27. Oktober 2004 Vier Tage nach dem verheerenden Erdbeben im Norden Japans ist am Mittwoch ein zweijähriger Junge aus einem unter tonnenschweren Fels- und Schlammmassen verschütteten Auto gerettet worden. Seine Mutter und die dreijährige Schwester starben. Nur Stunden vorher hatte ein neuer schwerer Erdstoß die Gegend erschüttert.
Fernsehsender übertrugen live, wie die Retter stundenlang mit Schaufeln und Brecheisen im Schutt wühlten und den kleinen Yuta Minagawa schließlich lebend bergen konnten. Auch seine Mutter und seine Schwester seien am Leben, hieß es zunächst. Die Mutter wurde im Krankenhaus jedoch für tot erklärt - ebenso wie später die Schwester. Die Arbeiten wurden mit dem Einbruch der Dunkelheit abgebrochen. Immer wieder erschütterten Nachbeben und neue Erdstöße die Region. Das schwerste Beben erreichte am Morgen eine Stärke von 6,1. Mindestens ein Gebäude in der Stadt Ojiya stürzte ein. Seit den ersten Erschütterungen am Samstag stieg die Zahl der Todesopfer auf 31, mehr als 3400 Menschen wurden verletzt.
Erschütterungen auch in Tokio
Auch im 200 Kilometer entfernten Tokio war der neue schwere Erdstoß zu spüren. Dort schwankten Häuser und Straßenlaternen. Tokios Flughafen Haneda mußte vorübergehend seine Landepisten schließen. Bis in den Nachmittag hinein gab es landesweit mehrere Nachbeben. Ihre Stärke lag bei mehr als vier auf der Richterskala. Knapp 60 Kommunen wurden durch Schlamm-, Geröll- und Steinlawinen von der Außenwelt abgeschnitten. Mehr als 100.000 Menschen sind von den japanischen Selbstverteidigungstruppen SDF evakuiert worden.
In einigen der Evakuierungslager brach nach den ersten Erdstößen vom Mittwoch Panik aus. Menschen rannten ins Freie. Rettungs- und Bergungskräfte mußten ihre Arbeiten vorübergehend einstellen. Die Behörden sind in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Für die kommenden Tage muß den Angaben nach mit weiteren Erschütterungen, Bergrutschen und Zusammenbrüchen von Häusern gerechnet werden. So drohen unter anderem Teile des Bahnhofs von Nagaoka einzustürzen. Die Eisenbahngesellschaft JR East ließ das Gebäude räumen. Knapp 1000 Reisende wurden in Sicherheit gebracht. Der Eisenbahnverkehr in der Region wurde zeitweise eingestellt.
Erster Shinkansen-Unfall überhaupt
Bereits am Samstag hatte das Erdbeben von Niigata einen Shinkansen-Schnellzug bei einer Geschwindigkeit von 200 Kilometer je Stunde aus den Gleisen geworfen. Dabei war niemand verletzt worden. Die Eisenbahner sprachen von einem Wunder. Es war der erste Unfall eines Shinkansen-Zuges seit ihrer Inbetriebnahme vor mehr als 40 Jahren. Japans Schnellzüge sind mit speziellen Sicherheitsgeräten ausgerüstet. So können sie bei den ersten Anzeichen eines Erdbebens sofort stoppen. Bisher hat das immer funktioniert. Allerdings gingen den ersten Beben vom Wochenende bisherigen Erkenntnissen zufolge keine leichteren Erschütterungen voraus. Sie traten als ein vertikaler Schlag auf, dessen gewaltige Kräfte sich anschließend horizontal entfalteten. Dafür zeigten sich die geologischen Formationen von Niigata besonders anfällig.
Die Regierung von Ministerpräsident Junichiro Koizumi sucht derzeit für die Opfer und Betroffenen von dem Niigata-Beben einen milliardenschweren Notfonds aufzulegen. Hunderte von Menschen haben nahezu alles verloren. Familien leben seit Tagen in ihren Autos, da sie Angst haben, in Häuser zu gehen. Zudem müssen weiterhin Zehntausende von Menschen in Notunterkünften ausharren. Viele haben Zelte auf freien Plätzen oder Schulhöfen aufgeschlagen und schützen sich an offenen Feuerstellen vor der zunehmenden Kälte. Andere Bewohner harren in ihren Autos aus. Viele der Menschen sind wegen der andauernden Angst vor Nachbeben und Erdrutschen erschöpft, mancher steht Medienberichten zufolge vor dem Kollaps.
Text: fib. / FAZ.NET mit Material von Reuters und dpa
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS