EU-Osterweiterung

Kein frischer Wind in Straßburg

12. März 2004 Dolly Buster sitzt in Zimmer 303 des Prager Hotels „Ambassador“ und fühlt sich elend. Noch vor wenigen Stunden hatte die Ex-Porno-Darstellerin von einem Mandat im Europa-Parlament in Straßburg geträumt. Doch knapp 100 Tage nach der Bekanntgabe ihres Engagements für die tschechische NEI-Partei zog die 34Jährige nach einer skandalumwitterten Nachtsitzung ihre Kandidatur überraschend zurück. „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“, seufzte Dolly Buster am Freitag vor ihrem Rückflug nach Deutschland.

Mit einem Medienspektakel war die damalige Noch-Kandidatin am Mittwoch im Prager Flughafen empfangen worden. Die Reise war eine Rückkehr: Dolly Buster war 1970 als Katja-Nora Bochnickova in Prag zur Welt gekommen und 1984 mit ihrer Familie nach Deutschland übersiedelt. „Aber spätestens mit meiner Prager Oma starb vor neun Jahren ein großer Teil des Gefühls für dieses Land“, erzählt sie.

Politik: „Neben Spaß auch Inhalte“

Um so überraschender kam das Angebot der 1990 gegründeten „NEzavisle Iniciativy“ (Unabhängige Initiative) für die Europawahl im Juni. „Nach dem Desaster mit der FDP, für die ich mich engagierte, war ich stolz.“ Sie habe „frischen Wind“ nach Straßburg bringen wollen und lehnt Vergleiche mit der italienischen Ex-Abgeordneten und Ex-Porno-Darstellerin Ilona Staller („Cicciolina“) ab: „Das war Klamauk, mir geht es in der Politik neben Spaß auch um Inhalte.“

Doch die Zusammenarbeit mit der in Tschechien eher unbedeutenden Gruppierung entwickelt sich zum kafkaesken Zirkus. Als Buster nach einem Wahlprogramm fragt, antwortet die Partei: „In europäischen Pornofilmen sollten nur europäische Darsteller eingesetzt werden.“ Und ohne Absprache wird angekündigt, daß die Kandidatin in Tschechien mit Bergarbeitern duschen und mit „ihrem Freund Karel Gott“ essen gehen werde. „Das war einerseits albern und andererseits so hemmungslos erfunden, daß ich ein schlechtes Gefühl bekam.“

Mandat nach Wahl weitergeben

Am Donnerstag kam es zum Eklat: Bei einem Auftritt nahe der mährischen Stadt Ostrau tritt die Kandidatin zurück. Grund: Die Partei habe in der Nacht gefordert, daß sie ihr Mandat bei einem Erfolg an einen NEI-Funktionär abgibt, sagt sie: „Das wäre Betrug.“ Die Partei widerspricht: Dolly Buster habe Angst, wie vereinbart mit Bergmännern in eine Grube einzufahren und eine Ausrede gesucht. Man trennt sich im Streit.

„Bei einem seriösen Angebot würde ich mich auf Politik einlassen“, meint Buster am Freitag bei einem abschließenden Gang über den Prager Wenzelsplatz. Schnell scharen sich auf dem berühmten Platz Menschen um den Star. „Solche Ansammlungen sind das, was ich immer wollte, aber mittlerweile fühle ich mich manchmal überfordert“, gesteht sie. Wenn sie sich nicht auf die Sex-Branche eingelassen hätte, wäre sie Tierärztin geworden, sagt die 34jährige: „Aber ich wollte damals rebellieren, und Porno war Revolution. Heute ist es das nicht mehr.“



Text: dpa
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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