16. August 2005 Es war an einem Karfreitag, als sie ernüchtert von einer Predigt den Gottesdienst verließ und spürte, daß es doch noch eine andere Sprachart geben müsse, die den Glauben einfängt. Vergessen waren jene Pläne eines Psychologie oder Pädagogik Studiums, die einst ihre Gedanken lenkten. Die Theologie führte sie nach München. Das behütete Leben in Oberneukirchen, einem hübschen Ort im Osten Oberbayerns wo sie mit fünf Geschwistern und sonntäglichen Kirchengängen aufwuchs, lag hinter ihr.
37 Jahre ist Marianne Kaltner alt. Eine Frau mit wirrem Lockenschopf und einem Sinn für kleine Gesten. Ohne die Nähe zu Menschen, sagt sie, könne sie kaum atmen. Wer einmal erlebt, wie sie all die französischen Jugendlichen ihrer Diözese, die im oberbayerischen Rechtmehring die Tage der Begegnung feiern, beinahe mütterlich umsorgt, weiß, was damit gemeint ist. Sie scheint überall gleichzeitig zu sein, übersetzt, lacht, scherzt und löst ab und an mit scharfer Stimme Verwirrungen.
Die Bindung zu Gott in französische Worte fassen
Seit achtzehn Monaten lebt die Pastoralreferentin in Evry. Eine seelenlose Stadt aus Beton in der Pariser Banlieue. Wäre da nicht die runde Backsteinkathedrale, Evrys Gesicht erschiene wohl noch blasser. Das Vicariat Solidarité, wo Marianne Kaltner arbeitet, liegt inmitten der Stadt, umgeben von Häuserzeilen. Die Zeit im oberbayerischen Pfarrverband Schönberg, die von einer besonderen Berührung mit Menschen getragen wurde, ist weit weg.
Es ist eine Herausforderung in Evry zu leben und zu arbeiten, sagt sie, und erzählt von hastigen Begegnungen, die meist nur menschliche Oberflächen streifen. Sie vermißt die Tiefe der Gespräche. Das Fremde zu erobern sei nicht immer leicht, und auch die Bindung zu Gott in französische Worte zu fassen recht mühsam. Es ist die Suche nach einer neuen Sprache, in der man seine Empfindungen ausdrücken kann. Bestimmte Wörter, sagt sie, seien eben stets mit Emotionen und Erinnerungen verbunden und der neue Klang verhülle diese. Und da sei noch der Kampf gegen die eigenen Stereotypen, die einen bei der Reise in die Ferne wie ein ungebetener Gast begleitet haben.
Das mulmige Gefühl, wenn Neues wartet
Die Pastoralreferentin ist oft unterwegs und knüpft auf Diözesanebene ein Netz zu kirchlichen Verbänden. Dabei tritt sie als Mittlerin auf. Mein Arbeitsfeld, sagt sie führt mich in Lebenswelten, die mir bis dahin fremd waren. Das gefalle ihr sehr, den eigenen Horizont mit jedem Tag neu abzustecken. Im Gefängnis traf sie eine Bibelgruppe und man betete und schwieg und sang gemeinsam. Ein Erlebnis, das sich in ihrem Gedächtnis festgesetzt hat. Auch an der partnerschaftlichen Verbindung Evrys mit der Diözese München-Freising bastelt Marianne Kaltner. Eigentlich, sagt sie, bestehe diese nur auf dem Papier. Die Tage der Begegnung in Rechtmehring und die Erlebnisse des Weltjugendtages in Köln, hofft sie, können dies ändern und eine Vertrautheit schaffen, die bleibt.
Warum hat sie die Schönberger Pfarreifamilie verlassen und sich in die Ungewißheit gewagt, dorthin, wo die Sprache nicht ihre eigene ist? Weil sie Bewegung liebt, weil die Neugierde sie hinaus treibt, weil sie dieses mulmige Gefühl mag, das nach dem Körper greift und bis in die Fingerspitzen kriecht, wenn Neues wartet. Es sei auch eine spirituelle Prüfung. Wie damals, als sie nach Indien reiste und in einer Blindenschule in Benares unterrichtete. In der Ferne spüre ich meine Wurzeln. Gott hält und führt mich auch dort. Das Nachdenken über den Hinduismus, sagt sie und über andere Religionen und Glaubensgemeinschaften, sei ein wichtiger Entwicklungsschritt gewesen. In jener Zeit verstand sie erst, was sie eigentlich längst wußte, und fühlte, daß es etliche Wege gibt, die man beschreiten kann, um Gott zu suchen und zu finden. Ein Staunen sei das gewesen, über die Vielfalt dieser Wege.
Der Gedanke, daß Kirche anziehend sein könnte
Erst mit den Jahren kommen die Fragen und meist bleiben sie. Es sind Fragen des interreligiösen Dialoges, die sie grübeln lassen. Und auch die Frage nach der Weiblichkeit Gottes. Sie sagt: Ich bin von Menschen fasziniert, die aus ihrer Beziehung zu Gott leben.
Beim Weltjugendtag trifft sie auf solche Menschen, Menschen, die mit schierer Leichtigkeit und Freude ihren Glauben teilen. Davon ist sie berührt, weil sich kulturelle Grenzen und Konflikte auf dieser von sämtlichen Erinnerungslasten losgelösten Ebene verlieren. Der Gedanke, sagt sie, daß Kirche anziehend sein könnte, wird einen Weg in die Köpfe vieler Menschen finden.
Text: F.A.Z., 15.08.2005
Bildmaterial: Christina Pahnke/sampics