02. Mai 2003 Noch anderthalb Tage nach den verheerenden Bombenangriffen des 13. und 14. Februar 1945 hatte die Frauenkirche über die Trümmer der stolzen Stadt Dresden hinausgeragt. Dann brach das ausgebrannte und durchgeglühte Gotteshaus doch am 15. Februar mit ungeheurer Wucht in sich zusammen. Wie die weltberühmte steinerne Glocke stürzte auch die einzige im Turm noch verbliebene bronzene Glocke in die Tiefe und wurde von den Gesteinsmassen zerschlagen. Lange schien es, als habe die Frauenkirche ihre Stimme für immer verloren. Aus Deutschlands bekanntester Ruine, die die Dresdner zu DDR-Zeiten vor der "Enttrümmerung" bewahren konnten, ist längst die prominenteste Baustelle der Bundesrepublik geworden. Als die Stadt überragendes Mahnmal für Frieden und Versöhnung ersteht die Frauenkirche mit Hilfe von Spendern aus aller Welt möglichst getreu den Plänen des Ratszimmermeisters George Bähr wieder.
Nach mehr als 58 Jahren bekommt die Frauenkirche nun auch ihre Stimme zurück. Mit einer festlichen Prozession durch die Innenstadt haben die Dresdner am Freitag die neu gegossenen Glocken begrüßt. Der Wiederaufbau der Frauenkirche gab den Bürgern immer wieder Anlaß zum Feiern: 1993, als der Hochaltar aufgefunden wurde, 1996 nach der Fertigstellung des als "Unterkirche" bezeichneten Kellergewölbes, 2000, als das in England rekonstruierte goldene Kuppelkreuz überreicht wurde, und im Jahr darauf, als der sogenannte Schmetterling, ein 95 Tonnen schweres Fragment, das sich im Februar 1945 kopfüber in das Neumarkt-Pflaster gebohrt hatte, an seinen ursprünglichen Ort am Treppenturm G eingepaßt wurde.
Die Ankunft der Glocken ist freilich ein besonderes Ereignis, das drei Tage lang gefeiert wird. Der Zug der Glocken wurde am Freitag nachmittag von Bläsern und 200 Kindern begleitet, führte an den Kirchen der Innenstadt vorbei, deren Glocken ihre neuen Schwestern begrüßten, und endete auf dem Schloßplatz. Den Samstag über kann man die reichverzierten Glocken noch eingehend aus der Nähe betrachten. "In den relativ engen Glockentürmen wird dies nicht mehr möglich sein", sagt Eberhard Burger, Baudirektor der Frauenkirche. Von Samstag auf Sonntag findet eine "Glocken-Nacht" statt: Bis 6 Uhr lesen Schauspieler zu jeder vollen Stunde "Die Glocke" von Friedrich Schiller. Höhepunkt ist am Sonntag der festliche Gottesdienst mit Landesbischof Volker Kreß. Dabei werden die Glocken erstmals angeschlagen.
Die Frauenkirche bekommt ihr viertes Geläut. Nur eine einzige Glocke überstand die Wechselfälle der Geschichte - sie wurde 1518 gegossen und läutete schon im 1727 abgerissenen Vorgängerbau der Frauenkirche von George Bähr. Der Baumeister hatte mit dem zweiten Geläut 1734 allerdings zu große Glocken in den Turm gebracht und sie zudem falsch verankert, was zu enormen Rissen in den Wänden führte. Im Ersten Weltkrieg wurden die beiden mittleren Glocken des Gotteshauses beschlagnahmt und eingeschmolzen. Erst 1925 konnte aus drei neugegossenen und einer aus dem Jahre 1734 stammenden Glocke das dritte Geläut zusammengestellt werden. Die Glocke von 1518 wurde nicht einbezogen, da sie als "etwas unrein im Ton" galt. Sie blieb erhalten. Die drei 1925 gegossenen Glocken dagegen wurden 1941 im Turm zerschlagen, um die Scherben an die Rüstungsindustrie abzuliefern. 1997 kaufte die Stiftung Frauenkirche die Maria geweihte Glocke aus dem Jahr 1518 zurück; seit 1998 wartet sie in einem hölzernen Träger neben der Frauenkirchen-Baustelle auf die Vervollständigung des Geläuts.
Daß der erste Guß von sechs der sieben neuen Glocken für die Frauenkirche im vergangenen Dezember mißlang, gilt den Dresdnern nicht als schlechtes Omen. Aufmerksam haben sie das Ereignis verfolgt und wissen nun, daß der Glockenguß zu den hochriskanten Ereignissen im Leben gehört. Kein Glockengießer kann alle seine Werke ohne Veränderung ausliefern. Das jahrhundertealte bewährte, aber komplizierte Lehmgußverfahren ist anfällig; in der Regel werden zwei Drittel der Glocken durch Abschleifen korrigiert oder müssen sogar neu gegossen werden. Wegen der Bedeutung des Auftrags war Glockengießer Albert Bachert jedoch sehr erschrocken, als er Anfang des Jahres in seinem Bad Friedrichshaller Betrieb feststellen mußte, daß bei sechs von sieben der äußerlich brillant gelungenen Glocken ein Teilton zweimal erklang. Nur die Friedensglocke mit dem Namen Jesaja traf den richtigen Ton. Bachert ist davon überzeugt, daß die Darstellungen biblischer Szenen auf den äußeren Glockenwänden zu massiv geraten waren. "Wir wissen von unseren Vorvätern, daß die Verzierung nicht so dick sein soll", sagt Bachert, der den gleichnamigen, im 18. Jahrhundert gegründeten Betrieb leitet. Also gestaltete Künstler Christoph Feuerstein seine Glockenzier etwas flacher, ohne dabei am inhaltlichen Erscheinungsbild etwas zu verändern. Der zweite Guß gelang. Ende April bestanden Johannes, Philippus, Josua, David, Jeremia und Hanna die Werkabnahmeprüfung. Ihre mißlungenen Zwillingsschwestern stehen in der Bachertschen Glockengießerei in Bad Friedrichshall. Ein Student aus Karlsruhe untersucht sie nun für seine Diplomarbeit. Per Schwingungssimulation will er wissenschaftlich untersuchen, ob das "Frauenkirchen-Phänomen" tatsächlich durch die Dicke der Zier hervorgerufen wird. Eingeschmolzen werden sollen die Glocken auf keinen Fall. Nicht nur mehrere Kirchengemeinden, sondern auch Fans der Frauenkirche interessieren sich für das Geläut.
Schon bald werden die Dresdner wieder eine wichtige Etappe des Wiederaufbaus der Frauenkirche feiern können: An Pfingsten soll erstmals das gesamte Geläut zu hören sein. Jede Glocke wird erst einzeln erklingen, dann wird sich das volle Geläut aufbauen, bis schließlich die Geläute der Nachbarkirchen einstimmen. Und Ende Juni - drei Monate früher als geplant - soll auch die steinerne Glocke vollendet sein.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.05.2003, Nr. 102 / Seite 7