Verdacht bestätigt

BSE-Erreger in Muskelfleisch nachgewiesen

Von Joachim Müller-Jung, Berlin

28. Februar 2003 Die Erreger tödlicher Prionenkrankheiten wie Rinderwahnsinn (BSE) oder Scrapie dringen möglicherweise doch in größeren Mengen ins Muskelfleisch ein. Das legt eine Untersuchung nahe, über die Michael Beekes vom Berliner Robert-Koch-Institut jetzt auf dem 7. Kongress für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin in Berlin berichtete.

Im vorigen Jahr hatte bereits die Gruppe um Nobelpreisträger Stanley Prusiner die veränderten, infektiösen Prionenproteine im Muskelfleisch von Mäusen gefunden. Allerdings war das der erste Befund dieser Art, der auch prompt auf heftige Kritik gestoßen war. Bis dahin nämlich waren die Erreger der sogenannten übertragbaren spongiformen Enzephalopathien fast ausschließlich im Nerven- und Lymphgewebe erkrankter Tiere gefunden worden. Das galt für BSE-Rinder ebenso wie für die an Scrapie erkrankten Schafe, für Katzen und auch für die - vor allem in jüngster Zeit in Nordamerika - infizierten Hirsche und ihre Verwandten.

Weg der Infektionen verfolgt

Auch Beekes und seine Leute am Robert-Koch-Institut, die mit Scrapie-Erregern arbeiten, haben den starken und letztlich tödlichen Befall von Nerven und Gehirn gefunden. Beekes experimentiert dazu mit Goldhamstern, die mit prionenhaltigen Futterpellets gefüttert werden und etwa ein halbes Jahr nach der Übertragung erste deutliche Zeichen der Krankheit zeigen und bald darauf an der Scrapie-Infektion zugrunde gehen.

Am Robert-Koch-Institut konnte man so den genauen Weg der Infektion, die die gefährlichen Prionen im Körper nehmen, nachweisen. Demnach breiten sich die Erreger vom Darm über das autonome Nervensystem, den Vagusnerv und den Splanchnicus-Nerv ins Rückenmark und ins Gehirn aus. Offenbar gibt es zwei Eintrittsstellen im Zentralnervensystem: Am Hirnstamm und etwas tiefer im thorakalen Rückenmark.

Bislang galt Rindfleisch als sicher

Die Berliner Forscher konnten sich bei ihren Untersuchungen zunutze machen, daß man die Scrapie-Prionen gut mit verschiedenen Verfahren nachweisen kann. Mit einem Antikörper beispielsweise läßt sich der Erreger zuverlässig - viel besser jedenfalls als etwa der BSE-Errger - erkennen und im Gewebe sichtbar machen. Deshalb haben Beekes und sein Team die Möglichkeit geprüft, ob tatsächlich auch das Muskelfleisch der kranken Tiere im Verlauf der Infektion befallen wird.

Die im vergangenen Jahr in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften (Bd. 99, S. 3812) veröffentlichten ersten Hinweise haben schon damals Unruhe nicht zuletzt bei Verbrauchern und Gesundheitspolitikern ausgelöst. Denn Rindfleisch hatte bis dahin als sicher gegolten, jedenfalls solange man darauf achtete, daß Teile des Nervengewebes und etwa auch beim T-Bone-Steak die Fettränder am Knochen entfernt wurden. Diese Sicherheit war nun erstmal in Frage gestellt.

Minimale Mengen können Infektion auslösen

Und die Ergebnisse der Berliner Forscher werden sie vorerst auch nicht wiederbeleben. Denn die mit dem Futter - und nicht etwa, wie in anderen Experimenten häufig, ins Hirn gespritzten Scrapie-Erreger - breiteten sich bei den Hamstern in die unterschiedlichsten Teile der Skelettmuskulatur aus. In die Oberschenkel genauso wie in die Schulter-, Bauch- und Rückenmuskulatur. „Sämtliches untersuchte Muskelgewebe war positiv“, sagte Beekes auf dem Berliner Kongress.

Entscheidend aber, darauf weisen Fachleute immer wieder hin, ist die Menge der Prionen im Gewebe. Im Nervensystem der erkrankten Goldhamster hat man wie erwartet einen starken Befall mit den infektiösen Prionenproteinen gefunden, aber auch im Muskel, so Beekes, seien „große Mengen“ gefunden worden. Ein bis zwei Gramm des Muskelfleisches im Futter - also etwa ein Hundertstel des Gewichts - genügen nach den Erfahrungen Beekes, die Infektion zu übertragen.

Wichtige Bestätigung eines Verdachts

Was aber bedeutet das für den Menschen und den Genuß etwa von Rindfleisch? Bisher noch nicht viel, jedenfalls sind die Wissenschaftler selbst noch zurückhaltend. „Es ist eine wichtige Bestätigung des ersten Verdachts. Aber wir können bisher nicht sagen“, so Beekes, „inwieweit die Ergebnisse und die ermittelten Angaben auf andere Tiere und den Menschen übertragbar sind.“

Und auch der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Reinhard Kurth, warnte vor voreiligen Schlüssen: „In Großbritannien hat sich gezeigt, daß sich die BSE-Erreger in der Bevölkerung nicht so wie in einigen epidemiologischen Studien befürchtet ausgebreitet haben“, kommentierte Kurth die besorgniserregenden, inzwischen zur Veröffentlichung eingereichten Befunde seines Hauses. Möglicherweise müsse man also auch in diesem Fall nicht das Schlimmste annehmen.

Text: jom

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