11. Februar 2005 Endlich kam er, der Artikel von Sandra Kegel "Wir Rabenmütter" (F.A.Z.-Feuilleton vom 7. Januar). In der Berichterstattung zur Kinderbetreuung war ich bis dato nämlich uneinig mit der ansonsten sehr geschätzten F.A.Z. Die in Ihrer Zeitung häufig aufgeworfene Frage "Wozu haben die Eltern denn ihre Kinder (wenn sie sie denn ganztägig betreut haben wollen)?" ist, gestatten Sie mir, falsch gestellt und irreleitend. Die Antwort ist so nahe liegend wie klar: betrachten Sie Ihre Kinder im Schlaf, spüren Sie die Wärme in Ihrer Herzgegend - und Sie wissen. Meines Erachtens geht es weniger um das Ob des Kinderhabens als um das Wie einer guten Elternschaft und Erziehung.
Sandra Kegel stellt richtig fest, daß die moderne Familie es schwerer hat als früher. Am Beispiel der Mutter wird das besonders deutlich. Der Familienverband mit Großeltern und (zahlreichen) Geschwistern ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Sein Entlasten und Ergänzen beim Großziehen der Kinder bricht weg, die Mutter steht allein in der Verantwortung. Und sollte die vormals Berufstätige im Hausfrauendasein keine vollständige Erfüllung finden, schmälert ihre Mutterfreude der Frust, daß Beruf und Spaß an der Arbeit bis auf weiteres gestundet sind. Von außen kommt Druck hinzu, ausgeübt durch eine kinderarme Gesellschaft, die Familien unzureichend wahrnimmt und achtet.
Die Politik kann die Gesellschaft natürlich nicht auf Familienfreundlichkeit trimmen, soll sie auch gar nicht. Was sie aber tun kann, ist Rahmenbedingungen schaffen, die das Familien- und Elternsein in Deutschland befördern - und eventuell zur Nachahmung empfehlen. Die Ausweitung von Kinderbetreuungseinrichtungen steht meines Erachtens ganz oben auf der Agenda. Wohl wahr, daß jüngste Umfragen den Zusammenhang von Betreuungsangebot und Familiengründung nicht bestätigen. In meinen Augen erfährt öffentliche Kinderbetreuung aber ihre Daseinsberechtigung gar nicht so sehr durch Frauen, die an der Schwelle zur Familie stehen. Sie richtet sich an Mütter, die schon Kinder haben - und die die Freiheit genießen sollen, zu wählen, ob sie arbeiten wollen. Diese Wahlfreiheit haben Mütter in Deutschland noch lange nicht.
Ich habe eineinhalb Jahre warten müssen, bis meine zwei Kinder einen Kita-Platz bekamen. Eineinhalb halbwegs verschenkte, da unzufriedene Jahre. In der Wahlfreiheit von Müttern sollte das maßgebliche Motiv für den Ausbau von Betreuungsstätten liegen. Ich wage die Vermutung, daß es Müttern einfacher fällt, gute Mütter zu sein, wenn die Beziehung zum Kind von dem Bewußtsein getragen wird, daß sie zu Hause bleiben können, aber nicht müssen. "Per aspera ad astra" verstehe ich in diesem Kontext als Aufruf an die Politiker, daß sie die Widrigkeiten der Kinderbetreuung in Deutschland beiseite räumen. Und an alle Noch-nicht-Eltern, daß sie unverzagt Familie wagen. Die Sterne warten.
Heidrun Rothweiler, Esslingen
Text: F.A.Z., 12.02.2005, Nr. 36 / Seite 8