Hörschäden

Wie neben einer Düsenturbine

Von Katharina Iskandar

Stein des Anstoßes für die Ohrenärtze der Neunziger: Der Walkman

Stein des Anstoßes für die Ohrenärtze der Neunziger: Der Walkman

02. Februar 2006 In den achtziger Jahren war es der Besuch in der Disco, in den neunziger Jahren der Walkman. Nun steht der MP3-Player, genauer gesagt der iPod der amerikanischen Firma Apple im Verdacht, bei jungen Menschen schwere Hörschäden zu verursachen. Dean Garstecki, Professor für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde an der Northwestern University in Chicago, warnte vor kurzem, daß bei regelmäßiger Nutzung von MP3-Playern schon bei jungen Leuten ein „typischer Hörverlust“ zu beobachten sei, den man sonst nur von älteren Menschen kenne. Nach nur einer Stunde Musikhören im Bereich zwischen 110 bis 120 Dezibel könne es zu Schäden im Gehör führen, die dem Besuch eines Rockkonzerts gleichkämen. Auch in Deutschland mehren sich die Stimmen von Medizinern und Physikern, die den beliebten Abspielgeräten skeptisch gegenüberstehen.

Im Gegensatz zum Walkman sei die Technologie der digitalen Abspielgeräte eine andere, sagt Markus Meis, der als medizinischer Psychologe am Hörzentrum Oldenburg tätig ist. Bei den tragbaren Kassettenspielern habe es damals sogenannte Limiter gegeben, die den Schallpegel reguliert hätten. Bei MP3-Playern hingegen sei es, als stünde man „neben einer Düsenturbine“. Allein die Erhöhung von sechs Dezibel sei eine Verdoppelung der subjektiv empfundenen Lautstärke. Hinzu komme, daß heute fast ausschließlich Kopfhörer verwendet werden, die weit in den Gehörgang eingeführt werden.

Die Verantwortung liegt mein Nutzer

Laut einer Richtlinie dürfen MP3-Player, die in den EU-Ländern verkauft werden, die Grenze von 100 Dezibel nicht überschreiten. Daran hält sich auch die Firma Apple mit ihrem iPod, der in Amerika schon Schalldichten von bis zu 120 Dezibel aufgewiesen hat. Was jedoch harmlos klingt, ist aus medizinischer Sicht verheerend für das menschliche Gehör. Schon bei hundert Dezibel können die Haarzellen im Innenohr dauerhaft geschädigt werden und Tinnitus oder andere lästige Erkrankungen auftreten.

So könne man sich etwa an der Unfallverhütungsvorschrift (UVV) orientieren; sie reguliert die Richtwerte von Lärm am Arbeitsplatz. 90 Dezibel sind dort als Grenze angegeben. Alles, was darüber liege, sei auf Dauer schädigend, sagt Medizinphysiker Wolfgang H. Döring von der Universitätsklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde in Aachen. Wichtig sei eine entsprechende Erholungsphase, in der sich das Gehör regenerieren könne. Wenn das Ohr jedoch dauerhaft beschallt werde und ein dumpfes Geräusch entstehe, als habe man Watte im Ohr, deute das schon auf einen Schaden hin. „Tückisch ist der emotionale Inhalt, den man mit Musik verbindet“, sagt Döring. Musiktöne würden angenehmer wahrgenommen als Arbeitslärm, wie etwa ein Preßlufthammer oder eine Kettensäge. Das führe dazu, daß man die Musik automatisch lauter stelle - anstatt sich vor dem Lärm zu schützen. „Letztlich“, sagt Döring, „liegt die Verantwortung beim Nutzer.“

Gehör-Erkrankungen nehmen zu

Hasso von Wedel von der Universitäts-Klinik Köln hat mehrere MP3-Player verglichen und bei allen eine Schalldichte von bis zu 90 Dezibel festgestellt. „Die Hörschäden bei Jugendlichen nehmen zu“, sagt er. Das liege vor allem an den modernen Einsteckkopfhörern. „Seitdem diese auf dem Markt sind, haben die Erkrankungen am Gehör zugenommen.“ Im Gegensatz zu den alten Kopfhörern, die noch auf der Ohrmuschel auflagen, bewirkten die Einsteckhörer eine Verdopplung der wahrgenommenen Lautstärke. Allerdings liegt die hohe Zahl an jungen Tinnitus- und Hörsturzpatienten nicht nur am Gebrauch der digitalen Abspielgeräte, sondern vielmehr an der Veränderung der Musikgewohnheiten. Früher sei man nur am Wochenende in die Disco gegangen. „Heute wird der Discobesuch mit dem täglichen Musikkonsum von MP3-Playern kombiniert.“

Text: F.A.Z. vom 3.2.2006
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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