Ig-Nobelpreise

Unsinniger Nobelpreis für gasdichte Unterhose

05. Oktober 2001 Die ersten „Nobelpreise“ dieses Jahres sind vergeben. Kurz bevor das Nobel-Komitee in Stockholm Anfang kommender Woche die Träger der echten Auszeichnungen bekannt gibt, feierte ein Teil der wissenschaftlichen Welt an der US-Eliteuniversität Harvard in Cambridge die Ernennung der Ig-Nobelpreisträger (aus dem Englischen „ignoble“, etwa „unwürdig, unsinnig“). Traditionell wurden am Donnerstagabend (Ortszeit) im Sanders-Theater der Uni Forschungen geehrt, die „nicht wiederholbar sind oder lieber nicht wiederholt werden sollten“, wie es in den Statuten der Auszeichnung heißt.

Wie so oft fiel die Wahl der Jury auf Errungenschaften mit ausgesprochenem Praxisbezug. So ging der Physikpreis an David Schmidt von der Universität von Massachusetts für seine „teilweisen Lösungen des Problems, warum Duschvorhänge sich immer nach innen wölben“. Auch Peter Barss von der McGill-Universität wurde sicherlich zu Recht geehrt für seine eindrucksvollen Untersuchungen zu den Verletzungen durch fallende Kokosnüsse, die schon 1984 in der Fachzeitschrift „Trauma“ erschienen waren. Auch solche Forschungen brauchen offenbar ihre Zeit, um bei der Ig-Nobel-Jury Gehör zu finden, scheint es.

Hilfe über den Tod hinaus

Der Biologiepreis steht in guter Tradition. Wurde bereits früher einmal der parfümierte Geschäftsanzug für die Verbesserung der Atmosphäre in Versammlungsräumen ausgezeichnet, so gingen die Forscher in diesem Jahr tiefer. „Under-Ease“, eine luftdichte Unterhose mit eingebautem, auswechselbarem Aktivkohlefilter könnte das Problem plötzlicher menschlicher Gasentladungen lösen, fand Buck Weimer aus Pueblo (US-Bundesstaat Colorado) heraus.

Joel Slemrod von der University of Michigan Business School fand dagegen heraus, dass Menschen dazu neigen, ihren Tod hinauszuschieben, um Erbschaftssteuer zu sparen. Gerade diese Studie, die mit dem Ökonomie-Preis bedacht wurde, könnte helfen, bisher rätselhafte Ergebnisse der Sterbestatistiken aufzuklären. Sogar über den Tod hinaus kann die Wissenschaft Hilfestellung geben, fanden die Juroren: So zeichneten sie den TV-Prediger Jack Van Impe aus Michigan für seine Entdeckung aus, dass Schwarze Löcher alle physikalischen Bedingungen erfüllen, um als der wahre Ort der Hölle zu gelten. Der Ig-Nobelpreis für innovative Astrophysik war ihm sicher.

Das Rad neu erfunden

Geradezu altertümlich wirkt dagegen der diesjährige Technologie-Preis. Er ging an zwei australische Forscher, die das Rad neu erfanden und es sich vom Australischen Patentamt unter der Nummer 2001-100012 auch patentieren ließen.
Die Ig-Nobelpreise haben sich in den elf Jahren ihres Bestehens einen gewissen Insider-Ruf in der Wissenschaft erworben, der auch große Forscher nach Harvard lockt, zumal auch immer wieder einmal große Namen damit „geehrt“ wurden. Auch dieses Mal waren wieder etliche echte Nobelpreisträger dabei und überreichten die Trophäen.

Trotz der ernsten Weltlage lies es sich das Publikum nicht nehmen, die Innovationen am Rande der Forschung ausgelassen zu feiern, traditionell mit einer Mini-Oper, mit dem Thema der wissenschaftlichen Planung einer Hochzeit und den 24/7-Vorträgen, bei denen Experten ihr Fachgebiet in 24 Sekunden erschöpfend erklärten und schließlich in 7 Worten zusammenfassten. „Jeder braucht ein bisschen gute Laune in seinem Leben, und ganz besonders jetzt“, sagt Marc Abrahams, Herausgeber des „Journal of Improbable Results“, Leiter der Jury und „Master of Ceremonies“ bei Verleihung der Preise.

Mit besonderer Spannung wurde, ganz wie bei den „richtigen“ Nobelpreisen, der Friedenspreis erwartet, zeigt er doch auf satirische Weise, zu welchen Windungen die menschliche Erfindungsgabe gerade auf dem Felde des Zusammenlebens fähig ist: Wurde im letzten Jahr mit einem Flammenwerfer zur Abwehr von Autodieben ein eher privater Ansatz ausgezeichnet, so zeigte er in diesem Jahr die kreative Weiterentwicklung der Unterhaltsbranche. Preisträger war Viliumas Malinauskus aus Litauen mit seinem neuen Vergnügungspark „Stalin World“.



Text: Mit Material von AP und dpa
Bildmaterial: dpa

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche