Von Jennifer Merschieve
05. Juni 2007 Ich habe jetzt eine eigene Wohnung! Die ist hier oben im Haus, so daß meine Mutter immer in der Nähe ist. Eine Ausbildungsstelle habe ich auch und sogar schon eine Tagesmutter. Was will man mehr? Also, ich bin super zufrieden, mir geht's richtig gut!
Das mit der Ausbildungsstelle hat auf Anhieb geklappt. Ich habe im vergangenen Juni meinen Realschulabschluß gemacht, und seitdem war ich beurlaubt. Das jetzt war mein erstes Vorstellungsgespräch, und die haben mir gleich danach gesagt, daß sie mich nehmen. Ich fange bei einem Verlag an, als Kauffrau für Bürokommunikation. Das ist so was wie Sekretärin. Der Verlag gibt eine Kirchenzeitung raus und Bücher und veranstaltet auch Leserreisen. Ich werde da viel am Telefon sitzen und den Leuten erklären, was für Reisen das sind.
Von nichts kommt nichts
Gut ist, daß ich nur von 8.30 bis 14.30 Uhr arbeiten muß, das ist nämlich eine Teilzeit-Ausbildung für junge Mütter. Die wird vom Arbeitsamt gefördert. Dafür geht sie dann vier Jahre statt drei. Also, für mich ist das optimal, denn ich gebe David wirklich nicht gerne ab. Mir fällt das richtig schwer, ich habe auch ein schlechtes Gewissen, wenn ich nur daran denke, aber von nichts kommt nichts, und ich will mir auch was beweisen: Daß ich das kann - mit Kind eine Ausbildung machen.
Die Tagesmutter habe ich jetzt auch seit September, seit ich die Ausbildung angefangen habe. Meine Mutter hat sie im Supermarkt kennengelernt - die war da mit ihren anderen Tageskindern frühstücken - und hat sie gleich gefragt, ob sie noch einen Platz frei hat. Sie ist ungefähr 45 Jahre alt und wohnt um die Ecke. Bezahlt wird sie vom Jugendamt, ich kann das ja nicht.
Ich lebe von Sozialhilfe
Seit ich ausgezogen bin, lebe ich von Sozialhilfe. Ich wollte das eigentlich nicht, aber es ist ja nur für sechs Monate. Jetzt verdiene ich 535 Euro im Monat, und das steigert sich dann langsam bis auf 606 Euro im vierten Lehrjahr. Außerdem bekomme ich noch bis Ende März Erziehungsgeld, dann Berufsausbildungsbeihilfe, Kindergeld für David und mich und Unterhalt vom Jugendamt, weil mein Freund Daniel den ja nicht zahlen kann.
Daniel ist fast jeden Tag hier. Eigentlich läuft es ganz gut, aber es ist immer so ein Auf und Ab mit uns, wie beim Wehenschreiber. Vor ein paar Wochen hatte ich mich sogar von ihm getrennt: Daniel war nie zu Hause, eigentlich seit der Geburt nicht, und hat nie was mit mir und seinem Sohn gemacht. Selbst am Wochenende war er meist bis sechs, sieben Uhr morgens mit seinen Kumpels unterwegs! Für mich war das vor allem schlimm wegen David, weil der eine Beziehung zu seinem Vater haben soll. Es ging mir dabei gar nicht so sehr um mich.
Die Frau wird reif, aber der Junge braucht länger
Manchmal denke ich, Jungs sind ein bißchen zurück in ihrer Entwicklung. Es ist ja so: Die Frau wird reif, während das Kind im Bauch ist, aber der Junge braucht länger, bis ihm das alles so klar wird. Bei mir hat sich wirklich etwas verändert, seit David da ist: Ich bin bereit, etwas aufzugeben, ich tue es sogar gern. Ich denke nie mehr: So, jetzt heute mal nur ich! Ich denke immer für zwei. Obwohl, manchmal überkommt es mich auch, dann schießt mir durch den Kopf: Ich hau' jetzt ab, macht's gut, ich will jetzt mal an nichts anderes mehr denken als an mich, keine Tasche packen, nicht den Kinderwagen nehmen, einfach los - so diese Freiheit, Unabhängigkeit spüren. Ich war ja früher nur auf Ritt . . . Aber in Wirklichkeit kann ich das gar nicht mehr. Ich kann nicht ohne mein Kind sein. Vor ein paar Monaten haben Daniel und ich uns mal eine Nacht im Hotel gegönnt, einfach so, und da bin ich morgens um acht Uhr aufgestanden und nach Hause gefahren, zu David.
Seit Daniel und ich wieder zusammen sind, unternehmen wir mehr gemeinsam: spazierengehen oder auf den Spielplatz, Eis essen oder einen Stadtbummel machen. Abends sehen wir zusammen fern, und sonntags gehen wir zu Daniels Oma, erst Mittag essen und dann in den Schrebergarten. Da kommt Daniels ganze Familie, das sind insgesamt vierzehn Leute. Wenn wir abends ausgehen, in die Disko, machen wir das aber lieber getrennt. Das hat sonst gar keinen Sinn, Daniel ist so eifersüchtig, wenn mich nur ein anderer Mann anschaut, kann er das schon nicht haben. Und es ist ja auch anders, wenn man ohne seinen Freund ausgeht, da ist man doch viel ausgelassener und kann mehr Kacke machen und sich bescheuerter geben.
Daniel lebt so, als hätte er kein Kind
Daniel ist dieses Jahr auch alleine in den Urlaub gefahren, mit seinen Kumpels. Ich würde nie ohne mein Kind in den Urlaub fahren, aber wenn ich nur Vater wäre, würde ich mir das vielleicht auch gönnen. Eigentlich lebt Daniel so, als hätte er gar kein Kind. Er ist auch nie lange mit David allein.
Mein Tagesablauf sah bisher so aus: zwischen sieben und zehn Uhr aufstehen, je nachdem, wie lange David schläft. Frühstücken, anziehen, einkaufen oder Hausarbeit machen. Ich habe so helles Ahornparkett, da sieht man jeden Krümel, das stört mich so sehr, da muß ich jeden Tag saubermachen. Dann spüle ich, koche für David und mich, Kartoffelbrei mit Spinat oder Fischstäbchen, auch mal Hackfleisch, Nudeln, Reis oder Buttergemüse, und dann gehen wir raus: auf den Spielplatz oder in die Stadt, oder wir treffen uns mit meiner Freundin Steffi. Ich kenne sie seit November. Sie ist zwanzig Jahre alt und Bäckereifachverkäuferin. Sie ist wie eine Lebensgefährtin für mich, so oft ist sie hier.
Ob er der Mann meines Lebens ist?
Heiraten will ich nicht. Also, vielleicht doch, wenn ich 40 bin und noch mal einen Kick brauche. Aber irgendwann läßt man sich ja doch scheiden, und dann ist das zu teuer. Es haben sich so viele getrennt, meine Eltern ja auch, und seitdem ich das immer so höre, will ich nicht mehr heiraten. Daniel denkt genauso, da sind wir einer Meinung, und wir haben schon ganz oft drüber gesprochen. Wenn er mich jetzt trotzdem fragen würde, würde ich auf jeden Fall nein sagen. Ich bin achtzehn Jahre alt, seit einigen Wochen schon, ich weiß aber doch nicht, ob er der Mann meines Lebens ist.
Aufgezeichnet von Katrin Hummel
Text: F.A.Z.