14. Mai 2004 Seit mehr als einem Jahr sprechen ihre neuen Landsleute mehr über sie als über jede andere Dänin, und dennoch scheint sie wenig greifbar. Mit ihrer Fähigkeit, stets gefaßt-lächelnd präsent zu sein und doch ein wenig fern und unwirklich, hat Mary Elizabeth Donaldson eine ihrer vielen Prüfungen bestanden auf dem Weg zur kommenden Königin Dänemarks.
Mit ihrem "Ja" an diesem Freitag wird sie zunächst Kronprinzessin an der Seite Frederiks. Anders als seine künftige Frau, die sich in ihre Aufgabe erst finden mußte, war der 35 Jahre alte Hochleistungssportler stets volksnah und umgänglich, auch wagemutig. Seine Landsleute dankten es ihm, indem sie ihn mehrfach zum "Dänen des Jahres" wählten - vor Popstars, Sportlern und Politikern.
Seine Beliebtheit, die noch die seiner Mutter Königin Margrethe übertrifft, trug zum Medienrummel bei, den Dänemark in dieser Form noch nie erlebte: Seit Wochen berichten Fernsehen, Rundfunk und Zeitungen eines Landes, in dem nahezu 90 Prozent die Monarchie stützt, gewissenhaft über jede Regung, jeden Halbsatz eines entfernten Vetters oder Kumpanen eines der beiden. Allabendlich sendete das dänische Fernsehen seit Wochenbeginn gleich mehrere Filme über die "Hochzeit des Jahrhunderts". Als am Donnerstag der Wind Marys Hut vor dem Parlament wegtrug, war das großen Zeitungen einen Aufmacher wert. Selbst Krankenhäuser spüren die nationale Aufregung: Patienten, die nach langer Wartezeit einen Operationstermin für Freitag erhielten, baten um Aufschub, um das Jawort im Dom und die Kutschenfahrt durch die Innenstadt nicht zu verpassen.
Vorbildrolle: Mary statt Britney
Als Rätsel galt, wer jene 32 Jahre alte Professorentochter aus dem australischen Tasmanien denn "wirklich" sei. Auch Fernsehgespräche enthüllten wenig Überraschendes. Selbst ein zehnstündiges Gespräch mit der linksliberalen "Politiken", über fünf Zeitungsseiten verteilt, brachte wenig Erhellendes: Sie weiß den Kern des Unantastbaren zu wahren. Nun weiß man aber, daß sie verliebt und froh ist, Reiten als eine Form der Meditation empfindet, die Neugier und Energie ihres verstorbenen Großvaters bewundert und ihren Kindern Liebe schenken will.
Sie habe Stil und Klasse, befindet die Boulevardpresse, dänische Schulmädchen richteten sich nach ihr und nicht nach Britney Spears. Die Tochter von 1963 nach Australien ausgewanderten Schotten - ihre Mutter starb während einer Operation, ihre Stiefmutter schreibt Kriminalromane, ihr Vater lehrt Mathematik - wollte nicht Prinzessin werden, sondern Tierärztin, studierte dann aber Jura und Volkswirtschaft. Die Romanze begann im Jahr 2000 in einer Bar in Sydney während der Olympischen Spiele. Zunächst wußte sie nicht, mit wem sie so angeregt - der Kronprinz hat den Ruf eines Charmeurs - plauderte; als sie es dann erfuhr, ließ sie sich nicht davon beeinflussen.
Ihren Mann beschreibt Mary als warmherzig, neugierig, scherzhaft und voller Überraschungen. Mit ihm wird sie später in einem der vier Paläste der Amalienborg nahe der Innenstadt von Kopenhagen leben. Gerade noch rechtzeitig zur Hochzeit bat die Regierung das Parlament, die künftige Wohnung der beiden nach Jahren der Vernachlässigung grundlegend zu sanieren. Dort will Mary ihre Kinder aufziehen, bewacht von den Soldaten mit den Bärenfellmützen. Der Erstgeborene soll unabhängig vom Geschlecht dereinst den Thron erben, so will es eine breite Mehrheit im Parlament, die dafür die Verfassung ändern will.
Eine gewachsene Liebe
Ihre Freundschaft - eine "Liebe auf den ersten Blick" sei es nicht gewesen, sagt sie - wuchs über E-Mails und Telefonate und gelegentliche diskrete Besuche des Kronprinzen in Australien, bis sie nach Dänemark zog und Dänisch lernte. Auch da waren aber beide nicht sicher, wie es weitergeht. Daß Mary sich nicht unterbuttern läßt, bewies sie mit einem Segelwettkampf am vergangenen Wochenende: Sie und das australische Team gewannen gegen den sportlichen Kronprinzen, stilisiert als Sieg der Känguruhs über den (dänischen) Schwan. Ansonsten haßt Frederik Niederlagen, der Herausforderungen vom Kampfschwimmen über Marathon und von Hundeschlitten-Zügen durch 2800 Kilometer Grönland-Eis bis zum Tiefseetauchen sucht.
Das zum dänischen Königreich als autonomes Gebiet gehörende Grönland, das das junge Paar mit ihren Eltern im Juni besuchen wird, hat eines der ungewöhnlicheren Hochzeitgeschenke vorbereitet. Fünfzehn grönländische Frauen haben zwei Monate lang für Mary Donaldson ihre Nationaltracht genäht - aus Robbenfell mit einem farbenstrahlenden Oberteil. Auch andere Geschenke entbehren nicht der Originalität. In Südjütland, wo Frederiks jüngerer Bruder Joachim in der Schackenborg lebt, wurde dem Kronprinzenpaar zu Ehren eine zwei Kilometer lange "Königsallee" gepflanzt: an der Stelle, wo Frederiks Urgroßvater König Christian X. 1920 über die Grenze ritt, um Nordschleswig wieder Dänemark zuzuführen. "Das Volk" bringt gleich zwei Hochzeitsgaben, ein handbemaltes Porzellanservice mit einem geschwungenen F-und-M-Monogramm, entworfen von der künstlerisch begabten Königin, und ein für den "Rockprinzen" Frederik komponiertes Lied. Frederik hat das künstlerische Interesse der Mutter geerbt, wenn auch in zeitgenössischerer Version.
Danebrogs flattert nicht allein im Wind
So hat der Hamburger Choreograph John Neumeier, mit der bühnenbildnernden Königin vertraut, dem Paar einen Pas de deux geschenkt, der am Donnerstag abend im Kopenhagener Nationaltheater zur Aufführung kam: Das Tanzstück verbindet klassische Schritte zur Musik der Lieblingsgruppe Frederiks, der dänischen Hiphop-Band Outlandish, einem Einwanderertrio mit Wurzeln in Afrika, Asien und Lateinamerika. Ob der weltoffene Frederik, dessen Frau an diesem Freitag den dänischen Paß erhält, in einem Klima verschärfter Ausländerpolitik damit auch eine politische Aussage machen will?
Beim Neumeier-Tanz gibt es eine weitere Synthese: Nicht zufällig tanzten bei seinem "Romeo und Julia" ein Däne und eine Australierin. Australien hat Aufwind in Dänemark, sichtbar nicht nur daran, daß die Zahl der Flugpassagiere zwischen beiden Ländern derzeit rapide steigt. Beim
"Rock-'n'-Royal-Konzert" am vergangenen Wochenende in einem Fußballstadion spielte auch eine Band aus Tasmanien. Das Choralwerk "Die glückliche Hochzeit" eines vor einem Jahrhundert aus Australien nach Dänemark eingewanderten Komponisten wird im Stadtmuseum aufgeführt. Ein weiteres Konzert mit Musikern aus beiden Ländern bot die australische Botschaft. Supermärkte verkaufen nicht nur Kerzen mit dem Profil der beiden, sondern auch Wein aus dem tasmanischen "Mary-Land". Der Fischmarkt in Kopenhagen bietet australische Tage mit "originalen Ureinwohnern" und Designerkleidung im "Dinosaurier-Entwurf". Dänemark, das sonst zwischen Weltoffenheit und für Außenstehende wenig sichtbarer Abschottung pendelt, öffnet sich an diesem Freitag selbst mit der Aufgabe eines Tabus, allerdings nur für einen Tag: Am Freitag dürfen alle Dänen statt des Danebrogs, der nach eigenem Bekunden ältesten Fahne der Welt, auch die australische Flagge hissen, was ansonsten einer Genehmigung durch das Justizministerium bedarf.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.05.2004, Nr. 112
Bildmaterial: dpa/dpaweb