs verteilt, auf denen das Fließen von Wasser zu hören ist. Die gewünschte Entspannung, die sich die Religionshüter davon versprachen, blieb bei den meisten Gästen jedoch bislang aus.
Text: AP
Bildmaterial: dpa