Gelandet

"Trinkt Wasser, ihr landet"

Von Katja Gelinsky, Washington

Die Crew nach der Landung in Kalifornien

Die Crew nach der Landung in Kalifornien

09. August 2005 Als Ken Ham vom Nasa-Kontrollzentrum in Houston Eileen Collins mitteilte, daß sie und die sechs übrigen Astronauten an Bord der „Discovery“ wegen schlechten Wetters nicht wie geplant am Montag zur Erde zurückkehren könnten, nahm die Kommandantin die Nachricht mit professionell freundlicher Gelassenheit auf:

„Wir freuen uns auf einen weiteren Tag im Orbit und sehen euch dann morgen auf der Erde“, antwortete sie. Astronaut Stephen Robinson nahm die Verzögerung mit Humor. Er bedankte sich beim Kontrollzentrum in Houston „für den großartigen freien Tag“, während im Hintergrund Rock' n' Roll und Countrymusik aus der „Discovery“ zu hören waren. Aber auch Robinson, der in einer Astronautenband Baßgitarre spielt, gestand nach mehr als dreizehn Tagen Schwebezustand im All zu, daß er sich schon darauf freue, „wieder festen Boden unter den Füßen zu haben“.

Landebedingung: Kein Regen oder Gewitter

Ob das Wetter allerdings eine Landung am Kennedy-Raumfahrtzentrum in Florida zulassen würde, schien am Montag fraglich. Die Meteorologen prophezeiten Wolken und womöglich auch etwas Regen. Die Nasa hat zur Bedingung gemacht, daß beim Landeanflug mindestens eine Sichtweite von knapp acht Kilometern herrschen müsse und im Umkreis von rund 56 Kilometern kein Regen fallen und keine Gewitter auftreten dürften. Der Sprecher der Nasa Pat Ryan wies am Montag darauf hin, daß die Hitzeschutzkacheln an der Unterseite des Shuttles bei einer Landung in schlechtem Wetter Schaden nehmen könnten.

„Sie können auch durch Regen beschädigt werden“, sagte er. Besser als für Cape Canaveral war die Wettervoraussage am Montag für den Luftwaffenstützpunkt Edwards in der kalifornischen Mojave-Wüste. Für dort wurden „akzeptable Wetterbedingungen“ vorhergesagt. Regen prophezeiten die Meteorologen dagegen auch für den dritten möglichen Landeplatz der „Discovery“, den Raketenstützpunkt White Sands im Bundesstaat New Mexiko. Aber eine Landung dort galt ohnehin als die am wenigsten wünschenswerte Option. Nur einmal, vor mehr als 20 Jahren, war eine Raumfähre dort gelandet. 1982 war die im Februar 2003 verglühte „Columbia“ während eines Sandsturms auf dem Stützpunkt von White Sands zur Erde zurückgekehrt. Noch Jahre später fanden die Mechaniker Sandkörner in den Ritzen des Shuttles.

Wechruf „Good Day Sunshine“

Auf dem Luftwaffenstützpunkt Edwards sind dagegen schon 49 Flüge ins Weltall zu Ende gegangen, nicht so viele weniger als auf dem Weltraumbahnhof Cape Canaveral, wo 61 Flüge endeten. Doch wollte die Nasa eine Landung im Westen der Vereinigten Staaten nach Möglichkeit vermeiden. Die „Discovery“ muß jetzt von dort über mehrere Tage und mit einem Kostenaufwand von etwa einer Million Dollar zurück zum Kennedy-Raumfahrtzentrum in Florida transportiert werden. Dadurch könnte auch der Termin für den nächsten Flug ins All in Gefahr geraten. Noch hoffen die Nasa-Techniker, die bei der „Discovery-Mission“ aufgetretenen Schwierigkeiten mit der Schaumstoffisolierung am Außentank bis zum 22. September beheben zu können. Dann soll die „Atlantis“ starten. Voraussetzung dafür ist allerdings, daß zu diesem Termin auch die „Discovery“ wieder einsatzbereit ist, damit sie die Mannschaft der „Atlantis“ bergen kann, falls auf deren Mission Schwierigkeiten auftreten.

Am Dienstag wurde die Mannschaft der „Discovery“ mit dem Beatles-Hit „Good Day Sunshine“ geweckt. „Wir hoffen, daß ihr heute wieder festen Boden unter den Füßen haben werdet“, begrüßte die Astronautin Wendy Lawrence im Kontrollzentrum die Mannschaft. Geplant war die Landung für 5.07 Uhr Florida Ortszeit. Doch die Hoffnungen auf gutes Wetter in Cape Canaveral erfüllten sich nicht; vor der Küste Floridas herrschte stürmisches Wetter. Die Wetterbedingungen seien „nicht akzeptabel“, teilte die Nasa den sieben Astronauten kurz vor dem geplanten Bremsmanöver (“Deorbit Burn“) mit, mit dem die Rückkehr zur Erde eingeleitet wird. „Wir bitten euch, die Erde noch einmal vorbeiziehen zu sehen“, hieß es aus dem Kontrollzentrum in Houston. „Alles, was wir tun können, ist abzuwarten und auf stabilere Bedingungen zu hoffen.“

Vor der Landung: große Mengen Wasser trinken

Als zweiten - und letzten - Zeitpunkt für eine Landung in Florida hatte die Nasa 6.43 Uhr Ortszeit Florida festgesetzt. Um 4.40 Uhr meldete Ken Ham, der für die Kommunikation mit dem Shuttle während der Landevorbereitungen zuständig ist, daß die Wetterbedingungen sich „leicht“ verbessert hätten. Es sei „trockener“, und das schlechte Wetter vor der Küste ziehe gen Norden. Allerdings gebe es einige Blitze in der Umgebung von Cape Canaveral. Doch bestehe unter den gegenwärtigen Bedingungen die Hoffnung, daß man die Landung wagen könne. Deshalb, so wies Ham die Besatzung der „Discovery“ an, solle sie damit beginnen, als Vorbereitung auf die Landung große Mengen von Wasser zu trinken; dies soll den Astronauten helfen, sich der Erdanziehungskraft anzupassen. Wenig später teilte die Nasa jedoch mit, daß die Wettervorhersage zu schlecht sei, als daß die „Discovery“ am frühen Morgen in Florida zur Erde zurückkehren könne. Deshalb strebe man nun eine Landung in Kalifornien an.

Die Nasa teilte mit, daß an Bord der „Discovery“ alles „in bester Ordnung“ sei; die Systeme seien in „exzellentem Zustand“, und es gebe keine Probleme bei der Vorbereitung auf die Landung. Um kurz vor 13 Uhr (MESZ) gab das Kontrollzentrum Collins das Signal, die Mannschaft könne sich auf das Bremsmanöver vorbereiten. Alles deute darauf hin, daß es eine „weiche Landung“ geben werde. Die Kommandeurin antwortete, die Wettervorhersage für Edwards klinge „großartig“. Um 13.06 Uhr (MESZ) war der entscheidende Moment für die Einleitung der Landung gekommen. Für zwei Minuten und 42 Sekunden wurden die Bremsraketen gezündet (“Deorbit Burn“), um die Geschwindigkeit der Raumfähre, die zu diesem Zeitpunkt rund 28.000 Kilometer pro Stunde betrug, für den Eintritt in die Erdatmosphäre zu verlangsamen. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die „Discovery“ mit Pilot Jim Kelly am Steuer über dem Indischen Ozean nördlich von Madagaskar. Bis zum kritischen Punkt des Eintritts in die Erdatmosphäre, der der „Columbia“ im Februar 2003 zum Verhängnis geworden war, dauerte es dann noch eine gute halbe Stunde.

„Deorbit Burn“ bei 27.000 Stundenkilometern

Kurz bevor die „Discovery“ der starken Reibungshitze beim Eintritt in die Erdatmosphäre ausgesetzt wurde, war die „Nase“ der Raumfähre auf etwa 40 Grad über den Horizont gehoben worden, damit die schwarzen Hitzeschutzkacheln am Bauch des Shuttles die Raumfähre vor den Temperaturen von rund 1.600 Grad schützten. Um 13.40 Uhr (MESZ) war es dann soweit: Die Discovery flog zurück in die Erdatmosphäre. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Raumfähre über den Cook Inseln im Südpazifik, noch etwa 7.700 Kilometer vom Luftwaffenstützpunkt Edwards entfernt. Sie nahm dann einen nordöstlichen Kurs mit einer Geschwindigkeit von zunächst immer noch mehr als 27.000 Kilometern je Stunde.

Während des weiteren Abstiegs flog die „Discovery“ vier große Kurven, um die Geschwindigkeit weiter zu senken. Auf dem letzten Teil der Reise verwandelte sich das Raumfahrzeug zudem zurück in ein Flugzeug, das auch mit Hilfe des Heckruders gesteuert wurde. Kurz vor der Landung übernahm Kommandantin Collins von Pilot Jim Kelly das Steuer. Ihrem Ziel, der Landebahn 22 auf dem Stützpunkt Edwards, näherte sich die „Discovery“ schließlich von der Westküste her, die sie nördlich von Los Angeles überflog. Um 14.11 Uhr (MESZ) war dann auf Direktbildern der Nasa zu sehen, wie die Raumfähre noch in der Dunkelheit auf dem Boden aufsetzte. „Die Discovery ist zu Hause“, meldete das Kontrollzentrum in Houston. Kommandantin Eileen Collins meldete von Bord: „Wir sind froh, zurück zu sein.“

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. August 2005
Bildmaterial: AP

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